/// Rubrik: Region

Botschafter der deutschen Theaterkultur

Konstanz – Das älteste dauerhaft bespielte Theater Europas reist nach Kuba. Konstanz liegt damit im Trend einer neuen europäischen Kulturpolitik im karibischen Inselstaat, sagt Prof. Dr. Christoph Nix, Intendant des Theater Konstanz, im Interview mit Jürgen Hoeren.

Nimmt kein Blatt vor den Mund: Theaterintendant Christoph Nix. (Bild. archiv)

Nimmt kein Blatt vor den Mund: Theaterintendant Christoph Nix. (Bild. archiv)

Was ist das Besondere an der Reise des Theaters Konstanz in das heutige, aufbrechende Kuba?
Christoph Nix: Wir sind das erste deutsche Theater, das mit kräftiger Unterstützung des Deutschen Aussenministers Frank-Walter Steinmeier und des Goethe-Instituts vom 16. bis 28. Oktober nach Kuba reisen darf und sich dort mit dem Stück «Gestern habe ich aufgehört, mich zu töten. Dank Dir, Heiner Müller» präsentieren darf. Der kubanische Autor Rogelio Orizondo Gómez ist ein junger oppositioneller Künstler, der hier in Konstanz war und deutschlandweit beachtet wurde. Für uns eine einzigartige Premiere. Wir sind so etwas wie die Botschafter der deutschen Theaterkultur.

Wie beurteilen Sie die derzeitigen politischen Verhältnisse in Kuba.
Unsere Theaterreise nach Kuba erfolgt in einer besonderen politischen und kulturellen Situation. Gestern sind 250 Demokratieaktivistinnen und Aktivisten auf Kuba verhaftet worden. Ein Zeichen dafür, dass nach dem umjubelten Papstbesuch in Havanna und der Annäherung zwischen den USA und Kuba, die Freiheit der Meinungsäusserung, die Demonstrationsfreiheit, so wie wir sie kennen, auf Kuba noch nicht realisiert wird. Es herrscht noch ein Klima der Angst. Umso wichtiger ist unser Besuch, der ein Symbol der Öffnung darstellt.

Wie kam dieser Kontakt zustande? Ist es nicht eine Hybris, dass ein kleines Stadttheater meint, internationale Kulturpolitik machen zu wollen?
Wir haben bereits vor drei Jahren zarte Kontakte zur kubanischen Theaterwelt, zu Schauspielern und zur Schauspielergewerkschaft in Havanna geknüpft. Ich war dort und habe um Konstanz geworben. Clara de la Luz hat im Stadttheater die Maria de Buenos Aires gespielt. Sie ist ein umjubelter Star aus der grossen, anderen, der karibischen Welt.
Eine sechszehnköpfige Gruppe von Schauspielern und Regisseuren konnten wir dieses Jahr nach Konstanz einladen und eine Bühne auf den Strassen dieser Stadt bieten. Die Resonanz auf die Auftritte war sehr gross. Wir konnten das Projekt nur mit der grosszügigen finanziellen Unterstützung der katholischen Deutschen Bischofskonferenz in Höhe von 125’000 Euro durchführen. Die Bischofskonferenz unter Führung des Mainzer Kardinals Lehmann war es im Übrigen, die schon im Dezember 1988 mit einer Delegation Kuba besuchte, die Kirchen u.a. Einrichtungen im schulischen und im publizistischen Bereich unterstützte: eine erste Brücke zwischen Deutschland und Kuba baute.

Wie gross ist Ihre Reisedelegation und wer gehört ihr an?
Zu unserer 34-köpfigen Delegation gehören nicht nur Schauspieler, sondern auch Vertreter des Gemeinderats sowie Freunde des Theaters. Mein Ziel ist es, die Kontakte zwischen den kleinen Bühnen auf Kuba und dem Stadttheater Konstanz auszubauen. In unserer Delegation sind auch Bühnenhandwerker aus der Schreinerei, dem Malsaal und eine Auszubildende Veranstaltungskauffrau. Ich wünsche mir, dass viele MitarbeiterInnen und BürgerInnen der Stadt noch einmal das alte Kuba kennenlernen.

Versprechen Sie sich denn daraus neue Kontakte für das Theater oder eine Form der Nachhaltigkeit?
Ideal wäre eine Partnerschaft zwischen Konstanz und einer kubanischen Stadt. Denn gerade in einer Situation des politischen Umbruchs gewinnt das Theater an Interesse, an Bedeutung, an Aufmerksamkeit. Es ist eine Zeit der Innovation. Erinnern wir uns an die Zeit der politischen Wende in Deutschland vor 25 Jahren! Wenn wir jetzt Kuba auch von europäischer Seite unterstützen, ist die Angst der Bevölkerung nicht mehr so gross, allein den USA ausgeliefert zu sein.

Glauben Sie ernsthaft, dass Kultur und Religion einen Einfluss auf politische Entwicklungen in Kuba und nach Beendigung des Kalten Krieges haben könnten?
Ich habe daran keine Zweifel. Es war Papst Franziskus, der jüngst zwischen Kuba und den USA vermittelte und es sind die Kultureinrichtungen, wie unser Theater, das naiv oder naiv anmutend Fragen stellen darf, die sich die Politik nicht traut. Die Konstanzer Kommunalpolitik müsste begreifen, dass auch sie im Jan Hus Jahr eine Rolle in der Welt spielen kann, wenn es sein Theater reisen lässt.

Sie gehören zu den am schlechtesten finanzierten Theatern in Baden Württemberg, wie finanzieren Sie ihr Engagement in Afrika und Cuba? Mit kommunalen Mitteln?
Auf diese Frage habe ich gewartet. Ich muss hervorheben, dass es mehr als eine Ehre ist, als erstes deutsches Theater zum internationalen Theaterfestival in Lateinamerika eingeladen zu sein. Mein Etat gibt da die Reisekosten nicht her. Die Kubaner schrieben uns, dass sie glücklich sind, uns ausgewählt zu haben, aber leider Reise- und Übernachtungskosten nicht zahlen können. Wir haben Mittel bei Stadt und dem Land Baden-Württemberg beantragt, aber die wurden abgelehnt: Provinzieller Kleingeist? Gott sei Dank, haben das Auswärtige Amt und das Goethe-Institut uns 22.600 Euro zugeschossen und die Theaterfreunde haben 3.300 gespendet, sonst wäre die Reise nicht möglich gewesen, die Stadträte zahlen selbst, ebenso Familienangehörige und einige Theatermitarbeiter schiessen noch was zu. Also Improvisation und Mut gehören schon dazu, wenn Konstanz nach Havanna geht.

Kuba wird sich ändern, gibt es dazu auch einen Beitrag aus Konstanz?
Gerade in einer Situation des politischen Umbruchs gewinnt das Theater an Interesse, an Bedeutung, an Aufmerksamkeit. Es ist eine Zeit der Innovation und das Theater Konstanz ist innovativ, 2014 eines der bedeutendsten Theater abseits der Zentren, da wollen wir in Cuba nicht fehlen: Hasta la victoria siempre.

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