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Justizskandal wirkt bis heute nach

Münsterlingen – Mit einer szenischen Lesung am Mittwoch, 23. März, 19.30 Uhr startet die Reihe Kultur in der Psychiatrie Münsterlingen in ihre neue Saison.

Peter Höhner und Michèle Minelli kommen nach Münsterlingen.(Bild: zvg)

Peter Höhner und Michèle Minelli kommen nach Münsterlingen. (Bild: zvg)

Münsterlingen. Autorin Michèle Minelli (47) bringt mit dem historisch authentischen Roman «Die Verlorene» einen Justizskandal von 1904 zurück ins Bewusstsein, der damals schweizweit hohe Wellen geschlagen hat. Sie stand uns vorab für ein Interview zur Verfügung.

Frau Minelli, Sie beschäftigen sich in Ihrem Buch mit einem heiklen Thema, einem noch weitgehend dunklen Kapitel der jüngeren Schweizer Geschichte. Ein Journalist hat sie darauf aufmerksam gemacht, was genau steckt da dahinter? Wollte er nicht selber schreiben?
Minelli: Der Journalist Peter Holenstein hat den Fall der Frieda Keller für kriminalistische Zeitschriften aufbereitet. Ein Buch, fand er, müsse aber unbedingt von einer Frau geschrieben werden. Und da ihm meine schriftstellerischen Arbeiten und speziell meine Akribie beim Recherchieren bereits von meinem Roman «Die Ruhelosen» bekannt war, wandte er sich an mich. Ich habe mich sofort für diesen Stoff begeistert.

Was hat Sie am Thema vor allem fasziniert?
Die Epoche, in der Frieda Keller lebte, ist zeitlich der unseren gar nicht weit entfernt. Und doch war sie zu einem Leben gezwungen, wie es heute undenkbar wäre. Dieser Spagat, die Herausforderung, mich da hineinzubegeben, um nachvollziehbar zu machen, wie eine Frau 1904 zu einem solchen Verbrechen getrieben werden konnte, hat mich interessiert. Mich berührte dabei vor allem und immer wieder, bis sogar in ihre letzten Tage hinein, welche Frieda Keller in der Klinik Münsterlingen verbrachte, wie sehr diese Frau darum gekämpft hat, ihre Würde als Mensch zu behalten.

Wie viel im Buch ist Fiktion, wie viel beruht auf Tatsachen?
In den Staatsarchiven des Kantons Thurgau und des Kantons St. Gallen fand ich umfassendes Material zum Fall der Frieda Keller. Dieses half mir, die Atmosphäre, die Geringschätzung, welche Frauen zur damaligen Zeit zu erdulden hatten, nachzuzeichnen. Dokumente, Verhörprotokolle, aber auch was vor Gericht gegen Frieda Keller geäussert wurde – all das ist über weite Strecken Originalton, also authentisch. Zahlreiche der Schauplätze, die Zelle der Untersuchungshaft, der Ort der Tat, der Gerichtssaal, ihr ehemaliges Wohnhaus, um nur einige zu nennen, gibt es noch und sind mit ihrer Stimmung eingeflossen. Um dem Schweren ihres Schicksals aber etwas Leichtes entgegenzusetzen, habe ich ihr eine schöne Kindheit geschrieben. Und auch die Jahre, welche sie nach ihrem Gefängnisaufenthalt am Thunersee bei einer Freundin verbrachte, sind zwar historisch verbrieft, aber in ihrer literarischen Ausgestaltung meine Erfindung. Aufgrund ihres handschriftlichen Lebensberichtes aber weiss ich, dass ich mich recht nah an der Wirklichkeit bewege, wie Frieda Keller sie erlebt haben mag.

Worauf dürfen sich die Besucher der szenischen Lesung freuen? Ihr Partner ist ja auch mit dabei…
Peter Höner, der ja nicht nur selber Autor sondern auch Regisseur und Schauspieler ist, hat den Stoff des Romans dramatisiert. Das heisst, er hat Dialoge, die im Roman vorkommen, zu  Szenen zusammengefügt, die Frieda Keller und die Männer, die auf sie einwirkten, auf der Bühne zum Leben erwecken. So ist man als Publikum also mittendrin im Verhör, im Prozess, in ihrer Kindheit, in ihren Gedanken und versteht auf eine unmittelbare Art und Weise, was sich damals zugetragen hat – und weshalb.

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