/// Rubrik: Stadtleben | Topaktuell

Hohe Räume, hochwertige Materialien

Kreuzlingen – Wir leben in einer modernen Welt, in der möglichst viel automatisiert ist. Beim Bauen kann es hingegen lohnend sein, das Rad auch mal zurückzudrehen Dies empfahl Thomas Hasler, renommierter Architekt und Professor an der Technischen Universität Wien, zur Eröffnung der Kreuzlinger Immobilienmesse «Immozionale».

Die ehemalige Hauptpost in St.Gallen ist wegen ihrer Nutzungsflexibilität nachhaltig. (Bild: zvg

Die ehemalige Hauptpost in St.Gallen ist wegen ihrer Nutzungsflexibilität nachhaltig. (Bild: zvg

Das eindrücklichste Beispiel für Nachhaltigkeit brachte Thomas Hasler ganz zu Beginn seines interessanten Vortrages: Er zeigte eine relativ simple silberne Teekanne. Aus zweiter Hand erworben, leiste ihm dieser hundert Jahre alte Gebrauchsgegenstand beste Dienste. «Es ist klar, was man damit macht, nämlich Tee aufgiessen. Die Technik ist einfach und robust, die Form schön und allgemeinverständlich», erklärte er. «Das alles zusammen führt bei diesem Objekt zu grosser Beständigkeit.» Er gehe davon aus, dass die Kanne noch viele weitere Jahre lang funktioniert.

Das Rezept der Nachhaltigkeit findet laut Hasler im Dreigestirn von Firmitas (Festigkeit, heute: Bautechnik), Utilitas (Nutzen, heute auch: Ökonomie) und Venustas (Schönheit, Form) seinen Ursprung. Es geht auf den römischen Architekten Vitruv zurück, der damit schon vor 2000 Jahren Aufsehen erregte. Werden alle drei Aspekte zusammen angemessen berücksichtigt, dann könne laut Hasler bei Haushaltsgeräten ebenso wie beim Häuserbau wenig schief gehen.

 

Heute ist hier die Kantonsbibliothek untergebracht. (Bild: zvg)

Heute ist hier die Kantonsbibliothek untergebracht. (Bild: zvg)

Nutzungsoffenheit wichtig
Leider werde heutzutage beim Bauen zu viel Augenmerk auf die technische Ausstattung gelegt. Denn diese allein mache noch lange keine Nachhaltigkeit aus, mahnte der Architekt, und verwies besonders auf die Kürze der Zeit, in der heute alles veralte. «Relativ schnell muss da wieder investiert werden», so Hasler. Die Frauenfelder Erweiterung der Hauptpost etwa – eigentlich ein «massgeschneiderter, funktionaler» Bau der 80er Jahre – sei trotz moderner Technik schon 30 Jahre nach seiner Erstellung Opfer der Abrissbirne geworden. Zu etwas anderem als einem Postgebäude sei das Gebäude mit den kleinen Fenstern nicht zu gebrauchen gewesen. Eindrücklich zeigte Hasler anhand von Bildern, dass es auch anders geht: Als Beispiel wählte er die Umnutzung der 1915 in St.Gallen erbauten Hauptpost zur Kantonsbibliothek. «Weil das Gebäude hohe Räume und Fenster hat und ein grosszügiges Stahlbetonskelett», lobte er.

Technisch abrüsten
Eigentlich seien die Funktionen eines Hauses – etwa Schutz, Licht, Raum, Wärme – so grundlegend, dass sie keine Gebrauchsanweisung, keine besondere Technik benötigen. «Dennoch versuchen wir heute ständig, alles zu verbessern», kritisierte Hasler. «Die Kosten für Haustechnik, für Elektroarbeiten nähern sich heute in einem technisierten Gebäude dem der Baumeisterarbeiten an – das ist zu viel.» Das führe teilweise zur «totalen Phantasielosigkeit» und ziehe einen Rattenschwanz an Reglementen nach sich. Als gelungenes Beispiel erwähnte er hingegen das Regierungsgebäude in Frauenfeld. Die Rolläden des prachtvollen Baus werden, das entschieden die Regierungsräte, per Hand hochgekurbelt – ein «Update der Software» wird hier kaum fällig sein.

Thomas Hasler an der «Immozionale». (Bild: zvg)

Thomas Hasler an der «Immozionale». (Bild: zvg)

Altmodisch muss nicht schlecht sein
Es sind Massnahmen wie diese, welche Hasler zum Anwalt des Altmodischen werden lassen. Er plädiert dafür, den Blick zurück zu werfen und sich beim Bauen Anregungen aus der reichen Architekturgeschichte zu holen – statt auf Teufel komm’ raus Neues erfinden zu wollen. Etwa, indem man wieder hohe Räume baut, «Low-tech-Strukturen» mit grossem Luftvolumen. «Das erfreut nicht nur die Augen, sondern ist auch energetisch sinnvoll», sagt der Architekturprofessor. Mechanisch Kühlen und Lüften ist dann nicht mehr notwendig. Heute sieht er stattdessen allerorten «Häuser wie Unterseeboote» entstehen – zusammengepresst und übertechnisiert – was durch die in dieser Hinsicht «unsinnigen» Baugesetzen noch gefördert werde. Dass es auch anders geht, hätten BE-Architekten 2013 in Lustenau bewiesen. «Sie entwarfen ein Bürogebäude, das fast ohne Technik auskommt», schwärmt Hasler. Mit robuster, ungedämmter Backsteinwand als Wärmespeicher, Lehmputz für den Feuchtigkeitshaushalt, Lüftungsflügel und hohen Räumen sowie durch die Abwärme der Computer erzeugte Heizeneregie. Das Haus gilt als Pionier- und Vorzeigeobjekt.

Geiz ist gar nicht geil
«Bauherren sollten nicht geizen», findet er ausserdem. Leider sei dies aus Gründen der Rendite heute vielerorts der Fall. Das gelte für Raum wie Materialien. Hasler wirbt für räumliche Grosszügigkeit statt kurzlebiger technischer Raffinesse. Sie sollte eingebettet sein in eine vernünftige, robuste Stadtplanung – so funktioniere nachhaltiges Bauen in einem grösseren Massstab.

Denn neben fehlender Einsicht in Architekturtraditionen, der vorherrschenden blinden Technikgläubigkeit und einem unnötigen Vorschriftendschungel ist ihm auch die mangelnde übergeordnete Planung ein Dorn im Auge. Eine «Masterplanung» versteht er sowohl als Dienstleistung für Bauherren – weil diese den grossen planerischen Aufwand allein oft nicht auf sich nehmen können oder wollen – als auch als Qualitätssicherung. «Qualitatives Bauen müsste heute verstärkt eingefordert werden. Davon könnten alle profitieren, Bauherren, Bewohner wie auch die Öffentlichkeit», ist Hasler überzeugt.

Im Anschluss an seinen Vortrag bringt der mit Preisen ausgezeichnete Architekt und Autor zahlreicher Fachbücher seine relativ ernüchternde Einschätzung vom Stand der Dinge in Sachen Bautätigkeit auf den Punkt: «Die heutige Baukultur ist nicht sehr hoch. Gewinnmaximierung ist leider oftmals massgebend. Ich wünsche mir die kultivierte Art, langlebig zu bauen, die es früher gab, zurück.»

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