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«Ich halte es für gefährlich, wenn man von Ideen ausgeht und nicht von Menschen»

Kreuzlingen – Am Dienstag, 14. Juni, las der Schweizer Star-Autor Peter Stamm in der Kreuzlinger Büecherbrugg aus seinem neuen Roman «Weit über das Land». Vorab sprachen wir über seinen Erfolg als Autor, über literarische Einflüsse und natürlich über die Liebe.

Peter Stamm im Gespräch. (Bild: sb)

Peter Stamm im Gespräch. (Bild: sb)

Kreuzlingen Zeitung: Zunächst einmal soll ich Sie herzlich von Uwe Timm grüssen, mit dem ich letzten Samstag gesprochen habe. Wir würden gerne eine Gegenüberstellung von Ihnen beiden veröffentlichen, daher würden wir Ihnen dieselben Fragen stellen. Die erste wäre: Welchen Stellenwert hat das Schreiben für Sie?
Peter Stamm: Ich mag die Antwort, die Dürrenmatt gegeben hat: Ich schreibe aus beruflichen Gründen. Das finde ich gut gesagt. Natürlich schreibe ich auch aus Begeisterung, aber es ist ein Beruf, etwas, das ich in den Arbeitszeiten tue. Aber es ist natürlich kein normaler Beruf, das ist klar.

Haben Sie feste Arbeitszeiten und ein Büro?
Da bin ich ja gespannt, was Uwe Timm dazu gesagt hat. Ich habe feste Arbeitszeiten. Ich schreibe immer morgens. Es hat auch etwas mit der Tagesform zu tun. Es gibt Wochen und Monate, in denen ich gar nicht schreibe. Ich arbeite im Büro, aber auch unterwegs im Zug oder auch mal eine Woche irgendwo anders.

Herr Timm meinte, er arbeite in preussischer Disziplin: morgens, mittags, abends.
Dann arbeite ich mit Schweizer Gelassenheit. (lacht)

Wählen Sie Ihre Themen autobiographisch?
Autobiographisches Schreiben hat mich nie interessiert. Das wollte ich nicht, ich finde, das geht niemanden etwas an. Aber ich schreibe natürlich über Themen, die mich interessieren oder mich in irgendeiner Form betreffen. Von daher haben sie schon etwas mit mir zu tun, nur nicht in dem Sinn, dass ich diese Dinge genauso erlebt habe. Liebe ist ja ein Thema, das vermutlich jeden betrifft. Da kann jeder sagen, dass er schon mal etwas damit zu tun hatte.

Was bedeutet denn für Sie die Liebe?
Oh, wenn ich das so einfach sagen könnte, würde ich keine Bücher darüber schreiben. Das ist ein weites Feld. Ich sage immer, das ist wie in der Malerei, wenn die Maler so gerne menschliche Körper malen, weil das einfach unglaublich komplex und nie ausgeschöpft ist. Und genau so ist es auch mit der Liebe. Es gibt so viele Formen, Geschichten und Möglichkeiten.

Haben Sie einen Schriftsteller oder Psychologen, dessen Theorien Sie für massgebend befinden?
Nein, ich arbeite lieber empirisch. Ich halte es für gefährlich, wenn man von Ideen ausgeht und nicht von Menschen. Das führt selten zu guter Literatur. Ich habe im Laufe meiner Arbeit gewisse Ansichten gewonnen. Zum Beispiel, dass Beziehungen in Bewegung bleiben sollen, oder dass man offen sein soll, Toleranz und Humor braucht. Aber ich möchte keinen Beziehungsratgeber schreiben.

Und haben Sie Ratschläge an junge Literaten?
Preussische Disziplin vielleicht. (lacht) Die Schwierigkeit ist nicht das Verkaufen, sondern das Schreiben. Gerade wenn man anfängt, hat man oft die Tendenz, zu denken, dass es genial ist, und wundert sich, dass man fünf Jahre lang keinen Verlag findet. Und manchmal ist es dann eben doch nicht so genial gewesen. Ich habe bei meinen frühen Werken immer relativ schnell abgebrochen und etwas Neues angefangen. Das ist schwierig. Von daher ist es die Schreibarbeit, die wichtig ist. Und Ehrlichkeit gegenüber sich selbst, dass man wirklich das, was man geschrieben hat, auch beurteilen lernen muss. Das ist gar nicht so einfach. Und man sollte aus einem Gefühl heraus schreiben. Es ist wichtig, dass man die Leser nicht belehren will, sondern dass man etwas schreibt, das einen persönlich betrifft. Man muss nicht seine Geschichte erzählen, aber Themen wählen, die einen betreffen.

Mögen Sie Ihre alten Texte, wenn sie diese heute lesen?
«Agnes» ist hier die Grenze, alles was zuvor entstanden ist, war wirklich nicht gut. Von «Agnes» an bin ich eigentlich zufrieden. Klar gibt es Dinge, die ich heute anders machen würde.

Sie waren 29 als «Agnes» erschien, oder?
Nein, ich war 35. Mit 29 habe ich angefangen, «Agnes» zu schreiben.

Zu mir hat einmal jemand gesagt, dass man nach dem dreissigsten Lebensjahr keine guten Bücher mehr schreiben könne.
Zu mir hat mal jemand gesagt, dass man vor 35 keinen Roman veröffentlichen soll. Das Zeitfenster ist also relativ schmal. Das sind solche Lebensweisheiten …

«Agnes» ist zum Teil Matura-Schullektüre. Haben Sie Ratschläge für die Jugend?
Ich denke schon, dass Bücher das Leben verändern können, so wie Erlebnisse, oder Dinge, die einem geschehen. Aber das ist sehr individuell, je nachdem was jemand mitbringt. Ein Buch das gut ist, sollte für jeden Leser ein anderes sein.

Fällt Ihnen spontan ein Buch ein, das Ihr Leben verändert hat?
Als Schriftsteller waren es die Bücher von Hemingway, die haben mir wirklich die Augen aufgemacht für gewisse Dinge. Ansonsten «Der Fremde» von Camus.

Uwe Timm hat über Camus promoviert.
Ach, tatsächlich? Ja, das ist natürlich unsere Generation. Oder liest man Camus heute immer noch?

Camus wird immer noch gelesen, ja. Gerade ist eine Gegendarstellung des algerischen Schriftstellers Kamel Daoud erschienen.
Ja genau, ich erinnere mich. Das ist die Geschichte vom Bruder des Opfers aus Camus «Der Fremde». Ein erfolgreiches Buch in diesem Jahr.

Mögen Sie denn Ihren eigenen Erfolg?
Natürlich bin ich froh, dass ich Erfolg habe, ich will ja davon leben. Aber ich habe nie Erfolg um des Erfolges willen gesucht. Ich finde es nicht besonders angenehm, auf der Strasse erkannt zu werden, ich bin keine Rampensau. Ich fände es nicht cool, wenn alle mich kennen würden, was ja auch nicht der Fall ist. Schriftsteller sind ja verhältnismässig unbekannt. Man wird in Ruhe gelassen.

Was verstehen Sie unter Heimat?
Heimat ist ein Ort, von dem es gut ist, dass es ihn gibt, auch wenn man ihn nicht dauernd besuchen muss. Das ist für mich der Thurgau, die Landschaft meiner Kindheit, der Seerücken. Die Schweiz ist mir ein bisschen zu abstrakt.

«Agnes» wurde soeben als Kinofilm veröffentlicht. Mögen Sie die Umsetzung?
Ja, ich finde den Film sehr schön. Die Schauspielerin Odine Johne ist sehr gut.

Was halten Sie von Uwe Timm?
Ich finde, er ist ein toller, spannender Autor. Ich habe sogar die Idee zu meinem neuen Projekt, an dem ich arbeite, aus seinem Roman «Vogelweide». Ich habe eine Szene falsch verstanden und das hat mich zum Denken angeregt. Nun ist etwas ganz anderes daraus entstanden. Und er ist ausserdem ein ausgesprochen sympathischer Mensch, das ist ja auch nicht unwichtig. Wir verstehen uns sehr gut.

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