/// Rubrik: Stadtleben

Auf keinen Fall radikal

Kreuzlingen – Nach der umstrittenen Publizistin Gabriele Kuby holt die Katholische Kirchgemeinde am Freitag das nächste schwere Kaliber aus Deutschland. Bei der Bildungsreihe «Ring 2000» spricht Abtreibungsgegner Martin Lohmann.

Das Wort «Abtreibungsgegner» ist im Ankündigungstext der Katholischen Kirchgemeinde allerdings nicht zu finden. Als «bekannten katholischen Zeitungs- und Fernsehjournalisten» präsentieren ihn die Verantwortlichen.

Martin Lohmann. (Bild: zvg)

Martin Lohmann. (Bild: zvg)

Sich selbst nennt Lohmann «Lebensschützer». Er sitzt dem Bundesverband Lebensrecht vor, einer Organisation aus Berlin, die seit 2008 jährlich die wichtigste Demonstration der sogenannten «Lebensrechts-Bewegung», den «Marsch für das Leben» durchführt.

Früher konnte man an solchen Veranstaltungen Demonstranten sehen, die Abtreibungen mit Massenmord oder gar dem Holocaust gleichsetzten, berichten Webseiten wie das von Zeit-Online unterstützte Netz gegen Nazis. Heute achten die Verantwortlichen sehr darauf, ihre Reden positiv zu formulieren und eine harmlose Rhetorik zu verwenden.

Hintergrund: Martin Lohmann ist nicht der erste umstrittene Redner, der von der Katholischen Kirchgemeinde nach Kreuzlingen eingeladen wird. Schon der Auftritt von Gabriele Kuby im Februar polarisierte extrem. Sie wurde unter anderem wegen ihren diskriminierenden Äusserungen gegenüber Homosexuellen kritisiert. Weil sich die Katholische Kirchgemeinde davon nicht distanzieren wollte, erklärte die abtretende evangelische Kirchenpräsidentin «ökumenisches Zusammengehen» unter solchen Umständen für unmöglich.

Für das «Recht auf Leben» trete er ein, sagte Martin Lohmann in Berlin im vergangenen Jahr, und das wirkt: Jedes Jahr kommen mehr Menschen zu diesem Anlass. Lohmann sprach zu den Teilnehmenden in der deutschen Hauptstadt von «Toleranz», «Fairness», «Willkommenskultur», «Meinungsfreiheit». Wer will sich darüber entrüsten? Hierzulande wird der «Marsch fürs Läbe» seit 2015 von der EVP unterstützt.

2013 hatte Lohmann noch mehr Anlass zur Aufregung gegeben. Grosses Aufsehen erregten seine Talk-Show-Auftritte in Deutschland. Zuschauer waren schockiert: Sogar bei einer Vergewaltigung, sagte Lohmann damals, gehöre die «Pille danach» verweigert. Auch wenn seine Tochter betroffen sei. Das entsetzte selbst Katholiken, Lohmanns Bruder distanzierte sich von ihm, kurz war er der «Buhmann der Nation». Wegen seiner Äusserungen zur Homosexualität wenig später entliess ihn die Kölner Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation als Dozent.

Auf der anderen Seite gab und gibt es diejenigen, die in einer kompromisslosen Haltung – Familie ist heterosexuell, Homosexualität wider die Natur, Abtreibung Mord und Gender Gotteslästerung – die Zukunft der Kirche sehen. Selbst Kritiker schätzen die Klarheit solcher Thesen von rechts aussen mitunter, dient einer wie Lohmann ihnen doch als «Amboss», auf dem sich die eigene kritische Grundhaltung gegenüber Religion und Kirche wenigstens ordentlich zurechthämmern lässt.

Die Worte sind vielleicht weicher geworden, die Gesinnung nicht. So ist es zu verstehen, dass sich Lohmann heute verbittet, wenn man ihm «radikale Ansichten» unterstellt (siehe offener Brief «Antwort Zeitungsinserat Lohmann»). Wer das Kind beim Namen nennt, dem droht er mit dem Anwalt.

Er glaube daran, dass das «menschliche Leben mit der Zeugung beginnt», sagte der Organisator am «Marsch des Lebens». «Dass es von Anfang an ein wachsender Mensch ist. Mehr als ein Zellklumpen». Beseelt ab dem Moment der Befruchtung der Eizelle.

Deswegen redet der Mann nicht von Schwangerschaftsabbruch, sondern von der «Tötung von Kindern vor der Geburt». Diese Erhöhung des eigenen Glaubens über die Wissenschaft und das Leben tausender Frauen, sie verächtlich indirekt als Mörderinnen zu bezeichnen und die Ignoranz gegenüber dem Jahrzehnte dauernden Kampf für dieses Menschenrecht – ob man das extrem findet oder nicht, bleibt jedem selbst überlassen. Dass sich der Bundesverband Lebensrecht mit seinem Vorsitzenden Martin Lohmann offiziell hinter den Betreiber der Webseite «Babycaust.de» stellt, könnte diese Entscheidung allerdings beeinflussen.

Abtreibung ist Menschenrecht. In der Schweiz dürfen Frauen während den ersten zwölf Wochen selbst entscheiden, ob sie die Schwangerschaft abbrechen möchten. Danach ist dies nur erlaubt, wenn der Arzt eine schwerwiegende Gefährdung der körperlichen oder seelischen Gesundheit der Frau feststellt. Im Jahr 2014 haben in der Schweiz 10’249 Frauen ihre Schwangerschaft abgebrochen. Jahrzehntelang wurde für dieses Legalisierung gekämpft. Mit einem überwältigenden Mehr hatte sich das Volk im 2002 dafür ausgesprochen.

 

Update 21. März 2016:

In einer 15-minütige Angriffsrede hat sich der Referent am Vortragsabend zunächst über «sogenannte Journalisten» ausgelassen, die ihn «diffamieren», «verleumden» und «diskreditieren» wollten. Das hatte auch Gariele Kuby im Februar getan. Einen Unterschied zwischen den Auftritten der beiden gottesfürchtigen Streithähne gab es dennoch: Veranstalter Martin Beck von «Ring 2000» gab im Vorfeld eine Erklärung ab. Beide Referenten würden weder die Meinung der Katholischen Kirche, noch die der beiden Kreuzlinger Pfarreien oder der Kirchgemeinde vertreten.

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