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Grundeinkommen aus Sicht der Frau

Kreuzlingen – Am 5. Juni stimmen wir über ein bedingungsloses Grundeinkommen ab. Die Thurgauer Frauenzentrale beschäftigte sich an einem gut besuchten Podium mit der Initiative und stellte die Frage: Wie viel emanzipatorische Wirkung könnte diese entfalten?

Das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) polarisiert Feministinnen und Gleichstellungsbefürworter. Die einen fürchten es als «Herdprämie», welche die Rückkehr zu alten Rollenbildern begünstigen könnte. Die anderen sehen es als Fortschritt auf dem Weg zur Gleichstellung. Am Podium der Frauenzentrale am Dienstagabend waren diese Positionen ungleich verteilt.

Die Autorin und Theologin Ina Pretorius ist Mitglied im BGE-Initiativkomitee und hielt ein Inputreferat. Sie befürchtet, dass die sogenannten «Care-Aktivitäten» – also Hausarbeit, häusliche Pflege und Betreuung von Kindern, von kranken und betagten Menschen – mit der Einführung des Grundeinkommens weiterhin grösstenteils an den Frauen hängenbleiben. Im Jahr 2013 seien in der Schweiz 8,7 Milliarden Arbeitsstunden unbezahlt geleistet worden, 14 Prozent mehr als in der Lohnarbeit, zitierte Pretorius das Bundesamt für Statistik. Hausarbeiten machten 75 Prozent dieses Gesamtvolumens aus.

Das Grundeinkommen würde bestimmte Probleme nicht aus der Welt schaffen – muss es aber auch nicht. Es diskutierten (v.l.) Nicole Althaus, Fabio Schmid, Moderator Thomas Götz, Monika Laib und Ueli Mäder. (Bilder: sb)

Das Grundeinkommen würde bestimmte Probleme nicht aus der Welt schaffen – muss es aber auch nicht. Es diskutierten (v.l.) Nicole Althaus, Fabio Schmid, Moderator Thomas Götz, Monika Laib und Ueli Mäder. (Bilder: sb)

Sie sei nach wie vor für die Einführung eines Grundeinkommens, aber nur zusammen mit einer «Care-Centered Econonmy», einer Ökonomie, die wirkliche Bedürfnisse statt das Geld und seine Vermehrung in die Mitte stellt. «Darum ist mir eigentlich gleichgültig, wie die Abstimmung am 5. Juni ausgeht», schloss sie ihre Einführung.

Die preisgekrönte Journalistin und Autorin Nicole Althaus, Chefredaktorin der NZZ am Sonntag, findet, dass Frauen im Job mehr wollen sollen: «Sie sollen sich stärker als Ernährerinnen sehen, so wie die Männer.» Althaus kritisiert das bedingungslose Grundeinkommen als «Gedankenspiel für den Mann», weil es den Anreiz, daheim «am Herd» zu bleiben, vergössere und damit eigentlich «ganz auf SVP-Linie» liegen würde.

Kanti-Schüler Fabio Schmid.

Kanti-Schüler Fabio Schmid.

Kanti-Schüler Fabio Schmid sieht Gleichstellung auch ohne Grundeinkommen auf gutem Weg. «Heutzutage suchen sich Frauen und Männer gleichermassen einen Beruf, der ihren Bedürfnissen entspricht.» Seine Eltern arbeiten beide im gemeinsamen Unternehmen, bei der Hausarbeit müssen er und seine Geschwister genauso anpacken. Es gebe andere Wege als über Bezahlung, um «Care-Aktivitäten» wertzuschätzen, gab er zu bedenken und ist sich sicher: «Meine Mutter bekommt etwas zurück.»

Ihren Mann erfolgreich in die häuslichen Arbeiten integriert hat auch Monika Laib. Die Mutter von drei Kindern führt zwei Blumenläden in Amriswil und ist Preisträgerin des 1. KMU Frauenpreises. Durch das «Jobsharing» haben die Laibs am Ende weniger im Geldbeutel, als wenn er in seinem Beruf voll arbeiten würde. Sie bezweifelt, dass das Grundeinkommen zu mehr Wertschätzung der häuslichen Arbeit führe. «Und vielleicht ist es auch ein Privileg, Mutter zu sein – ein Privileg, das nicht bezahlt werden kann.»

Unternehmerin Monika Laib und Professor Ueli Mäder.

Unternehmerin Monika Laib und Professor Ueli Mäder.

Veränderungspotential ist da
«Ohne Care-Arbeit kann die Gesellschaft nicht existieren», weiss Professor Ueli Mäder, Autor und Soziologe von der Uni Basel. Bezüglich der «individuellen Wertschätzung» müsse man sich «immer wieder an der Nase nehmen». Daran ändere auch das Grundeinkommen nichts, so der Befürworter der progressiven Initiative. In ihr sieht er gesellschaftliches Veränderungspotential und zumindest die Möglichkeit, die Sorgearbeit aufzuwerten und besser zu verteilen, was zu einem Rückgang der «Ramschproduktion» führen könne. Wenn der Existenzdruck wegfalle, würden alle profitieren. «Was ist uns am Leben wichtig?», fragte er. Arbeit sei nicht nur Erwerbstätigkeit und der Wert der Arbeit dürfe nicht nur durch ihren «Marktwert» bestimmt werden.

In der Publikumsdiskussion erhielt Professor Mäder Unterstützung: «Ich sehe das Grundeinkommen als eine Chance für mehr Gerechtigkeit», sagte eine Frau.
Das Schlusswort hatte Annina Villiger, Präsidentin der Frauenzentrale: Ob die Initiative am 5. Juni angenommen wird oder nicht, sie habe so oder so wichtige Fragen aufgeworfen und neue Denkanstösse gegeben.

Die Initiative
Jede in der Schweiz lebende Person bekommt ein Grundeinkommen, ohne dass hierfür Bedingungen gestellt werden – das ist die Vision der Initiative. Wie hoch der monatliche Betrag ist, den Erwachsene erhalten würden, müsste noch festgelegt werden. Diskutiert werden 2500 Franken. Damit könnten alle bescheiden, aber in Würde am gesellschaftlichen Leben teilnehmen und sich den wichtigen Dingen des Lebens widmen. Das System des Grundeinkommens wäre nur wenig oder gar nicht teurer als unser heutiges, würde aber dazu führen, dass sich die Menschen vermehrt für das Gemeinwesen engagieren würden, sagen die Initianten. Und wer Karriere machen und deutlich mehr verdienen will, tut dies einfach weiterhin. Der Bundesrat hat die Initiative zur Ablehung empfohlen.

 

 

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