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Grenzen öffnen fängt im eigenen Denken an

Kreuzlingen – Die gebürtige Kreuzlingerin Sonia Fuentes war im Mai für vier Wochen in einem Flüchtlingslager in Griechenland. Dort hat sie sich ihrer eigenen Angst vor dem Thema «Fremd sein» gestellt und in wunderbaren Begegnungen mit Menschen auf der Flucht sowie Helfenden, gesehen, was Hilfsbereitschaft, Freundschaft und Nächstenliebe bedeuten. Das Ausmass der humanitären Katastrophe hat sie erst vor Ort erfassen können. Von diesen tiefen Berührungen berichtet sie uns.

In ihrem Urlaub reist Sonia Fuentes für vier Wochen nach Ritsona in Griechenland. Aber nicht in ein Hotel, sondern in ein Flüchtlingscamp. Dieses liegt 75 Kilometer nördlich von Athen auf einem Waldstück in einem Militärgelände. Hier sind seit Mitte März über 650 Menschen untergebracht, aus Syrien, Palästina und dem Irak. 200 davon sind Kinder. Das Militär hat hunderte von Zelten aufgebaut. Es gibt Liegen, Schlafsäcke und Decken für jeden. Es wurden Toiletten aufgestellt und mit Hilfe von Spenden auch einige Duschen. Fuentes arbeitet als Helferin der österreichischen NGO «Echo100Plus» in diesem Camp. Sie ist täglich für sieben Stunden dafür zuständig Essen zu verteilen. Dieses wird drei Mal am Tag  ebenso wie das Trinkwasser von der Armee geliefert. Es gibt Kartoffeln, Reis, Spinat und Teigwaren, die sich wöchentlich wiederholen und nach nichts schmecken. Die nächste Stadt mit Einkaufsmöglichkeiten ist im 17 Kilometer entfernten Chalkida. Abends fahren die freiwilligen Helfer mit gemieteten Autos in eine externe Unterkunft. Dort sitzen sie in Cafès, schauen Fussball, essen griechischen Salat – das normale Leben. «Man kommt sich dabei vor, wie im falschen Film», sagt Fuentes, «es ist so unfair, dass es zwei Welten gibt.»

Die Umstände sind extrem
Obwohl die Brandgefahr extrem hoch ist, hat fast jede Familie ein Feuer vor dem Zelt, auf dem gekocht wird: Kaffee, Tee, Gemüsegerichte. Die Menschen in Ritsona riechen intensiv, nach dem Rauch der Feuerstellen, nach Ungewaschensein, nach fehlender Würde. Das Rote Kreuz ist vor Ort. Es sind bezahlte, spanische Ärzte, die sich strikt an ihren Stundenplan halten: von zehn Uhr bis zur Mittagszeit. Nach der Siesta arbeiten sie bis zum frühen Abend. Die Flüchtenden brauchen aber rund um die Uhr eine medizinische Versorgung. Immer wieder rücken Helfer mitten in der Nacht aus, um Flüchtlinge zum Notarzt nach Chalkida oder Athen zu fahren. Eine traumatisierte junge Frau versucht sich das Leben zu nehmen. Ein kleines Mädchen verbrennt sich am Feuer  und leidet schlimmste Schmerzen. Ein Familienvater wird von einer Gruppe junger Männer mitten in der Nacht aufgesucht und zusammengeschlagen. Seine Tochter habe ihre Tochter geschlagen und das lassen sie sich nicht bieten. Die Geschehnisse führen ins Absurde. Alle sind überfordert und jeder zeigt es auf seine Art.

Natels bedeuten Hoffnung
Ein Smartphone gleicht in Ritsona einem Juwel. Jede Familie hält damit den Kontakt zu Verwandten und Freunden. Viele sind in Syrien zurückgeblieben, leiden täglich unter dem Krieg und teilen ihre Informationen. Andere sind ebenfalls auf der Flucht oder bereits in Deutschland, Schweden oder Norwegen angekommen, wo sie auf ihre Familienmitglieder warten. Man ist ständig in Kontakt, schickt Bilder, Videos, Sprachnachrichten. Auch mit den Helfern wird kommuniziert. Tausende von Bildern mit Herzen, Blumen und Hoffnungssymbolen werden auch verstanden, wenn man nicht dieselbe Sprache spricht. Jeder Kontakt ist mit Hoffnung verbunden: Hoffnung auf ein besseres Morgen. Hoffnung auf ein Ende des Krieges im Heimatland. Hoffnung auf eine Weiterreise, an einen Ort, an dem ein selbständiges Leben in Frieden möglich ist. Tamim ist 23 Jahre alt und aus Kabul. Sein Erstgeborener wurde vor seinen Augen umgebracht. Mit seiner Frau und zwei Kindern hat er Afghanistan verlassen. Er ist IT-Spezialist und spricht hervorragend Englisch. Seiner Frau ist auf der Überfahrt mit dem Boot das Handy kurz ins Wasser gefallen. Sie ist untröstlich. All ihre Bilder von den Angehörigen,von ihrem Haus, ihrer Heimat, sind weg. Sie ist überzeugt davon, dass sie ihre Familie nie wieder sehen wird.

Kein Ende in Sicht
In Ritsona dreht sich alles um die Registrierung für ein Gespräch mit der griechischen Behörde. Die Wartezeit beträgt mitunter bis zu sechs Monate. Dann wird man einem Land zugeteilt und beginnt die Organisation der Reise dorthin. Bisher hat kaum jemand einen Termin dort erhalten. Der Frust steigt, er zeigt sich in jeder erdenklichen Art und Weise. Die Menschen können nicht mehr. Es ist heiss und der Fastenmonat steht bevor. Es herrscht Hoffnungslosigkeit, jeder Tag ist bedrückend. «Mir bricht das Herz. Ich bin wieder zurück im Alltag und dort sitzen alle nach wie vor in ihrem scheiss Zelt», so Fuentes.

Freundschaften entstehen
Besonders ans Herz gewachsen sind Fuentes zwei junge Männer aus Syrien. Beide heissen Ibrahim, sie haben sich auf der Flucht kennengelernt und teilen sich ein Zelt. Beide haben ihre Familien im heimatlichen Dorf zurückgelassen. Dieses wird konstant bombardiert, die Familie lebt in Panik. Fuentes berichtet über ihre Zeit im Camp: «Für mich ist jeder Tag in Ritsona wie fünf Tage am Stück zusammen. Die Zeit erscheint ewig und ist voll mit Emotionen. Es entstehen trotz Sprachbarrieren tiefe Gespräche und innige Umarmungen. Es wird viel geweint und zusammen gelacht. Es wird musiziert, es wird geflucht. Alles findet Platz in den Stunden in Ritsona. Niemals haben die Flüchtenden den Respekt vor mir verloren. Von jedem einzelnen wurde ich täglich und aufs neue herzlich mit einem Lächeln begrüsst. Ich wurde immer wieder zum Essen eingeladen, zum Tee, zum Kaffee. Jede Begegnung ist ein Geschenk.»

Eine Flucht kostet viel Geld
Für einen Grenzübergang von Syrien in die Türkei muss man 500 Franken bezahlen. 650 Franken kostet eine Schiffsüberfahrt von der Türkei nach Chios, eine kleine Insel in Griechenland. Die Reise ist begleitet von Todesangst, die sich in den Augen der Flüchtenden festgebrannt hat. Die Schlepper kommen nun nach Ritsona. Immer wieder gibt es Angebote für Reisen nach Kanada oder andere Länder dieser Welt. Die Flüchtenden sehen keinen Ausweg und kontaktieren ihre Familien, bitten diese um Geld via Western Union, um ihre Reise mit den Schleppern zu planen. Nochmal 3000 Franken. Und keine Garantie.

Eine Frage der Humanität
Nach dieser Zeit in Ritsona ist für Fuentes nun nichts mehr wie zuvor: «Eines ist mir nun klar: Menschen auf der Flucht sind genau gleich wie wir. Sie haben dieselben Ängste, Wünsche, Träume und Bedürfnisse wie wir. Es gibt keinen einzigen Unterschied zwischen ihnen und uns. Dies wusste ich bereits vor meinem Aufenthalt in Ritsona – aber das Bewusstsein jetzt ist anders. Wir sind mit einem gesunden Menschenverstand geboren worden. Lasst uns diesen Verstand erkennen und benutzen. Die Humanitäre Katastrophe ist brutal. Sie wird nicht besser wenn wir die Augen davor verschliessen. Die Religion spielt keine Rolle. Das Recht auf ein würdevolles Leben steht im Vordergrund. Zuerst müssen wir die Grenzen in unseren eigenen Köpfen abbauen, erst dann sind wir wirklich bereit eine Landesgrenze zu öffnen.»

Ein Video aus dem Flüchtlingscamp gibt es hier:

Und Fotos von Sonia Fuentes in unserer Bildergalerie.

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