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Aus der Vergangenheit lernen

Münsterlingen – Im Rahmen der Feierlichkeiten zum 175 Jahr-Jubiläum des Kantonsspitals Münsterlingen fand Mitte September ein Symposium zur Spitalgeschichte statt. In vier fundierten Referaten zu den Geschehnissen und Entwicklungen rund um das Spital zeigten die Referenten auf, dass es hier immer Menschen mit Sendungsbewusstsein gab, die Veränderungen und Fortschritt im Sinn hatten.

Bedeutende Personen, die die Geschichte des Kantonsspitals Münsterlingen massgeblich geprägt haben, waren in ihrer Zeit Vorreiter in Medizin, Politik und Gesellschaft und wollten vor allem eins: etwas bewegen. Die Historikerin lic. phil. Verena Rothenbühler, die beim Medizinhistorischen Symposium einen Überblick zur Entwicklung von der «Irrenanstalt am See» bis zum modernen Spitalcampus gab, verband ihre Ausführungen mit den Geschehnissen in der Aussenwelt und den politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten. Erst ein neues Steuerwesen und die Aufhebung der Klöster brachten die Geldmittel für ein Irrenhaus und ein Spital.

Prof. Dr. Dr. Ulrich Tröhler. (Bild: zvg)

Prof. Dr. Dr. Ulrich Tröhler. (Bild: zvg)

In der Antike wurden zahlungskräftige Kranke von Ärzten zu Hause betreut, Arme suchten göttliche Hilfe in Tempeln und Wallfahrtsstätten. Spitäler sind Einrichtungen der Neuzeit. Erst der christliche Gedanke der Nächstenliebe und Barmherzigkeit führte im Abendland zur Bildung von Einrichtungen, in denen kranke Pilger («Hospitium» von Hospes, lat. «der Fremde, der Gast») gepflegt wurden. Im 3.-4. Jahrhundert nach Christus entstand ein erstes Spital im heutigen Sinn auf einer Tiber-Insel in Rom. Das erste Spital der Schweiz fand sich im 9. Jahrhundert in Chur und ein weiteres in St. Gallen im Klosterkomplex. Das erste Spital am Bodenseeufer war «eher erbärmlich», wie der Kantonsapotheker Dr. Rainer Andenmatten es beschrieb. Die Pflege übernahmen Augustinerinnen, später Benediktinerinnen. Die heute noch vorhandenen Pavillonbauten stammen aus der Zeit um 1910 und waren für die damalige Zeit vorbildhaft.

Wichtige Namen aus der Medizingeschichte am Kantonsspital Münsterlingen sind Ludwig Binswanger, der 1850 als erster Irrenarzt bestellt wurde. Conrad Brunner aus Diessenhofen war 1896 bis 1922 Chefarzt am Kantonsspital Münsterlingen und gilt als Vater der modernen Wundbehandlung. Prof. Dr. Dr. Ulrich Tröhler aus Bern stellte Brunners Hauptwerk vor: es umfasst die Geschichte der medizinischen Wundbehandlung auf 793 Seiten und 63 Seiten Literatur zeigen die Belesenheit des Arztes. Brunner sah sich als krönender Abschluss dieser Geschichte, seine Empfehlungen zur Wundbehandlung wurden auch vor Ferdinand Sauerbruch gelobt. Indem Brunner 14 Doktorarbeiten betreute, gab er sein Wissen an die nächste Ärztegeneration weiter.

Bis heute ist der Name Herrmann Rorschach in Psychologe und Psychiatrie ein Begriff. Der nach ihm benannte Rorschach oder «Tintenklecks-Test» kommt immer noch zum Einsatz. 1909 trat der Psychiater eine Stelle als Assistenzarzt in Münsterlingen an und untersuchte die Patienten mit psychologischen Tests, die in dieser Zeit sehr vielfältig waren. Ziel der Untersuchungen war es, «normal von gestört» sicher unterscheiden zu können, erklärte Dr. Martina Wernli. Da die Krankenakten aller Patienten im Staatsarchiv Thurgau vorhanden sind, finden Forscher eine Fundgrube an Daten. Rorschach fotografierte seine Patienten, auch dieser Schatz könnte von wissenschaftlich Interessierten gehoben werden.

Das Psychiaterehepaar Roland Kuhn und Verena Gebhart-Kuhn setzten die psychologische Forschung von Herrmann Rorschach fort. Sie erkannten aber auch, dass psychische Erkrankungen mit biochemischen Mitteln zu behandeln waren. Sie waren die ersten, die das bis heute noch in der Psychiatrie verwendete Antidepressivum Imipramin bei Patienten einsetzten. Zu dem viel diskutierten Thema der Psychopharmakoforschung referierte Staatsarchivar Herr lic. phil. André Salathé (Frauenfeld), der mit der Organisation eines Forschungsprojekts zur Aufarbeitung der medizinischen, historischen und juristischen Fragen rings um die Forschung der Kuhns betraut wurde.

Mit den vier Referaten zu am und für das Kantonsspital Münsterlingen Tätigen, die in der Medizingeschichte einen Namen haben, wurde gezeigt, dass keine Person im luftleeren Raum handelt, Versuch und Irrtum nahe liegen. Allen Personen gemeinsam war ein Sendungsbewusstsein und der Wunsch, die medizinische Behandlung zu verbessern.

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