/// Rubrik: Stadtleben | Topaktuell

«Gib dir einen Schupf!»

Kreuzlingen – Nach 35 Jahren geht die Sekundarlehrerin Brigitte Massó in den Ruhestand. In dieser Zeit wurden ganze Generationen von Jugendlichen in ihrem Unterricht über die Menschheitsgeschichte aufgeklärt und paukten Französischvokabeln. Auch Redaktor Emil Keller durchlief bei ihr die Schulzeit. Eine Begegnung.

Brigitte Massó in ihrem Klassenzimmer im Schulzentrum Egelsee. (Bild: ek)

Brigitte Massó in ihrem Klassenzimmer im Schulzentrum Egelsee. (Bild: ek)

Emil Keller: Noch heute erzähle ich Freunden, dass Ihr Unterricht mir die Freude am Französisch genommen hat.
Brigitte Massó: Schade, ich liebe diese Sprache und habe immer versucht, diese Freude an die Schüler weiterzugeben.

Naja, beim Englisch hat das besser funktioniert. Immerhin wird das Frühfranzösisch nun endlich abgeschafft.
Deine Reaktion beobachte ich mittlerweile häufig. Es wird ein regelrechtes «French bashing» betrieben. Dabei ist es eine Sprache, die viele Türen im Leben öffnet. Aber ich glaube nicht, dass das Thema Frühfranzösisch vom Tisch ist. Bundesrat Alain Berset hat ja bereits sein Veto gegen die Abschaffung angekündigt.

Es wäre sicher nicht die einzige Veränderung, die Sie über die Jahre miterlebt haben. Wann ging es für Sie los in Kreuzlingen?
1977 fing ich im Pestalozzi Schulhaus an. Ich kam damals direkt von der Universität Zürich, wo ich Sprachen studiert hatte. Im Lehrerkollegium war ich damals unter gebildeten Herren in Anzügen die einzige Frau.

Sicher nicht einfach, sich da durchzusetzen – bei Schülern als auch bei Lehrern.
Ja, der Anfang war schon happig. Ich war zugedröhnt von Vorbereitungsarbeit. Zudem war man als Lehrer ein Einzelkämpfer, niemand hat seine Probleme gezeigt. Als sich Ende der 80er Jahre die Drogenproblematik auch bei uns bemerkbar machte, kam ich schon an meine Grenzen. Es gab damals keinen Schulleiter oder Schulberater, an den man sich hätte wenden können.

Was haben Sie aus dieser Zeit mitgenommen?
Viel Fachwissen, Seriosität und Disziplin.

Und Humor? Als ich mich beim Üben von Bewerbungsschreiben mal als «Fussabtreter» beworben hatte, gab es gleich ein Elterngespräch.
Du hast ja auch eher zu den Verweigerern gezählt. Besonders bei Jungs beobachte ich diese Trotzphase in der Pubertät. Bei Mädchen kann man da eher noch an die Vernunft appellieren, aber auch nicht bei allen.

Mochten Sie Mädchen nicht sowieso lieber?
So ein Blödsinn. Klar, es gibt immer Schülerinnen oder Schüler, bei denen die Chemie besser stimmt. Bei enthusiastischen Schülerinnen und Schülern fühlte ich mich beflügelt.

Was für einen Rat müsste ich meinem früheren Ich denn geben, um zu Ihren Lieblingen zu zählen?
Gib dir einen Schupf! Merke, dass du in der Schule unheimlich viel lernen kannst fürs Leben. Nutze die Zeit und brauche deinen Verstand.

Ganzen Generationen von Jugendlichen haben Sie diesen Rat gegeben. Egal, ob dieser ankam oder nicht, man kennt Sie in Kreuzlingen. Wie viele Schüler sind durch Ihre Klassenzimmer gegangen?
Genau kann ich das nicht beziffern, aber an die 600 Jugendlichen waren es sicher.

Ist da jedes Kind verschieden oder zeichnen sich Muster ab?
Es gibt Träumer, Streber, Clowns, Fleissige, Verweigerer und noch viele Arten mehr. Mit der Zeit lernt man die Typen zu erkennen und kann frühzeitig auf sie eingehen.

Schulpräsident René Zweifel lobte Sie beim Abschied als eine der kompetentesten Lehrerinnen, die er kennt. Was macht eine gute Lehrperson aus?
Grundvoraussetzung ist sicher mal die Freude an Kindern. Gleichzeitig darf man aber nicht die Kumpelrolle einnehmen. Fundiertes Wissen ist wichtig, und man muss dieses auch weitergeben können.

Entwickelt sich die Schule in die richtige Richtung?
Auch die Pädagogik unterliegt Modeströmungen. Bei der 68er Bewegung stand der Kollektivgedanke im Mittelpunkt. Heute geht es um das Individuum, die Schüler sollen sich am besten alles selber beibringen. Das ist illusorisch, die meisten Jugendlichen denken zwar, sie wissen und können alles, doch fehlt ihnen oft die Reife, selbstständig zu lernen. Schlussendlich hängt das Gelingen aber nicht vom Schulsystem ab, sondern von der Lehrperson, die vorne steht.

Also mir mussten Sie die Franzwörtchen eintrichtern. Was ist gleich geblieben über die Jahre?
Das Kerngeschäft als Sekundarlehrerin. Es geht darum, Jugendlichen die Augen zu öffnen und sie in dieser spannenden, aber auch problematischen Phase des Lebens zu begleiten.

Um ehrlich zu sein, waren Sie es, die mir damals empfohlen hat in die Handelsmittelschule zu gehen. Ohne Ihren Rat wäre ich wohl nicht dort gelandet, wo ich heute bin. Wohin führt Ihr Weg, nachdem Sie ihn so vielen anderen Menschen gezeigt haben?
Kultur geniessen und mich selber weiterbilden. Als Seklehrerin weiss man von vielem etwas. Dieses Wissen möchte ich vertiefen.

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