/// Rubrik: Stadtleben | Topaktuell

Ein Weiher wuchert zu

Kreuzlingen – Der Ziegeleiweiher ist eine Oase im Quartier Emmishofen. Ein kleiner Ableger südlich davon ist der Leemweiher. Umringt von Häuserreihen, ein wenig versteckt, erfreuen sich die Anwohner, seit Jahrzehnten an den Wassertieren und der Schilflandschaft. Doch langsam macht sich Sorge in der Nachbarschaft breit. Denn die Eigentümer sehen kein Problem darin, das Naturschutzgebiet sich selbst zu überlassen. Der Stadt sind die Hände gebunden.

2003 war die Wasserfläche noch grösser und die Flora blickdurchlässig.  (Bild: Monika Braun)

2003 war die Wasserfläche noch grösser und die Flora blickdurchlässig. (Bild: Monika Braun)

Eva Bayer blickt aus dem Fenster. Seit eineinhalb Jahren ist sie an der Weiherstrasse zu Hause, ihr Grundstück grenzt an den Leemweiher an. «In der Zeit hat noch nie jemand das Schilf geschnitten», sagt Bayer. Anne Slowitz wohnt seit neun Jahren nur ein paar Häuser weiter. Auch sie hat noch nie Pflegearbeiten beobachtet, schlimmer noch, sie verzeichnet einen deutlichen Rückgang der Wasserfläche. «Man sieht richtig, wie der Weiher kleiner wird. Das Schilf wächst und wächst, bricht und verrottet schlussendlich. Es bildet sich neuer Humus und damit Landfläche», so Slowitz. Nicht nur um die Natur macht sie sich Sorgen, sie beobachte immer weniger Tiere.

Auch Bayer ist eine Tierfreundin: «Reiher lernen hier fliegen, Enten schwimmen herum und Frösche quaken.» Sie beschleicht sie ein ungutes Gefühl: «Irgendjemandem muss es recht sein, dass der Weiher langsam verlandet.»

Ein blinder Flecken Natur

Heute nimmt das Schilf überhand und Brombeersträuche bilden ein wildes Dickicht. Tiere gibt’s immer noch, doch die Anwohner fragen sich, wie lange das noch so bleibt. (Bild: ek)

Heute nimmt das Schilf überhand und Brombeersträuche bilden ein wildes Dickicht. Tiere gibt’s immer noch, doch die Anwohner fragen sich, wie lange das noch so bleibt. (Bild: ek)

Der Leemweiher ist für die meisten Kreuzlinger ein blinder Fleck Natur im Westen von Kreuzlingen. Früher konnten Spaziergänger noch auf das Naturschutzgebiet herabblicken, heute versperren Brombeersträucher und Neubauten die Sicht auf die Schilflandschaft. Die Stadt Kreuzlingen hat das Biotop jedoch nicht vergessen. In einem Freiflächenkonzept aus dem Jahr 2009, welches der Bevölkerung Zugang zu attraktiven, nutzbaren Freiflächen in Gehdistanz sichern soll, ist auch der kleine See vermerkt. Ein Grüngürtel zwischen dem Irsee und dem Leemweiher soll entstehen. Heute kann man zwar vom Saubach zum Ziegelweiher spazieren, der vernachlässigte Tümpel bleibt dabei aber im Verborgenen.

«Der Leemweiher ist bei uns auf dem Radar», erklärt Stefan Braun, Umweltbeauftragter der Stadt. Doch die beiden Grundstückparzellen sind in privater Hand. Eigentümer sind laut dem Gesetz zum Natur- und Heimatschutz verpflichtet, geschützte Objekte zu erhalten und zu pflegen. Kanton und Gemeinde sollen die Eigentümer dabei unterstützen. «Wir sind in Kontakt mit den Eigentümern, doch die Rechtslage ist sehr verworren», so Braun.

Wem gehört was?
Der nördliche Teil des Weihers gehört der Trust AG. Diese verwaltet Teile der Konkursmasse der Gerger AG. Und auf den Namen Sadi Gerger ist man im Quartier gar nicht gut zu sprechen. Der Investor besass mit seiner gleichnamigen Firma viele Grundstücke im Gebiet. Er hinterliess einen Scherbenhaufen, nachdem er Konkurs anmelden musste und nach Schweden floh. Aufgrund von Rechtsstreitigkeiten will die Trust AG zurzeit weder am Grundstück etwas verändern, noch verkaufen.

Stadt will kaufen
Die Stadt habe schon mehrfach versucht, die Parzellen zu kaufen. «Leider erfolglos», sagt Braun. «Von einem Kaufangebot weiss ich nichts», erwidert der Zürcher Rechtsanwalt Hans Maurer. Er vertritt die Dr. Gerhard Endress Stiftung, welcher der südliche Teil des Weihers gehört. In der Entwicklung des Gebiets sieht er kein Problem. «Bloss weil etwas wild ist, heisst das nicht, dass es schlecht ist», sagt Maurer. Er befürchtet jedoch, dass die Stadt Landreserven kaufen will, um es irgendwann in Bauland umzuzonen. «Zwar nicht in absehbarer Zukunft, doch wir wollen unsere Mieter vor noch mehr Bebauung schützen», so der Rechtsanwalt.

«Ich habe hier mehrere schriftliche Kaufangebote auf meinem Tisch liegen», empört sich Ernst Zülle, Stadtrat Departement Bau, über die Unterstellungen. Auch dem Vorwurf, Landreserven horten zu wollen, widerspricht er vehement: «Ganz im Gegenteil, wir planen im Richtplan, die Naturschutzzone  auszuweiten.»

Der Weiher sei sehr wertvoll für die Öffentlichkeit, wie auch schon im Freiflächenkonzept festgehalten. «Wir wollen diesen pflegen und auch zugänglich machen für die Bevölkerung», sagt der Chef des Departements Bau. Besässe die Stadt das Land, wäre dies ein Leichtes. «Dennoch werden wir alles daran setzen, unsere Ideen für das Gebiet durchzusetzen», verspricht Zülle.

Denn laut dem Naturschutzgesetz kann die Stadt mit Anordnungen gegen Eigentümer vorgehen, um erhaltenswerte Objekte zu schützen. Doch was zählt als erhaltenswert? «Die Stockenten auf jeden Fall nicht», sagt der Umweltexperte Braun. 2007 liess die Stadt eine Bestandesaufnahme im Gebiet durchführen. Das Resultat: zwei gefährdete Heuschreckenarten leben im Gebiet, der geschützte Kammmolch sowie der Wasserfrosch. Das Problem: Es ist die einzige Untersuchung im Gebiet. Ohne Vergleichsdaten ist es schwer aufzuzeigen, dass die gegenwärtige Entwicklung negativ ist für den Fortbestand der Tiere.

Und mit Maurer hat die Stadt einen Mann vom Fach gegen sich. Der Rechtsanwalt ist studierter Chemiker, mehrere Gutachten und Fachbeiträge auf seiner Homepage zeugen von einem profunden Wissen über das Naturschutzgesetz. «Die Natur muss man so spriessen lassen,  wie sie kommt. Wenn sich daraus ein Pionierwald bildet, ist das okay so», erklärt Maurer. Er will sich jedoch anfangs Juni ein aktuelles Bild vom Gebiet machen.

Rundgang eingeplant
Auch das kantonale Amt für Raumentwicklung hat bei seinem Rundgang im Herbst den Leemweiher fest mit eingeplant. «Im Sommer dürfen in geschützten Gebieten sowieso keine Eingriffe vorgenommen werden», erklärt Rolf Niederer, stellvertretender Leiter für Natur und Landschaft.

Anwohnerin Eva Bayer befürchtet jedoch, dass es irgendwann zu spät ist: «Am Schluss ist der Weiher nur noch ein Nest für Schnaken.»

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