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«Das Verfahren schreckt viele ab»

Kreuzlingen – Im Vergleich zu anderen Städten und Gemeinden gibt es in Kreuzlingen wenig Einbürgerungen (wir berichteten). Die SP ging am Mittwochabend in ihrem jüngsten Stadtgespräch den Gründen auf die Spur.

Sorgten für einen informativen Abend (v.l.): Anà Tomas, Monica da Silva, Nina Schläfli, Daniel Lauber, Guiseppe Custodero und Zeljka Blank. (Bild: Thomas Martens)

Sorgten für einen informativen Abend (v.l.): Anà Tomas, Monica da Silva, Nina Schläfli, Daniel Lauber, Guiseppe Custodero und Zeljka Blank. (Bild: Thomas Martens)

Nur wenige Fragen blieben nach der lebhaften und anregenden Diskussion im Rosenegg-Torggel vor rund 50 Gästen offen. Doch ausgerechnet die wichtigsten konnten nicht beantwortet werden: Wieso gibt es in Kreuzlingen immer noch ein derart kompliziertes Einbürgerungsverfahren, was von verschiedenen Seiten mehrfach bestätigt wurde, und weshalb schreckt der Kanton davor zurück, den Gemeinden die Möglichkeit zu geben, wenigstens ein kommunales Stimm- und Wahlrecht für Ausländer einzuführen?

Unter Leitung von SP-Gemeinderätin Nina Schläfli gaben Anà Tomas vom Ausländerbeirat, Integrationsdelegierte Zeljka Blank, Daniel Lauber (SVP), ehemaliger Präsident der Einbürgerungskommission, Monica da Silva und Guiseppe Custodro Einblick in die gängige Praxis. Und diese sei in Kreuzlingen überaus restriktiv. Zwar gebe es keine Hausbesuche mehr – was von einem Besucher, der sich hat einbürgern lassen, bedauert wurde – dafür aber eine entwürdigende Befragung vor zehn Kommissionsmitgliedern, was an ein Gerichtsverfahren erinnere.

Dabei wollen die Bewerber mit der Einbürgerung ja nur das letzte Mosaiksteinchen zu ihrer neuen Heimat setzen. «Ob jemand tatsächlich integriert ist, lässt sich mit diesem Verfahren nicht feststellen», sagte Zeljka Blank, die tagtäglich mit Migranten zu tun hat. Die jetzige Praxis schrecke eher ab, vor allem Jugendliche. Diese fühlten sich bereits voll integriert, seien hier zur Schule gegangen und müssten sich dann noch einem Test stellen – «das gibt eine Trotzreaktion».

Guiseppe Custodero stellte sich trotz allem dem Verfahren, hat aber ebenfalls nur wenig dafür übrig: «Wenn ich hier zur Schule gegangen bin und den Test nicht bestehe, dann hat das Schweizer Schulsystem versagt», bringt er in akzentfreier Thurgauer Mundart auf den Punkt, dass er sich intensiv auf den Fragenkatalog vorbereiten musste. Er bezweifelte, dass die meisten Schweizer die Fragen beantworten können, die für ihn teilweise ins Lächerliche zielten. So wollte die Kommission von ihm wissen, ob er gute Restaurants in Kreuzlingen nennen könne. «Man spürt einfach keine Wertschätzung den Bewerbern gegenüber.» Und für eine Besucherin stellte sich die Frage, was denn eigentlich den Ur-Schweizer ausmache, wenn es ihn überhaupt noch gebe.

Im Vergleich zu Anà Tomas, die zusammen mit ihrem 18-jährigen Sohn das Prozedere gerade über sich ergehen lässt, will es Monica da Silva erst gar nicht soweit kommen lassen: «Ich fühle mich voll integriert und habe keine Nachteile ohne Schweizer Pass.» Sie bedauert allerdings, kein Stimm- und Wahlrecht zu haben, ein Umstand, den SP-Kantonsrätin Barbara Kern zwei Mal mit parlamentarischen Vorstössen beim Thurgauer Regierungsrat ändern wollte, damit aber auf Granit biss.

Dass eine Vereinfachung des Verfahrens in Kreuzlingen dringend geboten ist, daran bestand an diesem Abend kein Zweifel. Daniel Lauber machte klar, dass neben der Stadt auch der Kanton mit seiner Gesetzgebung dazu beitragen kann und muss.

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