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«Das gibt mir den Kick»

Konstanz – 1985 gab es das Rock am See im Bodenseestadion zum ersten Mal. Dieter Bös war von Anfang an Programmchef und hat mit uns einen Blick zurück auf 30 Jahre Rock ’n’ Roll geworfen.

Historisches Bild: Das Bodenseestadion fasst 25000 Menschen. (Bild: zvg)

Historisches Bild: Das Bodenseestadion fasst 25’000 Menschen. (Bild: zvg)

Herr Bös, ist die Vorfreude an so einem Jubiläum grösser als damals zu den Anfangszeiten oder wird’s langsam langweilig?
Dieter Bös: Den Grad der Freude kann man gar nicht abmessen, der ist immer gleich gross. Eine erwartungsvolle Stimmung, gepaart mit grosser Spannung. Als Veranstalter gehen einem da immer die gleichen Fragen durch den Kopf: Haben wir etwas vergessen? Müssen wir noch etwas anpassen? Ist alles bestellt? Da ist es beruhigend, ein gutes Team hinter sich zu wissen.

Rock am See ist ein Kultfestival, ein Tag voller Bier und Party, Menschenmassen und lauter Musik. Sind Sie mittlerweile nicht zu alt dafür?
(Lacht) Diese Frage hätten Sie auch Robert Plant stellen können, der vergangenes Wochenende in Meersburg auftrat. Oder Campino oder Mick Jagger – wobei ich mich keineswegs mit diesen genialen Musikern vergleichen möchte. Sie hätten sicher gesagt: Es ist keine Frage des Alters, sondern der Lebenseinstellung. Das sehe ich genauso. Ich liebe Musik. Ein gut organisiertes Festival ist immer eine Herausforderung. Wenn ich fürs Jubiläum eine der weltweit angesagtesten Stadionrockbands bekomme, werde ich nie zu alt dafür sein.

Dann freuen Sie sich vor allem auf die Show von «Muse»?
Ich möchte keine Gruppe extra hervorheben: Für mich macht es das Gesamtprogramm. Es gibt so viele Highlights. Die «Libertines» mit ihren extravaganten Frontmännern oder «Bad Religion», die zu meiner grossen Freude extra für das Festival einfliegen und ein Konzert an der Ostküste dafür sausen liessen, und und und. Im Grunde gibt es da nicht «den» Headliner.

Programmchef Dieter Bös. (Bild: zvg)

Programmchef Dieter Bös. (Bild: zvg)

Welche Musik hören Sie privat?
Ich liebe Folkmusik, habe aber einen breitgefächerten Musikgeschmack und freue mich immer darüber, neue Bands zu entdecken. Live gibt es mir einfach einen Kick, wenn gute Musiker auf der Bühne loslegen. Manchmal muss es nicht mal eine Bühne sein: Metallica liessen 2003 eine komplette Backline im Backstage-Bereich aufbauen und bereiteten sich eine Stunde lang auf ihren Auftritt vor – das war eine Privatvorstellung, die ich immer in Erinnerung behalten werde.

Spiegelt sich ihr eigener Geschmack im Programm?
Wenn eine Band gut zieht, muss sie mir nicht unbedingt persönlich zusagen. In der Regel aber trifft sich mein Geschmack mit der Auswahl des Programms.

Wie kamen Sie eigentlich dazu, eine Konzertagentur zu gründen?
Das begann bereits im Jugendalter, ich war schon als Maturand vergiftet. Ich erinnere mich noch an die ersten Konzerte. Ein Freund bat mich, für ihn einzuspringen, ich wurde sozusagen ins kalte Wasser geschmissen und organisierte für ihn zwei Auftritte des deutschen Liedermachers Christof Stählin und von Derroll Adams, einem amerikanischen Banjospieler. Das erste ausverkaufte, von mir gebuchte Konzert, war von Werner Lämmerhirt.

Früher gab es öfter mal folkige Töne im Bodenseestadion zu hören, darunter auch deutsche und Schweizer Mundart-Rocker, Neil Young trat auf, oder die «Pogues.» Über die Jahre wurde das Festival immer punklastiger …
Ich mag Punk, Indie und Alternativ eben auch. Das war ja auch die Musik der letzten zehn Jahre. Aber das stimmt schon, da ist ein Wechsel zu erkennen, der ungefähr zu dem Zeitpunkt einsetzte, als wir das Festivaldatum weiter nach hinten verschoben.

Beherrschen Sie selbst ein Instrument?
Ich spiele Gitarre und Madoline. Vor langer Zeit sass ich in einer Rockband hinter dem Schlagzeug. Heute bleibt dafür wenig Zeit, trotzdem versuche ich jeden Tag, etwas Gitarre zu spielen.

Was ist der grösste Unterschied zwischen den Anfängen und heute?
Früher war das Festival improvisierter. Learning by doing haben wir uns weiterentwickelt, unsere Ansprüche wurden grösser. Gleichzeitig sind die Standards, nicht nur was die Beschallungstechnik betrifft, gestiegen. Technischer ist heute alles viel aufwändiger, auch visuell mit den Bildschirmen. Zudem haben wir eine ganz andere Einlass- und Sicherheitssituation als früher.

Waren die Fans früher friedlicher oder zumindest einfacher zu handhaben?
Nein, nein, da ist alles beim alten geblieben. Es gibt einfach kaum Konfliktpotential bei so einem Festival. Die Menschen haben ein gemeinsames Ziel: Einen schönen Tag friedlich mit Freunden und guter Musik zu verbringen. Was sich genau mit unserer Intention trifft. Wir wollen ein harmonisches Festival veranstalten.

Wo trifft man Sie eher: bei der Party im Backstage oder im Büro, schon mit den Vorbereitungen für das nächste Festival beschäftigt?
Die Party kommt frühestens, wenn alles vorbei ist. Im Dienst wird nicht gefeiert. Was nicht heisst, dass es nicht gesellig wird. Ganz besonders freue ich mich immer, den ein oder anderen Künstler wiederzusehen. Der Tag geht unglaublich schnell vorbei und am Ende gemütlich zusammenzusitzen und den Tag Revue passieren zu lassen, ist eigentlich das Schönste für mich. Darauf arbeite ich das ganze Jahr hin.

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