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Heilvolles Zusammenspiel: Gehirn, Magen-Darm, Bakterien

Gesundheitsmagazin – Eines haben sie gemeinsam: Liebeskummer, Probleme mit dem Vorgesetzten, Ungerechtigkeiten und soziale Ausgrenzung. Sie verursachen Schmerzen. Wie diese psychisch empfundenen Schmerzen auch körperlich einzuordnen sind, haben Neuropsychologen herausgefunden.

Dr. rer. nat. Paul Paproth. (Bild: archiv)

Dr. rer. nat. Paul Paproth. (Bild: archiv)

Sozialer Schmerz tut weh
Durch die funktionelle Magnetresonanztomographie ist es möglich, Stoffwechselvorgänge im Gehirn sichtbar zu machen, während es arbeitet. Wissenschaftler gingen kürzlich der Frage nach, was passiert im Gehirn, wenn Menschen körperlichen Schmerz spüren. Da zeigte sich, dass bewusst herbeigeführter körperlicher Schmerz zwei Hirnareale aktiviert. Eine Stelle ist im sogenannten «sensorischen Kortex». Hier zeigt sich, welches Körperteil vom Schmerz betroffen ist (z. B. ein Finger) und das andere Areal, der sogenannte «anteriore Gyrus cinguli», zeigt die Schmerzintensität an. Diese Aufgabenteilung des Gehirns wurde von den Wissenschaftlern nicht erwartet. Noch überraschter waren sie, als sie feststellten, dass emotionale Belastungen das gleiche Hirnareal der Schmerzintensität aktivierten, wie bei körperlichem Schmerz. Bei diesen Studien handelt es sich um Situationen, in denen sich die Versuchsteilnehmer entweder ungerecht behandelt oder sozial ausgegrenzt gefühlt haben. Daraus kann geschlossen werden, dass sozialer Schmerz genauso wehtut wie körperlicher Schmerz.

Der Magen unser «Zweites Gehirn»
Doch damit nicht genug: Misst man die Intensität zwischen psychisch empfundenen Schmerzen im Gehirn und der gleichzeitig stattfindenden Magen-Darm-Aktivität, erkennt man einen direkten Zusammenhang. Je verärgerter eine Person über eine Situation ist, desto mehr reagieren die Magen-Darm-Nerven. Die Ursache für diesen Effekt sieht man in der Tatsache, dass die Magen-Darmschleimhaut etwa 200 Millionen Nervenzellen in sich birgt (ca. so viel, wie ein Hund in seinem Gehirn hat. Den Haustieren sagt man eine gewisse Intelligenz nach.). Und, so wird in Fachkreisen vermutet, auch der Magen verfügt über eine eigene Intelligenz. Manche sprechen vom «zweiten Gehirn» des Menschen.

Doch über Vermutungen hinaus weiss man, dass in der Magenschleimhaut Serotonin produziert wird. Der gleiche Botenstoff, der im Gehirn des Menschen für dessen Wohlbefinden sorgt. Doch im Magen hat Serotonin eine andere Funktion. Hier ist es verantwortlich für Verdauungsaktivitäten und für die Regulation von Immunsystemvorgängen. Bei gestressten Menschen, die einen nervösen Magen haben, kann es passieren, dass dort zu viel Serotonin produziert wird. Dieser Überschuss gelangt über die Blutbahn ins Hirn. Weil jedoch die Serotoninherkunft mit ihrem Zweck verbunden ist (im Gehirn fürs Wohlbefinden, im Magen für die Verdauung) verträgt sich diese Serotonin-Mischung nicht und es kommt zu Störungs-Impulsen im Verdauungstrakt. Missempfindungen bis zu chronisch entzündlichen Vorgängen im Magen-Darmbereich sind die Folgen. Mit diesen Erkenntnissen wird deutlich warum Medikamente wie Antidepressiva, die in den Serotoninhaushalt des Hirnes eingreifen, auch im Serotoninhaushalt des Verdauungstrakts Nebenwirkungen zeigen. Schliesslich werden ca. 80 % des im Körper wirkenden Serotonins im Magen produziert und nur etwa 20 % im Gehirn.

Mikroorganismen als symbiotische Helfer
Bleiben wir beim Verdauungstrakt und schauen, was im Darm passiert. Nebst dem, dass er genauso wie der Magen eine nervendurchzogene Schleimhaut mit vielen Botenstoffen besitzt, beherbergt er Milliarden von Bakterien. Da gibt es nützliche und schädliche für uns Menschen. Die schädlichen kann man mit Antibiotika bekämpfen. Doch die Nützlichen sollte man hegen und pflegen, im Bedarfsfall mit Probiotika. Denn die guten Mikroorganismen leben mit uns in Symbiose. Sie sind mitverantwortlich dafür, dass wir unsere Nahrungsmittel gut verwerten können. Sie helfen uns, durch Aufspaltungsvorgänge bei der Nahrung, unter anderem Vitamine, Aminosäuren und Mineralstoffe in unseren Organismus aufnehmen zu können. Ganz wichtig: sie Sorgen auch für ein intaktes Immunsystem.

Darmbakterien beeinflussen die Psyche
Nicht nur das: Die Zusammensetzung unserer Bakterienkolonien hat auch einen Einfluss auf unsere Psyche. Versuche mit Labormäusen haben ergeben, dass je nach Zusammensetzung der Darmflora, Mäuse aggressives oder zahmes Verhalten zeigen. Aufgrund dieser Erkenntnisse wurden auch Versuche mit psychisch wie körperlich gesunden Frauen durchgeführt. Diese wurden im funktionellen Computertomografen mit Bildern konfrontiert, die die Frauen in Stresssituationen versetzten. Danach erhielt ein Teil der Versuchsteilnehmerinnen während zwei Wochen Joghurts mit Bifidus-Bakterien verabreicht.

Ein anderer Teil erhielt Joghurt ohne diese Bakterien. Danach wurde der gleiche Versuch wiederholt. Die Auswertungen zeigten Erstaunliches: Bei den Frauen, die in ihrer Nahrung Bifidus-Bakterien erhielten, zeigten sich Veränderungen bei der Hirnaktivität. Dabei handelte es sich genau um jene Hirnanteile, die Stress und Angst reduzierten. In diesen Versuchen, sowohl bei den Mäusen, wie auch bei Menschen, wurde deutlich, dass allein über die Ernährung die Darmflora und damit die Psyche verändert werden kann. Dieser Forschungszweig, der sich um sogenannte Microbiome des Menschen kümmert, ist zwar noch jung aber vielversprechend. Erste Therapieansätze gibt es bereits. Diese zielen auf eine Verbesserung der Immunabwehr und auf Diagnosemöglichkeiten. Forscher gehen davon aus, dass in Zukunft bereits Neugeborene mit gesundheitsfördernden Darmbakterien ge­impft werden.

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