/// Rubrik: Leserbriefe

Abschaffen statt anpacken?

Leserbrief – Der Lehrplan 21 wird nun also ohne Französischlektionen auf der Primarstufe in die Vernehmlassung geschickt. (Judith Ricklin, Kreuzlingen)

Hat der Kanton Thurgau vergessen, dass das Volk am 21. Mai 2006 der Harmonisierung des Schulwesens zugestimmt hat und der Bund, entsprechend dem Artikel 62 der Bundesverfassung, korrigierend eingreifen kann, um, wie vom Volk gewünscht, eine Harmonisierung der Bildungsziele auf den entsprechenden Stufen zu erlangen? Warum gerade jetzt, in der Phase der Harmonisierung des Bildungswesens zwischen den Kantonen, der Thurgau ausschert und seine «eigenen Brötchen bäckt», ist für mich nicht nachvollziehbar.

Ein Blick in die Zentralschweiz hätte geholfen, etwas bedachter zu einer Lösung zu kommen: Die Bildungsdirektoren-Konferenz Zentralschweiz (BKZ) hatte die Französisch- und Englischkenntnisse (gleiches Sprachensystem wie der TG) vom Institut für Mehrsprachigkeit der Universität Freiburg untersuchen lassen. Die BKZ wertete die Ergebnisse in Englisch als «erfreulich», in Französisch als «klar unbefriedigend». Dennoch will die BKZ am Sprachenmodell 3/5 festhalten, weil die Untersuchung auch gezeigt hat, dass ein konzentrierter Lektioneneinsatz nur auf der Sekundarstufe, wie ihn der Thurgau nun anstrebt, keinen Mehrwert bringt und sich zudem die Schüler im Fremdsprachenunterricht nicht überfordert fühlen.

Französisch zu lernen ist zweifelsfrei schwieriger als Englisch. Es ist aber auch von Nöten in dieser Sache von der reinen «Output Orientierung» loszukommen und daran zu denken, was der aktuelle Lehrplan eigentlich ursprünglich wollte: Nämlich die Kinder mit dieser Landesprache (und ich meine auch dem Landesteil) vertraut zu machen, die Lernfreude daran zu wecken und positive Spracherlebnisse zu ermöglichen. Stattdessen müssen Grammatik und Vokabeln gebüffelt werden, damit die Kinder das liefern können, was die abnehmenden Schulen von ihnen erwarten. Hier geht es schon lange nicht mehr um Bildung, sondern um eine «Nutzbarmachung».

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