/// Rubrik: Stadtleben | Topaktuell

Graubereich Atomstrom

Kreuzlingen – 2012 beauftragte der Gemeinderat den Stadtrat, der Kreuzlinger Bevölkerung eine atomfreie Alternative für ihren Strombezug anzubieten. Standardmässig wurde daraufhin Wasserstrom an die Haushalte geliefert. Doch nach der Öffnung des Energiemarktes 2014 veränderte sich die Situation grundlegend. Heute wird nur noch undefinierbarer Graustrom geliefert, welcher mittels Zertifikaten veredelt wird. Und diese kommen auch von Atomkraftwerken.

2012 wurde der Stadtrat beauftragt, Kreuzlingen von Atomstrom zu befreien. Doch noch immer werden für die CO2-Bilanz Kernkraftzertifikate hinzugekauft. (Bild: ek)

2012 wurde der Stadtrat beauftragt, Kreuzlingen von Atomstrom zu befreien. Doch noch immer werden für die CO2-Bilanz Kernkraftzertifikate hinzugekauft. (Bild: ek)

Gemeinderat Daniel Moos (FL/Rägäboge) ist erstaunt. Er sieht seine 2012 von der Kreuzlinger Legislative für erheblich erklärte Motion vom Stadtrat nicht umgesetzt. Darin forderte er Massnahmen und Vorschläge, um den elektrischen Energiebedarf von Kreuzlingen rasch möglichst ohne Atomstrom zu decken.

Die Technischen Betriebe Kreuzlingen (TBK) stellten ihr Angebot 2013 daraufhin um: Das Grundangebot der TBK kam von Wasserkraftwerken. Nur auf Wunsch konnte der etwas günstigere Basismix bestellt werden, welcher zu diesem Zeitpunkt aus ca. 85 Prozent Kernenergie und 15 Prozent Wasserkraft bestand.

Veredelt oder verstrahlt?
Im Rahmen der fortschreitenden Strommarktöffnung konnten die TBK ab 2014 nur noch Strom aus nicht überprüfbaren Energieträgern beziehen. Diese als Graustrom bezeichnete Energie kann sich auch aus Kohle-, Gas- und Atomstrom zusammensetzen. Die TBK kauft als Herkunftsnachweis Wasserkraft-, aber auch Kernenergie-Zertifikate hinzu. Genau daran stört sich Moos: Der Graustrom wird nicht nur mit Wasserkraft veredelt, sondern auch mit Atomkraftwerkzertifikaten «verstrahlt», wie er  in der vergangenen Gemeinderatssitzung ausführte. Aus seiner Sicht wurde seine Motion damit vom Stadtrat nicht vollständig umgesetzt.
Dem widerspricht Guido Gross, Direktor der Technischen Betriebe Kreuzlingen.

Mit dem Zukauf von Atomzertifikaten werde für die Kunden, welche die Wasserkraft abgewählt haben, nur der Zustand wie vor der Umsetzung der Motion wiederhergestellt. «Sonst hätten Kunden mit dem Basismix plötzlich nur noch Graustrom.» Die 2013 erfolgte Umstellung mit geschätzten einmaligen Kosten von 100’000 Franken sieht er als Erfolg an: «Durch den Verkauf von Wasserstrom wurden die Anteile im Segment der Haushaltkunden umgedreht». Davor lag der Anteil bei allen Kunden bei 25 Prozent Wasser- und 75 Prozent Atomstrom. Heute beziehen 85 Prozent der Hauhaltkunden durch Wasserkraft veredelten Strom. Die eigentliche Aufgabe bestehe zurzeit darin, auch das Gewerbe und die Industrie vom atomfreien Strom zu überzeugen.

Zertifikate ersetzen
Rund 55’000 Franken jährliche Mehrkosten würde es verursachen, alle Atomzertifikate durch Wasserzertifikate zu ersetzen bzw. 20’000 Franken nur für die Haushaltkunden. «Wo ist das Problem? Am Geld kann es nicht liegen», echauffierte sich Moos im Plenum. Für Gross macht diese Massnahme wenig Sinn: «Die Kosten sind jährlich wiederkehrend und können schwanken.» Viel eher setze er seine Mittel in Direktinvestitionen ein. Bestes Beispiel dafür ist das dritte Stromangebot der TBK: regional erzeugter Thurgauer Naturstrom. «Dieser Weg dauert zwar länger, dafür weiss man im Gegensatz zu den Zertifikaten, wofür man sein Geld ausgibt», so Gross.

Für Daniel Moos geht das nicht schnell genug: «Ich fordere den Stadtrat auf, mir für ein atomfreies Kreuzlingen einen entsprechenden Massnahmen- und Zeitplan vorzulegen.»

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