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Recht steht über Ethik und Moral

Kreuzlingen – Das Bezirksgericht Kreuzlingen sprach den bekannten Physiker Ernst Bucher wegen übler Nachrede zum Nachteil seines Nachbarn Peter Schreck schuldig. Damit wurde der Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Kreuzlingen vollumfänglich bestätigt.

Ernst Bucher mit seiner befreundeten Nachbarin Ines Schläpfer am Blumenweg, vor dem neuen Haus von Peter Schreck. (Bild: Thomas Martens)

Ernst Bucher mit seiner befreundeten Nachbarin Ines Schläpfer am Blumenweg, vor dem neuen Haus von Peter Schreck. (Bild: Thomas Martens)

Die Enttäuschung über das Urteil stand Ernst Bucher ins Gesicht geschrieben, als er am Montag den Gerichtssaal verliess. «Das war zu erwarten», sagte er, nachdem das Gericht unter Vorsitz von Ruth Faller Graf etwas mehr als anderthalb Stunden lang versucht hatte, Licht ins Dunkel eines jahrelang schwelenden Nachbarschaftsstreits zu bringen. Bucher ging es weniger um die rechtliche Komponente, sondern vielmehr um den ethisch-moralischen Aspekt dieser  Sache: «Ethik steht über dem Recht, das Recht leitet sich von der Ethik ab.» Zudem war ihm durchaus daran gelegen, den Fall öffentlich zu machen, selbst wenn er dafür jetzt einen gewissen Preis bezahlen muss.

Das Gericht urteilte nicht nach ethisch-moralischen Grundsätzen, sondern streng nach Gesetz – und das sprach gegen Bucher. Auch wenn er wesentlich mehr zu seiner Verteidigung vorbringen konnte und immer wieder alles daran setzte, Nachbar Schreck in schiefes Licht zu rücken, hatte das Gericht nur über den Strafbefehl vom 4. März 2015 zu befinden, der als Anklageschrift diente. Denn Ernst Bucher hatte dagegen Einspruch eingelegt (wir berichteten).

Ehrverletzungen per E-Mail
Der Staatsanwalt sah es damals als erwiesen an, dass sich der renommierte Solar-Forscher gegenüber seinem Nachbarn Peter Schreck mehrfach in der Wortwahl vergriff – nicht mündlich, sondern schriftlich. Weil die Ehrverletzungen per E-Mail an Dritte – unter anderem auch den Anwalt Schrecks – verbreitet wurden, habe sich Bucher der üblen Nachrede schuldig gemacht. Auch das Gericht sah das so und bestätigte den Strafbefehl mit einer Geldstrafe von 1500 Franken, bedingt erlassen bei einer Probezeit von zwei Jahren, und einer Busse von 300 Franken.

Neben der Busse hatte Bucher auch die Verfahrensgebühr und die Untersuchungskosten zu tragen, insgesamt 750 Franken. Dazu kommen jetzt noch die Anwaltskosten der Gegenpartei, die Rechtsanwalt Andreas Brauchli auf knapp 3800 Franken bezifferte. Bucher hatte sich vor Gericht selbst vertreten, «weil ich den ganzen Fall schliesslich am besten kenne», wie er auf Anfrage mitteilte.

Einen Einblick darin gab er in der Befragung vor Gericht. Richterin Faller Graf musste den bald 82-Jährigen hin und wieder in seinen Ausführungen bremsen und daran erinnern, was die eigentlichen Straftatbestände sind. So habe sich Bucher schuldig gemacht, indem er Peter Schreck als «Abzocker» und «Geldturbo» bezeichnete. Zudem bescheinigte er seinem Nachbarn, «psychopathologisch belastet» und «asozial» zu sein. Zudem leide Schreck an Verfolgungswahn.

Hörensagen und Gerüchte
Natürlich wollte die vorsitzende Richterin wissen, was Bucher dazu veranlasste, diese Behauptungen aufzustellen. Der emeritierte Professor hatte sich dafür eine Argumentationsstrategie zurechtgelegt, die im wesentlichen auf Hörensagen und Gerüchten beruhte, wie das Gericht befand. Geforderte Belege für seine Aussagen konnte er keine anbringen. Sein psychologisches Fachwissen, um Schreck eine psychische Krankheit zu attestieren, leitete Bucher von seiner jahrelangen Tätigkeit als Dekan einer Fakultät der Universität Konstanz ab, wo er viele Menschen fachlich wie menschlich auf ihre Eignung zu beurteilen hatte.

Wie nicht zuletzt im Verfahren klar wurde, liegt Peter Schreck aufgrund eines Baugesuchs vom Juli 2013 mit einem Grossteil seiner Nachbarn am Blumenweg im Clinch. Auf die Pläne, seine Villa am Blumenweg 11 abreissen und dafür ein Mehrfamilienhaus mit fünf Wohnungen bauen zu lassen, hagelte es Einsprachen. Mit dem Frieden im Quartier sei es vorbei, dies bestätigen auch Ines und Roger Schläpfer, Freunde Ernst Buchers und direkte Nachbarn von Peter Schreck. «Seitdem werden wir von Schreck ständig schikaniert», sagte Schläpfer am Rande der Verhandlung gegenüber dieser Zeitung. Er war vor Gericht als Zeuge erschienen, musste aber nicht aussagen.

Knackpunkt Grundstück
Um sich während der Abbruch- und Bauphase ein Übergangsheim zu erstellen, sicherte sich Schreck ein Grundstück am Anfang des Blumenwegs. Bucher will nun gehört haben, dass Schreck für den Quadratmeter nur 450 Franken bezahlt haben soll – seiner Meinung nach «weit unter dem marktüblichen Wert». Ob das stimmt und ob dieser Preis überhaupt gezahlt wurde, konnte Bucher nicht belegen. Über den Verkaufspreis schwieg sich der Anwalt von Schreck, der nicht zur Verhandlung erschienen war, aus: «Das geht niemanden etwas an.»

Bucher verstieg sich aber zu der Annahme, dass die Verkäuferin von Schreck «über den Tisch gezogen wurde». Bucher habe selbst Interesse am Grundstück bekundet, um es an einen ehemaligen Mitabeiter ohne Gewinn weiter zu verkaufen. In einer Mail an die Verkäuferin bezeichnete Bucher Schreck unter anderem als Abzocker, um sie vor ihm zu warnen. Da der Begriff durch gleichnamige Initiative «salonfähig» geworden ist, wie die Richterin in ihrer Urteilsbegründung anführte, sei diese Bezeichnung nicht straf- bar. Alle anderen aber schon.

Alle gegen einen
Anwalt Brauchli bezeichnete Bucher als «Opfer», das sich für eine nachbarschaftliche Hetzjagd gegen seinen Mandanten hat instrumentalisieren lassen. In der Tat hatte Bucher bis auf zwei kranke Tannen, die mit ihren Nadeln bei starkem Wind regelmässig sein Grundstück verschmutzten, persönlich keine Probleme. Die Tannen wurden zwischenzeitlich abgeholzt und mit ihnen eine ganze Reihe weiterer Bäume entlang des Blumenwegs auf Schrecks Grund und Boden. «Die Verkehrssicherheit war nicht mehr gewährleistet», begründete Schreck auf Anfrage den Kahlschlag.

Ob Bucher das Urteil weiterzieht, weiss er noch nicht: « Ich muss diesen Ärger erst mal verdauen und werde sobald wie möglich den Rat eines erfahrenen Anwaltes einholen.» Für Richterin Faller Graf ist indes klar, dass das Urteil nicht zur Beruhigung der Situation am Blumenweg beitragen wird. Aber das war ja auch nicht Gegenstand des Verfahrens.     T. Martens

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