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Aus für ein Kulturblatt

Kreuzlingen – Die Medienvielfalt im Raum Kreuzlingen ist auf einen Schlag ärmer. Das Magazin «QLT» aus Konstanz erschien diese Woche zum letzten Mal. Wie kein anderes Magazin setzte es frühzeitig auf einen bunten Mix aus Veranstaltungen und Kultur.

Toni Rössler mit seinem mobilen Markenzeichen der letzten Jahre und einer Ausgabe der "Kultur-Blätter" vom Juli 1996, einer Glanzzeit des Magazins. (Bild: Thomas Martens)

Toni Rössler mit seinem mobilen Markenzeichen der letzten Jahre und einer Ausgabe der «Kultur-Blätter» vom Juli 1996, einer Glanzzeit des Magazins. (Bild: Thomas Martens)

Toni Rössler ist ein cooler Typ, einer, der sich den freien Geist und die Unbeschwertheit seiner Jugend in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren bis heute bewahrt hat. Vor allem optisch mit Vollbart und langen, zum Pferdeschwanz gebundenen Haaren zeigt sich der Verleger wenig angepasst und alles andere als Verlags-Establishment. Das macht ihn aus und das machte auch 36 Jahre lang sein Produkt aus – das «QLT», vielen vielleicht auch noch als «Kultur Blätter» bekannt. Doch jetzt kam das Ende. Toni Rössler musste Insolvenz anmelden, die amtliche Bekanntmachung wurde ausgerechnet an seinem 64. Geburtstag am 30. Januar publiziert.

Ein Auf und Ab
Bis zuletzt hatte Rössler mit seinen Mitarbeitern ums Überleben seines Lebenswerks gekämpft, das von Anfang an auch in Kreuzlingen und später in weiten Teilen der Ostschweiz ausgelegt wurde, zu Beginn in einer Auflage von 5000, jetzt 25000 Exemplaren. Wenn auch oft auf Sparflamme gekocht und mit heisser Nadel gestrickt, konnte sich der Verleger, dessen Blatt abseits von Tageszeitungen am Bodensee bis heute am längsten existierte, mit viel Idealismus und am Rande der Selbstausbeutung über alle die Jahre mehr oder weniger gut über Wasser halten. Die Mitarbeiter identifizierten sich mit «ihrem Blatt», standen stets leidenschaftlich, mit grossem Einsatz und voller Loyalität dahinter. Wie Rössler selbst im Editorial von Heft 934, der letzten Ausgabe, beschreibt, waren die 80er Jahre Party, die 90er das goldene Jahrzehnt und das neue Millennium defizitär.

Während das «Akzent-Magazin» als härtester Mitbewerber nach gescheiterten Verhandlungen mit dem «Südkurier» seit dem Jahr 2000 die Produktpalette des «Schwäbischen Verlages» in Leutkirch ergänzt, hatten Rösslers ungefähr zeitgleiche Flirts mit den beiden grossen Medienhäusern keinen Erfolg und er blieb, wohl oder übel, eigenständig.

Eindeutiges Zeichen dafür, dass es in letzter Zeit gar nicht mehr so gut lief, ist, dass wichtige und langjährige treue Mitarbeiter abgesprungen waren – allen voran Redaktionsleiterin Dani Behnke, die vergangenes Jahr beim Theater Konstanz anheuerte. Das Bild von den unliebsamen grauen Nagern, die das sinkende Schiff verlassen, machte die Runde. Auf einmal ging alles ganz schnell. Rössler wurde nach eigenen Angaben eine teure Investition in neue Produktionstechnik und ein Redaktionssystem zum Verhängnis, «rund 50000 Euro». Durch ausbleibende Umsätze blieb nichts mehr zum Gegenrechnen und nur noch der Gang zum Insolvenzgericht.
Als Insolvenzverwalterin wurde Rechtsanwältin Hedwig Hanhörster aus Konstanz bestellt. Sie hat in den nächsten Wochen die Aufgabe herauszufinden, ob genügend finanzielle Mittel vorhanden sind, um ein Insolvenzverfahren zu eröffnen. Falls nicht, bleibe nur noch die Liquidation der Firma Rössler und Partner. Sechs festangestellte Mitarbeiter hatte der Verlag zuletzt, sie wurden mittlerweile freigestellt.

Das Magazin verstand sich als frech, lebenslustig, unabhängig und unangepasst, so wie sein Gründer, und war es viele gute Jahre lang auch. Doch selbst beim allerbesten Willen konnten die Macher diese Eigenschaften nicht bis in diese – für Medien überaus harte und umkämpfte Zeit – hinüberretten. Man passte sich an. Vom Charme einer überaus gut gemachten Schülerzeitung mit jungen, pfiffigen, hungrigen Autoren und einem unkonventionellen Layout ist leider am Schluss kaum noch etwas übrig geblieben.

Immer wieder neu erfunden
1980 fand es seine Nische zwischen einigen etablierten Blättern, die es zum Teil schon lange nicht mehr gibt, indem es konsequent auf einen Veranstaltungskalender setzte, der 14 Tage vorausblickt. Später kamen Beiträge zu vielen gesellschaftlichen Bereichen dazu, «lediglich Sport und Tagespolitik fand bei uns nicht statt», erinnert sich Rössler, der eigentlich Mathelehrer und Kunsterzieher ist, seit 2003 in der Schweiz lebt und vor drei Jahren nach Kreuzlingen zügelte. Die gravierendste Umstellung hat das Magazin und seine Leserschaft 2002 erlebt, erinnerte sich Rössler in einem Beitrag zur 800. Ausgabe (Dezember 2012): «Format, Papier und Name änderten sich. Aus den Kultur Blättern wurde QLT.»

Absolutes Alleinstellungsmerkmal und langjähriges Aushängeschild aber war die Rubrik «Lonely Hearts». Viele Leser warfen allein deswegen einen Blick ins Blatt. Allerdings weniger der Partnersuche, sondern vielmehr der süffisant-ironischen Kommentare vom «Setzer» wegen. Auch der Autor dieser Zeilen gibt gerne zu, dass er die legendären Zwischentöne immer wieder und mit grossem Genuss gelesen hat.

Um den Setzer wurde stets ein grosses Geheimnis gemacht, seinen Name hütete die Redaktion wie ein grosser Schatz. Irgendwann sickerte dann durch, dass sich der technische Redakteur Harald Borges dahinter verbirgt. Zusammen mit dem Theater Konstanz brachte er eine Auswahl seiner besten Einwürfe in mehreren Lesungen mit dem Titel «Blind Dates – Neues vom Setzer» auf die Bühne und verpackte sie später sogar noch in einem Buch.

Zukunft offen
Nummer 934 sei die letzte QLT-Ausgabe dieser Art. Wie und ob es weiter geht, stehe noch in den Sternen, heisst es im aktuellen Editorial. «Ich habe einen Plan B», verriet Toni Rössler auf Anfrage, Konkretes sei aber noch nicht spruchreif. Im Editorial der 600. Ausgabe im März 2003 schrieb er: «QltBlatt ist kein Job. QltBlatt ist eine Lebenseinstellung. Und die braucht man auch, um mit einem kleinen, wilden Haufen auf so einer Nussschale zwischen all den Grossen immer wieder sein Fetzchen Wind zu ergattern. Aber das macht Spass und auch ein wenig stolz, umso mehr, wenn es auch ein wenig Anerkennung findet.» Meine habt Ihr all die Jahre gehabt. Ihr fehlt mir jetzt schon, macht’s gut.

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