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«Ich musste mir meinen Platz erkämpfen»

Ballett – Lou Spichtig ist der aufstrebende Stern der Schweizer Ballettszene. Mehrere renommierte Wettbewerbe im In- und Ausland konnte die Zürcherin bereits für sich entscheiden. Im Interview spricht das 18-jährige Ausnahmetalent über ihre Leiden(schaft).

Lou Spichtig: graziös mit eisernem Willen.(Bild: zvg)

Lou Spichtig: graziös mit eisernem Willen. (Bild: zvg)

Seitdem Sie neun Jahre alt sind, räumen Sie Preise ab. Ist gewinnen mittlerweile zur Gewohnheit geworden?
Lou Spichtig: Nein. Aber der Druck ist mit jeder Auszeichnung angestiegen. Das Publikum erwartet von einer Preisträgerin einen gewissen Standard, und hat vielleicht höhere Ansprüche. Ich muss mir dessen bewusst sein, darf mich aber nicht aus der Ruhe bringen lassen.

Ihre Schritte sind präzise, Ihre Bewegungen fliessend. Welche Eigenschaften hat Sie soweit gebracht im Ballett?
Ich habe seit frühester Kindheit einen eisernen Willen, ich bin zielstrebig, mit einem Hang zum Perfektionismus, habe viel Durchhaltevermögen und viel Disziplin. Ein solcher Charakter ist von Vorteil in diesem Beruf. Mir wurde ausser meiner unendlichen Liebe zum Tanz und zur Bühne, nicht fürs Ballett, in die Wiege gelegt.

Sie legen einen ungewöhnlich hohen Ehrgeiz an den Tag. Woher kommt dieser?
Ich war und bin überall immer die Jüngste und Kleinste: im Kindergarten, in der Schule, beim Ballett, im Orchester, im Ferienlager und jetzt auch in der Kompanie. Ich musste immer beweisen, dass ich, obwohl ich zwei, drei Jahre jünger war, keineswegs weniger erfahren oder geeignet war. Ich musste mir meinen Platz und das Ansehen meiner Kollegen schon immer erkämpfen. Das formt den Charakter.

Was ist die grösste Herausforderung am Ballett tanzen?
Man muss sich ganz dieser Kunstform widmen. Es ist kein Beruf, den man von neun bis fünf ausübt und mit dem Feierabend beginnt das Leben richtig. Beruf und Privatleben kann ich nicht trennen. Mein einziges Werkzeug ist mein Körper, ich kann nichts «bei der Arbeit» lassen. Jede Entscheidung die ich treffe, egal in welchem Lebensbereich, bezieht sich auf das Tanzen. Das kann manchmal sehr belastend sein.

Welchen Erfolg streben Sie als Krönung ihrer Karriere an?
Ich hoffe, dass sich Leute an mich erinnern werden, sei das wegen meiner Interpretation einer Rolle, einer aussergewöhnlichen Karriere oder weil ich etwas für diese Kunstform bewirken konnte. Mein grösster Traum ist, dass ein abendfüllendes Ballett auf mich choreografiert wird.

Den Prix de Lausanne gewannen Sie durch eine moderne Variation. Gibt es im Ballett noch viel zu entwickeln oder zu entdecken?
Tanz ist eine lebende Kunstform. Es ist wie eine Sprache. Sie erfindet sich ständig neu, verzweigt sich in allen Richtungen, verwandelt sich komplett und kehrt dann zu den Wurzeln zurück. So entdeckt man beim Tanzen konstant Neues. Wer das Gefühl hat, er kann schon alles und hätte nichts mehr zu lernen, der sollte lieber aufhören!

Tanzen Sie lieber für Wettbewerbe oder in einer normalen Vorführung, wie in Münsterlingen?
Ich selbst bin wesentlich entspannter, wenn ich weiss, dass mich niemand im Publikum bewertet und geniesse meinen Auftritt dementsprechend mehr. Die grösste emotionale Belohnung ist sowieso nicht eine Medaille, sondern eine Standing Ovation und ein berührtes Publikum!

Wie tanzen Sie auf Partys?
Gar nicht! Nach einem Tag im Theater will ich nur noch sitzen! Zu einem Kaffee und einem gutem Gespräch mit Freunden an einem ruhigen Ort sage ich aber nicht nein.

Lou Spichtig tritt im Rahmen eines  Ballettabends am 10. Juni, 19.30 Uhr, mit dem Junior Ballett des Opernhauses Zürich in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen auf.

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