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Die geduldige Tanzmeisterin

Kreuzlingen – Sonja «Sonny» Walterspiel feierte gestern ihren 63. Geburtstag. Damit geht auch ihre Zeit als Leiterin der Tanzschule Kreuzlingen zu Ende. Mittlerweile gibt es kaum ein Elternpaar, dem die gutherzige Stuttgarterin fremd ist. Hunderte von Kindern waren entweder bei ihr ihm Tanzunterricht oder haben bei den gross angelegten Kindermusicals mitgewirkt.

Selbst im Rampenlicht wollte sie nie stehen: die Tanzpädagogin Sonny Walterspiel. (Bild: Jette-Marie Schnell)

Selbst im Rampenlicht wollte sie nie stehen: die Tanzpädagogin Sonny Walterspiel. (Bild: Jette-Marie Schnell)

«Seit ich fünf Jahre alt bin, tanze ich», blickt Sonny Walterspiel auf ihr anfängliches Hobby zurück, welches sie ihr Leben lang begleiten sollte. Zuerst war es Ballett, mit 16 kam dann Jazz Dance, ungarischer Charaktertanz und Stepptanz hinzu. «In der grauen Vorzeit habe ich mal einen ‹richtigen› Beruf gelernt», erzählt die Drogistin. Mehr aus Versehen sei sie dann in die Theaterszene hineingeraten. Sie absolvierte eine Schauspielausbildung in Stuttgart und stand sieben Jahre auf der Bühne eines kleinen Theaters. Unter anderem spielte sie die Amme in «Romeo und Julia» und wirkte in Fernsehproduktionen wie «Tatort» mit. Daneben bildete sie sich laufend zur Tanzlehrerin aus.

Nicht in den Sand gesetzt
Ihr Mann habe sie dann nach Kreuzlingen «verschleppt». Seit 25 Jahren lebt sie nun am Bodensee: «Mich bringt hier nichts mehr weg.» 25 Jahre, in welchen aus einem kleinen Tanzstudio ein  Zentrum für Tanz, Theater und Bewegung wurde. «Anfangs suchte ich eigentlich nur Unterricht für meine Tochter», so die dreifache Mutter. In der Tanzschule Arabesque wurde sie fündig und fing gleichzeitig an, als Lehrerin zu unterrichten.

Als die damalige Leiterin Zdenka Porubcan nach einem Autounfall nicht mehr arbeiten konnte, stellte sich die Frage nach einer Nachfolgerin. «Mehr als in den Sand setzen konnte ich die Schule ja nicht», schmunzelt Walterspiel und übernahm das Studio.  Zusammen mit drei weiteren Lehrpersonen bauten sie die Schülerzahlen und das Angebot sukzessive aus.
«Die grösste Herausforderung dabei war der Mangel an Platz in einem Hinterhof an der Romanshornerstrasse.» Der «grosse» Raum hatte 70 m², der kleine 42m² und im Sommer stieg die Temperatur auf 35 Grad Celsius. Dennoch konnte sie ihr Ziel eines Zentrums verwirklichen.

«Tanz und Theater hat mein Leben in Stuttgart stark geprägt und ich wollte den Stellenwert dieser Kunstformen auch in Kreuzlingen erhöhen», so Walterspiel. Ihren Traum ermöglichen konnte sie dank der Treue und dem Einsatz ihrer Mitarbeiter, der Unterstützung seitens der Stadt und auch der Bevölkerung, welche einen feinen Sinn für die Körperkunst entwickelte. Vor fünf Jahren konnte das Tanzzentrum dann in der Musikschule integriert werden. Endlich waren grosse, schöne, hohe und helle Räume da, um die Tanzstile, welche mittlerweile von Flamenco über HipHop zu Akrobatik und Kindertanzgrundstufen reichten, voll auszuleben. Heute tanzen rund 350 Schülerinnen und Schüler bei 16 Lehrpersonen. Unter ihnen auch die drei aus den Anfangsjahren.

Musik und Tanz vereint
Doch bereits davor gab es einen engen Kontakt mit der Musikschule bzw. mit dessen Leiter Hartmut Wendland. «Zusammen kamen wir auf die Idee, ein Kindermusical zu realisieren», erinnert sich die Tanzpädagogin zurück. Walterspiel schrieb die Geschichten,   Wendland komponierte die Musik. Die Bühnenbilder und Kostüme kamen von der Kreuzlinger Künstlerin Franziska Högger. Entstanden sind fünf grosse Produktionen, mit jeweils 100 bis 150 teilnehmenden Kindern. «Diese Musical-Projekte waren für mich die wunderbarsten Erlebnisse in der ganzen Zeit im Tanzzentrum», sagt Walterspiel. Die Aufführungen seien eine Art «Erntedank» gewesen: das Ergebnis von vielen Unterrichtsstunden und dem Einsatz der Lehrpersonen. Und sie ist sich sicher, dass die Aufführungen nicht nur ihr eindrücklich in Erinnerung geblieben sind: «Bei uns tanzen mittlerweile Erwachsene, die noch immer die Lieder aus dem ersten Musical singen können.» Zusammen mit den Schultheatern, welche Walterspiel betreute, sind so Hunderte von Kindern samt Eltern mit ihr in Kontakt gekommen. Die Stuttgarterin hat sich zu einer Kreuzlinger Institution in Sachen Tanz und Theater entwickelt.

Herz und Seele
Eintönig ist ihr diese Arbeit dabei nie geworden. «Tanz ist eine Kunstform, bei der der ganze Mensch involviert ist: der Körper, die Muskulatur, das Gehirn, die Sinne, das Selbstbild, die Wahrnehmung und nicht zuletzt die Seele», beschreibt sie ihre Faszination.
Gerade die Kinder lagen ihr dabei immer besonders am Herzen. Sie ist überzeugt, dass Tanz oder Theater eine wichtige Rolle in der Persönlichkeitsentwicklung spielt. So rief sie die Sprungbrett-Kurse ins Leben, in denen die Jüngsten ihre bevorzugte Tanzrichtung entdecken konnten. Einfach waren solche Stunden selten, da man nicht alle Schüler über einen Kamm scheren kann. «Im Tanz kommen oft körperliche oder persönliche Schwierigkeiten zum Vorschein, die kann ich beobachten und gegebenenfalls versuchen, korrigierend einzugreifen», so die geduldige Pädagogin.

Nach 19 Jahren Tanzzentrum geht ihre Zeit als Leiterin nun langsam zu Ende. Einige Lektionen pro Woche wird sie noch geben und für Theaterprojekte in Schulen ist sie auch schon gebucht. Die freie Zeit möchte sie nutzen, selbst Kultur zu erleben, anstatt sie zu schaffen.

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