/// Rubrik: Kultur | Topaktuell

Schrilles Theater mit guter Botschaft

Kreuzlingen – In Kreuzlingen steigen Männer in Netzstrumpfhosen eigentlich nur zur närrischen Zeit auf die Bühne. Im See-Burgtheater hat es gleich einen ganzen «Käfig voller Narren». Das Ensemble führt ein schrilles, lustiges und bewegendes Theater auf, in dem die Liebe über Konventionen und falsche Moral siegt.

Helmut Mooshammer spielt die Travestiekünstlerin Zaza. (Bilder: Mario Gaccioli)

Helmut Mooshammer spielt die Travestiekünstlerin Zaza. (Bilder: Mario Gaccioli)

Den ein oder anderen schockierten oder zumindest peinlich berührten Gesichtsausdruck konnte man zu anfangs beobachten. Ganz schön frivol fegen vier Tänzer in aufreizenden Frauenkleidern, die «Cagelles», über die Bühne und schmeissen ihre Beine beherzt hoch über die Köpfe des Publikums. «Rumms», landen sie im perfekten Spagat und das wird dann natürlich mit grossem Applaus beschenkt ob der dargebotenen professionellen Gelenkigkeit. Das See-Burgtheater startet in diesem Jahr rasant und man will fast sagen, «nicht jugendfrei», aber das stimmt dann doch nicht: Nackte Geschlechtsteile gibt es ja nicht zu sehen und wer heutzutage noch in Aufregung verfällt weil Drag Queens tanzen und Männer sich küssen, dem ist eh nicht zu helfen.

Hand in Hand, Männer!
Der Plot ist schnell erzählt: Jean-Michel (Nachwuchs-Talent Michel Kopmann von der Zürcher Hochschule der Künste) wuchs bei seinem Vater Georges und dessen Lebenspartner Albin auf. Während sich die leibliche Mutter nie auch nur einen Deut um ihren Sohn gekümmert hat, sich nicht einmal seinen Geburtstag merken kann, hat seine «Wahl-Mutter» ihm eine Kindheit und Jugend ohne Sorgen ermöglicht – von gelegentlichen Hänseleien auf dem Schulhof einmal abgesehen. Oder Schamgefühlen, wenn die homosexuellen Eltern es sich nicht nehmen lassen, am Familienspaziergang Hand in Hand zu laufen.

Die wohl bewegendste Szene des ganzen Stücks ist denn auch die vor der Pause: Zaza (das ist Albins Künstlername als Travestiestar im namensgebenden Nachtclub «La Cage aux Folles) ist tief verletzt, als sie erfährt, das Jean-Michel und Georges ihn verleugnen wollen, um den erzkonservativen Eltern von Jean-Michels grosser Liebe (Süss: Maria Lisa Huber) zu gefallen. Während es davor schwungvolle Tanz- und Gesangseinlagen oder Anzüglichkeiten von heiter bis albern gab, ist die Aufmerksamkeit auf einen Schlag beim Leid der Hauptfigur. Man darf sagen, dass dies ein Moment ist zum Augenöffnen, der getragen wird von einer grandiosen Schauspielkunst der beiden Hauptdarsteller Helmut Mooshammer (den einige sicher noch vom Stadtheater Konstanz kennen) und seinem Bühnenpartner Andreas Zaron.

Restaurantbesuch bei Jaqueline. Bühnenbildner Klaus Hellenstein setzt Glitzerkleidern und Federboas klare Linien und spärliche Requisite entgegen.

Restaurantbesuch bei Jaqueline. Bühnenbildner Klaus Hellenstein setzt Glitzerkleidern und Federboas klare Linien und spärliche Requisite entgegen.

Zurück in die Parteizentrale
Natürlich sehen Vater und Sohn ihr Fehlverhalten ein, und zusammen mit dessen Verlobten jagen die «Perversen» die verbohrten Schwiegereltern wenig später nicht direkt zum Teufel, aber mit Hilfe der diabolischen Tanztruppe zurück in die Zentrale der «Partei für Familie, Tradition und Moral». «Moralische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen», rufen sie den Fundamentalisten noch ein Zitat des österreichischen Schauspielers Helmut Qualtinger nach. «Und wenn wir zukünftig Familienfeste feiern und euch einladen: Dann kommt bitte nicht!» Glücklich liegt sich die Regenbogenfamilie in den Armen. Entschuldigung, Albin!

Die aktuelle Inszenierung des See-Burgtheaters entkräftet Befürchtungen, der «Tuntenquatsch» könnte über Hand nehmen, durch tolle Schauspieler, welche die Klippe der Nervigkeit an den entsprechenden Stellen gekonnt umschiffen. Das Publikum lässt sich die übertriebene Zurschaustellung von Weiblichkeit munter präsentieren – Travestie eben. Ungeniert wird der Begriff des «Normalen» in Frage gestellt, Gängiges konterkariert und am Ende des vergnüglichen Theaterabends zu einer klaren kurzen Botschaft, die jeder verstehen muss, der von Familie spricht, zusammengefasst: Gute Eltern sind solche, die ihr Kind lieben und sich kümmern – ganz gleich, welche sexuelle Orientierung sie haben.

Dies funktioniert natürlich sehr gut im Spiegelzelt, dem perfekten Ambiente für eine solche Show. Angesichts des wechselhaften Sommers eine weise, vorausschauende Entscheidung der Produktion, diesen historischen Spielort zu wählen. Der «Käfig voller Narren» ist unbedingt einen Besuch wert.

Spieldaten
Bis zum 11. August finden Aufführungen statt, jeweils Dienstag bis Samstag. Im Spiegelzelt wird bei jeder Witterung gespielt. Die Aufführungen beginnen jeweils um 20.30 Uhr und dauern ungefähr zwei Stunden. Ab 18 Uhr ist Einlass und Bewirtung. Wer früh kommt, kann sich in Ruhe auf den Theaterbesuch einstimmen. Jacqueline (nicht umsonst heisst die Restaurantbesitzerin im Stück ebenfalls so) und Matias Bolliger servieren in der Seeburg ein spezielles 3-Gang-Theatermenü.
schloss-seeburg.ch
www.see-burgtheater.ch

Share Button

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.