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Das Tägermoos – Ein deutsches Stück Schweiz

Konstanz – Ab 16. Juli beschäftigt sich die Sonderausstellung des Rosgartenmuseums Konstanz mit dem Tägermoos. Sie wird in Zusammenarbeit mit der Stadt Kreuzlingen, den Gemeinden Tägerwilen und Gottlieben sowie der Biotta AG und der Mosterei Möhl AG gezeigt.

Feldarbeit im Tägermoos damals ...

Feldarbeit im Tägermoos damals …

Seit Jahrhunderten bestimmt die deutsche Stadt Konstanz über ein kleines Stück Schweiz mit: Das so genannte «Tägermoos», ein 150 Hektar grosses Grünland mit Gemüsefeldern, Gewächshäusern, einem Badeplatz am Rhein und Kleingärten jenseits der Landesgrenze. Diese paradiesisch gelegene Exklave gehört der Stadt, liegt aber auf Schweizer Staatsgebiet. Konstanzer Gemüsegärtner aus dem traditionsreichen Stadtteil Paradies bestellen Felder in der Schweiz, fahren ohne Ausweis über die Grenze und zahlen deutsche Steuern.

Grundlage dieses staatsrechtlichen Kuriosums ist bis heute ein Staatsvertrag aus dem Jahr 1831. Die Ursprünge dieser einmaligen Grenzverhältnisse liegen jedoch weit zurück. Vor etwas mehr als 500 Jahren verlor die freie Reichs- und Bischofsstadt Konstanz ihr natürliches Hinterland: Die kriegerischen Eidgenossen hatten den Thurgau besetzt und nach dem so genannten «Schwaben- oder Schweizerkrieg» ihrem Herrschaftsgebiet endgültig einverleibt. Damit rückten die Grenzen der Eidgenossenschaft bis an die äusseren Stadtmauern von Konstanz heran. Die Stadt behielt jedoch ihr Eigentum und die einfachen Hoheitsrechte über ihr verloren gegangenes Hinterland. Das Tägermoos wurde «Untertan zweier Herren» und damit eine Quelle jahrhundertlanger Konflikte. In zwei Weltkriegen entfremdeten sich die Nachbarn, das Tägermoos drohte Konstanz 1945 gar verloren zu gehen.

... und heute. (Bilder: zvg)

… und heute. (Bilder: zvg)

Weithin berühmt wurde das äusserst fruchtbare Schwemmland durch den Gemüsebau der Bauern aus dem Konstanzer Stadtteil Paradies: Kohlköpfe, Zwiebeln und anderes Gemüse wurden schon im 18. Jahrhundert auf die Märkte der Nord- und Ostschweiz verschickt. Geräucherte Felchen und Blässhühner aus dem Seerhein galten als Spezialität auf deutschen und Schweizer Bürgertischen. Bis heute sind die teils in Bio-Qualität angebauten Gemüse-Erzeugnisse sehr gefragt, nicht zuletzt als Bestandteil der berühmten «Biotta»-Säfte, die am Rande des Tägermoos produziert werden.

Unsere Ausstellung stellt dieses wundersame deutsche Stück deutsch-schweizerischer Nachbarschaft vor: Auf Bildern früherer Künstler, auf einmaligen Fotodokumenten aus der Zeit um 1900 und in eindrückliche Aufnahmen der heutigen Fotografin Hella Wolff-Seybold. Kuriose Gerätschaften der frühen Technisierung der Landwirtschaft und zeitlos spannende Geschichten um kriegerische Eidgenossen, mutige Thurgauerinnen, gefährlichen Sülibirrenmost, das grosse Schmuggeln und die tägliche Arbeit im Feld illustrieren das wechselvolle Leben beidseits der Grenze. Zur Ausstellung erscheint im Südverlag Konstanz ein reich bebilderter Katalog.

Das Rahmenprogramm bietet u.a.:

  • «Galgen und Gemüse» -Historische Spaziergänge durch das Tägermoos mit Fischknusperli-Essen in der Badi Tägerwilen
  • Historische Dorfspaziergänge in Tägerwilen und Gottlieben
  • Stadtspaziergang mit Josef Bieri durch Kreuzlingen, Einkehr in «Seeburg»
  • «Alles bio» – Betriebsbesichtigung bei der Biotta AG Tägerwilen
  • «Geschichten aus dem Tägermoos» Literarischer Abend im Bodman-Haus, Gottlieben
  • «Der trennende Zaun» Grenzspaziergang entlang des ehemaligen Grenzzauns
    «Menschen im Paradies» Historischer Spaziergang durch den Stadtteil Paradies

Die Ausstellung ist von 16. Juli bis 30. Dezember zu sehen.

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One thought on “Das Tägermoos – Ein deutsches Stück Schweiz

  1. Bruno Neidhart

    Für dieses offene Landstück ist äusserste Sorge zu tragen (wie für alle noch heute historisch-offenen Flächen in Stadt und Land!). An den Randgebieten, gegen Tägerwilen hin, hat leider bereits die „Betonitis“ begonnen. Die Hoffnung, wenigstens den hoheitsrechtlichen Konstanzer Anteil frei zu halten, sollte nie aufgegeben werde. Schon das Autobahn-Zollamt und die Führung der vierspurigen Nord-Süd-Trassee auf Niveau Null war raumbezogen ein grosser Eingriff. Geschichtlich erstaunlich: Unten am Rhein war mal eine grosse Hafenanlage geplant. Die Schifffahrt ab Basel blieb jedoch Wunschtraum. Ebenso wurde in diesem Bereich eine Eisenbahnbrücke über der Rhein erwogen. Mutig Leute versuchten Konstanz von der Schweizer Seite her bahntechnisch zu erschliessen, um die Trennung der Stadt vom Seeufer zu verhindern. Auf jeden Fall ein interessantes Stück Land im Westen von Konstanz, das im Sommer im „Rosgarten “ vorgestellt wird.

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