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Der Computer im Klassenzimmer

Kreuzlingen – Das Kollegium der Pädagogischen Maturitätsschule Kreuzlingen setzt sich mit dem Lehren und Lernen in der digitalisierten Welt auseinander. Es gibt Chancen und Risiken, aber die Grundfragen von gutem Unterricht bleiben bestehen. (Inka Grabowsky)

«Die Welt verändert sich», konstatierte Rektor Lorenz Zubler. «Und wir müssen überlegen, wie wir darauf reagieren.» Um eine Basis für spätere Entscheidungen zu haben, hatte die PMS für eine zweitägige Weiterbildung Experten aus Forschung und Praxis eingeladen, die über die Möglichkeiten in der digitalen Welt informierten. Achtzig Pädagogen und zum Teil 120 Schülerinnen und Schüler folgten den Referaten aufmerksam – einig in Ablehnung oder Akzeptanz war das Publikum selten. Unter anderem sorgte die Trendforscherin Daniela Tenger, Senior Researcher am Gottlieb Duttweiler Institut, mit ihren Beispielen für Faszination oder Erschrecken.

Daniela Tenger vom Gottlieb Duttweiler Institut (Bild: zvg)

Daniela Tenger vom Gottlieb Duttweiler Institut (Bild: zvg)

Die always-on-Gesellschaft
Weltweit hätten derzeit drei Milliarden Menschen Zugang zum Internet, so die Forscherin. Viele davon würden sogar mobil im Netz surfen. «Das Internet prägt unser Leben und rückt immer näher an unseren Körper heran. Ein Pflaster, das Lebenssignale des Babys ans Smartphone der Mutter sendet, ist bereits auf dem Markt.» Wir alle hätten uns daran gewöhnt, dass Gegenstände wie Zeitung, Wecker, Einkaufsliste oder Musik-Spieler aus der physischen in die virtuelle Welt gewechselt seien. Die Digitalisierung führe zu einer Individualisierung der Gesellschaft. «In der digitalen Welt kann man unterschiedlichste Lebensstile beobachten. Sie zeigt den Menschen ihre Optionen auf, so dass die ‚Generation Diva‘ sich besser selbst verwirklichen kann und die Pensionäre zu Unruheständlern werden, die sich auch im Alter immer noch weiterbilden.» Personalisierung von Waren und Dienstleistungen, Effizienzsteigerung im täglichen Leben und Flexibilisierung seien weitere Folgeerscheinungen. «Durch das Internet kann man in der Schule shoppen und zuhause lernen. Man kann auf Reisen sein und seinen Alltag online mitnehmen.»

Jeder Trend hat seinen Gegentrend
Je ungewohnter die Anwendungen der Digitalisierung sind, desto stärker stossen sie auf Ablehnung. Deshalb verwundert es nicht, dass es neben dem Trend zur Digitalisierung auch den Gegentrend der Vereinfachung gibt. «Die Datenbrille von Google ist gefloppt, weil sie der Gesellschaft zu extrem war», so Tenger. «Firmen wie Uber werden derzeit ausgebremst, weil sie im Ruf stehen, ihre User auszunutzen. Die Gesellschaft steht der Digitalisierung also nicht wehrlos gegenüber.» Angebote für digitales Entgiften, bei denen man dafür bezahlt, weder Computer noch Smartphone zu nutzen, zeigen diesen Gegentrend.

Digitales Lernen
Daniela Tenger stellte in der Aula der PMS diverse Trends vor, die Bildung in Zukunft beeinflussen könnten. Gamification gehörte dazu. «Jugendliche können heute spielend lernen. Sie können am Computer Moleküle ebenso wie virtuelle Welten zusammenbauen.» Das sogenannte «ambient learning» bezeichne das Phänomen, dass immer und überall gelernt werden kann. «Im Leben gibt es nun nicht mehr eine Aus- und eine Weiterbildung. Man lernt nie aus.» Vor allem muss man nicht mehr spezielle Orte zum Lernen aufsuchen. Über online-Studiengänge kann man sich überall in der Welt an Universitäten einschreiben. Sowohl für die Prüfungsvorbereitung als auch für Nachhilfeunterricht gibt es Plattformen, die zum Teil gratis Wissen verbreiten. Auch auf die Lerninhalte dürfte nach Ansicht der Expertin die Digitalisierung Einfluss haben. «Wir brauchen zukünftig eher eine Such- als eine Wissenskompetenz.»

Rektor Lorenz Zubler. (Bild: zvg)

Rektor Lorenz Zubler. (Bild: zvg)

Schon heute digital
Die Nutzung von Internet, Laptop und Apps auf dem Smartphone hat schon längst an der PMS Einzug gehalten. Besonders augenfällig wird das bei der Kunst- und Sport-Klasse. Sie wäre nicht denkbar ohne eine Lernplattform im Internet. Mit ihrer Hilfe nehmen die Schülerinnen und Schüler auch dann den Schulstoff durch, wenn sie bei einem Wettkampf am anderen Ende der Welt sind. Die jungen Leute, die vergangenen Sommer ihre Ausbildung an der PMS begonnen haben, bringen alle ihren eigenen Laptop mit. Ihren Vorgängern wurden von Fall zu Fall schuleigene Rechner zur Verfügung gestellt, was nicht nur teuer war, sondern auch viel Wartungsarbeit nach sich zog. Für die privaten Computer musste nun die Infrastruktur angepasst werden. Es gibt neuerdings einen abschliessbaren Lade-Schrank, in dem die teure Technik nicht nur sicher aufbewahrt werden kann, sondern sich auch die Akkus mit Strom versorgen lassen. Die PMS müsse sich hinsichtlich des Einsatzes der modernen Technik nicht verstecken, meint auch Rektor Zubler in seinem Schlusswort. «Dass es mit der Digitalisierung weitergehen wird, ist allen klar. Wir werden uns jetzt mit der Schulleitung und den Arbeitsgruppen überlegen, welche Schritte wir als nächste angehen.»

Schritt für Schritt in die Zukunft
Zubler räumte ein, dass er mit der digitalen Durchdringung des Alltags seine Probleme hat. Gleichzeitig sieht er aber auch die Vorteile, die die Technik mit sich bringt. «Es gibt digitale Hilfsmittel, die gut funktionieren, und wir wollen nicht mehr auf sie verzichten. Wenn neue Apps den Lehrkräften das Leben leichter machen, sollten wir nicht den Aufwand scheuen, uns mit ihnen auseinanderzusetzen.» Er selbst sei nach den Referaten und Diskussionen erheblich gelassener, unter anderem auch, weil Experten bestätigt hätten, dass auch in der digitalen Welt grundsätzliche Fragen bestehen blieben. «Nach wie vor suchen die Schülerinnen und Schüler nach Wegen zu einem glücklichen und sinnerfüllten Leben – nur die Recherchemöglichkeiten haben sich verändert. Ich bin zuversichtlich, dass wir ihnen weiterhin auf diesem Weg helfen können.»

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