/// Rubrik: Stadtleben | Topaktuell

«Kirche soll Position beziehen»

Kreuzlingen – Am 28. Februar wählt die Evangelische Kirchgemeinde gleich fünf von neun Vorsteherschaftsmitgliedern neu. Auch das Amt des Präsidenten wird neu besetzt. Zur Wahl für die 40-Prozent-Stelle an der Spitze der Kirchenbehörde steht Thomas Leuch.

Das Foto wollte Thomas Leuch am Bärenkreisel schiessen lassen. Während man an einer Ampel halten muss, lässt der Kreisel den Verkehr laufen – für den Kirchenpräsidenten in spe ein passendes Symbol für gelingende Zusammenarbeit statt gegenseitigem Ausbremsen.

Herr Leuch, warum wollten Sie nicht vor der Kirche fotografiert werden?
Thomas Leuch: Weil für mich das Gebäude nicht entscheidend ist. Kirche – das ist für mich die Gemeinschaft. In erster Linie sind die Menschen wichtig, und dass gemeinsame «Unterwegssein mit Gott».

So wie in der evangelischen Kirchgemeinde zur Zeit?
Ja, es läuft sehr gut bei uns, die Mitarbeitenden verstehen sich untereinander und die vielen engagierten Angebote dienen den Menschen. Etwa das Kreativ-Projekt im Open Place bei der Kirche Kurzrickenbach, um nur eines von vielen zu nennen. Orte, wo man einfach «Sein-Kann» sind in der heutigen hektischen Welt zunehmend wichtig. Das sind genau die Nischen, welche die Kirche besetzen kann und soll. Gerade im sozialen und nicht-kommerziellen Bereich. Oder wenn wir Hand bieten können wie bei «VerwertBar», dem Projekt gegen Essensverschwendung.

Das war aber nicht immer so?
Es gab auch schon andere Zeiten in unserer Gemeinde. Christen sind ja gut darin, dem anderen die Bibel über den Kopf zu schlagen. Aber das ist lange her. Susanne Dschulnigg  hat hier sehr gute Arbeit geleistet und die Gemeinde auf Vordermann gebracht. Ihre Führung war klar und sie hat die Leute an einen Tisch gebracht mit ihrer direkten Art, die ich sehr schätze. Diesen Weg will ich weitergehen und gegebenenfalls ausbauen.

Thomas Leuch vor dem Kreuzlinger Bärenkreisel.(Bild: sb)

Thomas Leuch vor dem Kreuzlinger Bärenkreisel. (Bild: sb)

Auch heute brodelt’s in manchen Gemeinden, etwa bei den Kreuzlinger Katholiken. Wie würden Sie eine solche Situation angehen?
Dass mal ein Streit geschlichtet werden muss, ist normal. Dann würde ich versuchen, zu vermitteln. Aber  da wurde viel Geschirr zerschlagen. Für die Betroffenen ist’s jedenfalls tragisch. Es wäre nötig, eine Mediation, eine neutrale Stelle, hinzuzuziehen. Vielleicht würde ein personeller Wechsel frischen Wind bringen.

Wie stehen Sie zur Ökumene?
Es ist schön, wenn die Gemeinden zusammenspannen wie bei «Kirchen für Kreuzlingen». Gemeinsam kann man mehr erreichen. Zu lange haben die Gemeinden sich durch ihre Unterschiedlichkeiten blockieren lassen, statt ihre Synergien des gemeinsamen Gottvertrauens zu nutzen.

… und andere Religionen?
Ich möchte meinen Glauben niemandem aufzwängen und ich habe auch keine Probleme damit, wenn jemand einen anderen Glauben hat.

Wo sehen Sie Ihre zukünftigen Schwerpunkte?
Ich möchte mich unter anderem für die Jungen und Junggebliebenen einsetzen. Ehrenamtliche Arbeit muss mehr unterstützt werden. Es tut Menschen gut, sich für andere einzusetzen. Der Druck, in der Arbeitswelt, zu genügen, ist heute gross. Die Kirche soll da helfen, wo es andere nicht können. In der Seelsorge etwa. Die gibt’s nicht auf dem Sozialamt.

Wie passen Politik und Kirche für Sie zusammen?
Falls Sie auf mein Gemeinderatsmandat anspielen: Das werde ich vorerst behalten. Ganz allgemein finde ich, dass die Kirche ihren Einfluss auf die Gesellschaft wieder zurückgewinnen sollte. Etwa im Bereich Elternbildung oder Erziehung hat die Kirche etwas zu sagen. Sie sollte Stellung beziehen zu Themen wie Genmanipulation oder dem gefährlichen Rechtsdrall allerorten. Kirche muss sich für Gerechtigkeit einsetzen und soll sich auf die Seite der Schwachen stellen. Sie kann auch positiven Einfluss auf extreme Gruppen haben.

A propos extreme Gruppen: Sie haben einst Bass gespielt für eine legendäre Kreuzlinger Punkband. Vom Punk zum Kirchenpräsidenten, wie passt das zusammen?
Damit ziehen mich meine Kinder heute noch manchmal auf (lacht). Ich habe aber nie besonders punkig ausgesehen! Es war für mich eine Einstellungssache. Als Punk ist man ja immer ein Fragender, ein Suchender. Jemand, der etwas verändern will.

Und dann kam der Glaube, wie ein Blitz vom Himmel?
Nein, da gab es kein plötzliches Erweckungserlebnis, bei mir war es ein Prozess. Ich war immer einer, der bereit ist, neue Wege zu gehen.

Zu Person
Thomas Leuch ist Jahrgang 61 und von Beruf Anlagebauer. Mit Gattin Brigitte wohnt er seit bald 30 Jahren in Kreuzlingen. Hier haben sie drei mittlerweile erwachsene Kinder gross gezogen. In der evangelischen Kirchgemeinde kennt man die Leuchs als engagierte Mitglieder. Bis Sommer vergangenen Jahres war Thomas Leuch Präsident der Kreuzlinger EVP und ist heute Kassier. Seit 2002 sitzt er im Gemeinderat. Momentan ist er Gemeinderatspräsident.

Share Button

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.