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Wie wirkt sich der Brexit auf Kreuzlingen aus?

Kreuzlingen – Europa verändert sich: Die Briten haben sich in einem Volksentscheid für den Brexit und damit den Austritt aus der Europäischen Union entschieden. Einige fordern einen raschen Ausstieg, andere eine Revidierung der Entscheidung. Europa erfährt eine Schwächung. Doch welche Auswirkungen hat der Brexit auf die Schweizer und damit auch die Kreuzlinger Wirtschaft?

Die Queen winkt am Schweizer Zoll: Goodbye Europa.(Bild: vf)

Die Queen winkt am Schweizer Zoll: Goodbye Europa. (Bild: vf)

Grossbritannien hat sich in der vergangenen Woche mit einem knappen Ergebnis von 52 Prozent für einen Austritt aus der Europäischen Union entschieden. Die Konsequenzen für die Wirtschaftslage in der Schweiz sind bereits jetzt absehbar.

Eine Stärkung des Frankens und fallende Zinsen bedingen weitere Einbussen im Tourismus sowie eine Schwächung von Exportprodukten. Laut der Industrie und Handelskammer Thurgau ist Grossbritannien aktuell der fünftwichtigste Absatzmarkt der Schweizer Exportwirtschaft und die Nummer vier für Schweizer Direktinvestitionen im Ausland. Am meisten exportiert werden Pharmaprodukte, Edelsteine und Edelmetalle, Maschinen und Uhren. Schweizer Firmen beschäftigen in ihren britischen Niederlassungen fast 100000 Angestellte.
Zudem wirkt sich die Entscheidung der Briten negativ auf das Tempo der bilateralen Verhandlungen der Schweiz mit Brüssel aus. Eine Lösung der Einwanderungsfrage mit der EU rückt damit in weite Ferne.

46 Briten leben in Kreuzlingen, 23 Kreuzlinger in Grossbritannien
Ende 2015 zählten im Kanton Thurgau 262 Personen aus dem Vereinigten Königreich zur ständigen Wohnbevölkerung. Davon leben 46 Personen in Kreuzlingen. Gemäss des Eidgenössischen Departments für auswärtige Angelegenheiten sind 23 in Kreuzlingen heimatberechtigte Personen mit Wohnsitz in Grossbritannien gemeldet. Ende 2015 waren insgesamt 33745 Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer in Grossbritannien wohnhaft. Der Brexit wird die Verhandlungen zwischen der Schweiz und der Europäischen Union über die mit der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative verbundene Änderung des Personenfreizügigkeitsabkommens massgeblich beeinflussen.

Auswirkungen auf den Tourismus
Experten fürchten in der Reisebranche Einbussen für die gesamte Schweiz. Laut Tourismuspräsidentin Silvia Cornel gibt es in Kreuzlingen aber nur einen sehr geringen Anteil von Briten, die hier Urlaub machen, die Konsequenzen des Brexit werden hier also nicht spürbar sein.

Positiv hingegen sind die Auswirkungen auf den Tourismus in die gegenseitige Richtung: Reisen auf die königliche Insel werden billiger. Cornel kann hier Whiskeytouren in Schottland oder Romantikurlaube in den Kulissen von Rosamunde Pilcher empfehlen. Familienurlaube lassen sich im südlichen Cornwall geniessen: Hier gibt es schöne Touren mit dem Mietwagen von einem Bed&Breakfast zum anderen. Auch Sprachreisen werden gerne gebucht.

Regionale Unternehmen befürchten Einbussen
Für die allgemeine Wirtschaftsentwicklung hingegen ist der Brexit eine weitere Katastrophe. Der Euro und das britische Pfund sind gegenüber dem Schweizer Franken deutlich unter Druck geraten. Durch den starken Franken wird die Schweizer Exportwirtschaft vor grosse Herausforderungen gestellt. Eine mögliche Rezession Grossbritanniens würde sich zudem negativ auf die Wirtschaftsbeziehungen mit der Schweiz auswirken.

Für den Nähmaschinenhersteller Bernina in Steckborn kam der Entscheid unerwartet – ebenso wie für dessen britische Importeure. Erste Auswirkungen sind primär auf aufgrund der Wechselkursverwerfungen zu verzeichnen.

«Wir rechnen für die nächste Zeit mit stagnierenden oder sinkenden Umsätzen. Gleichzeitig sind wir zuversichtlich, dass unsere langjährigen britischen Partner die richtigen Entscheide fällen werden, um Bernina auch zukünftig erfolgreich zu vertreten. Die Beziehungen zu unserem Handelspartner in Großbritannien sind mehrere Generationen alt – es ist aber in Bezug auf den Umsatz kein Schlüsselmarkt», so Matthias Fluri vom Marketing und Sales Support.

Als Unternehmen sei Bernina vom Brexit nicht sehr stark betroffen. Gemessen am Umsatz ist die USA der mit Abstand am wichtigste Markt, gefolgt von der Schweiz und Deutschland.
Der Verkaufsleiter der Chocolat Bernrain AG Marcel Lehmann geht vom Worst-Case-Szenario aus: «Bei Kunden, die in Pfund bedient werden, ist mit Margeverlusten zu rechnen, für Kunden, die in Franken bezahlen, wird die Ware teurer. Allgemein wirkt sich eine Schwächung des Euros negativ auf das Unternehmen aus – und das nun zum dritten Mal.»

Da der Schweizer Schokoladen Hersteller die Rohstoffe für seine Bio- und Fairtraidprodukte hauptsächlich in Dollar einkauft, entsteht auch hier ein Problem, sofern der Dollar steigen sollte. Dies würde Verluste auf beiden Seiten bedeuten: Sowohl im Einkauf der Rohstoffe als auch im Verkauf der Produkte.

Derzeit heisst es im Unternehmen aber erst einmal Ruhe bewahren, Abwarten und – wie der Engländer es handhaben würde – Tee trinken.

Margaux Keller. (Bild: zvg)

Margaux Keller. (Bild: zvg)

Live aus London
«Niemand hat mit dem Brexit gerechnet, da  es ein sehr grosser Einschnitt für die Wirtschaft ist: London lebt fast nur von Ausländern. Viele Leute waren daher überrascht und manche – vor allem Ausländer – haben sich ein wenig gekränkt gefühlt, weil sie sich so nicht mehr wilkommen sehen in England. Sie haben auch Angst, dass es schwieriger wird, Arbeit zu finden. Aber der grösste Teil hat Verständniss für die Entscheidung der Briten. Ich denke, bis zum endgültigen Ausstieg wird es noch eine Weile dauern, mit zwei Jahren muss man vermutlich rechnen. Ich habe aber auch schon gehört, dass eine Neuabstimmung gefordert wird, da die meisten Gelder nicht wie versprochen an die NHS [National Health Service, das staatliche Gesundheitssystem in Großbritannien (Anm. d. Red.)] gehen, sondern anderweitig eingesetzt werden. Und vor allem die älteren Leute stört das, da sie sich durch den Brexit eine bessere Altersvorsorge erhofft haben.»

Margaux Keller kommt aus Kreuzlingen und arbeitet zurzeit in einem Zwischenjahr in der Gastronomie in London.

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