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Geschichten vom Grund des Sees

Kreuzlingen – In vierzig Meter Tiefe liegt das Dampfschiff «Jura» vor Bottighofen auf dem Seeboden. Das Wrack hält historische Gegenstände, aber auch die Geschichten der Besatzung unter Verschluss. Nun ist es an der Zeit, dass diese Geheimnisse geborgen werden.

Ursula Steinhauser mit Dr. Hansjörg Brem an der Schiffsglocke. (Bild: vf)

Ursula Steinhauser mit Dr. Hansjörg Brem an der Schiffsglocke. (Bild: vf)

Wir schreiben das Jahr 1864. Es ist ein Tag im Februar, der Nebel hängt wie ein dicker Teppich über dem See. Das Dampfschiff «Jura» ist schwer beladen mit Eisen und Stoffballen. Ungewöhnlich gross ist die Ladung am heutigen Tage, das Schiff sticht mit Verspätung in See, die Mannschaft ist angespannt. Die Sicht ist kaum weiter als eine halbe Schiffslänge. Der Kapitän mahnt zur Eile, in einem harschen Befehlston scheucht er seine Mannschaft über Deck. Plötzlich taucht wie aus dem Nichts der Bug eines anderen Schiffes auf. Auf der «Jura» entsteht Panik, die Schiffsglocke wird geläutet. Alarm! Ein Bremsmanöver scheitert, die Schiffe prallen mit Wucht aufeinander, die «Jura» kentert und sinkt. Die Besatzung rettet sich an Bord der «Stadt Zürich», welche den Zusammenstoss verursacht hat. Ein Schiffsjunge hat sich den Arm gebrochen und wird vom Kapitän persönlich von Bord getragen. Einer der Matrosen, der Ausschauer, schafft es nicht. Er versinkt in den kalten Fluten und ertrinkt vor den Augen seiner Mannschaft. So könnte die Geschichte am 12. Feburar 1864 geschehen sein. Es gibt aber kaum Überlieferungen. Zeitzeugen sind einzig die Gegenstände, die vom Wrack der «Jura», die noch immer auf dem Grund des Sees liegt, geborgen wurden. So zum Beispiel die Glocke, die Seele des Schiffes, und einer der Hauptakteure an diesem verhängnisvollen Tag. Zuvor diente sie als Alarmsignal, zur Wachablösung und zur Strukturierung des Tagesablaufs.

Geschichte wird erlebbar

Nun widmet sich eine Ausstellung im Seemuseum dieser Geschichte. «Das Wrack der «Jura» ist eines der wichtigsten Tauchziele in Mitteleuropa», so Archäologe Dr. Hansjörg Brem. Dies  soll nun auch an Land erlebbar sein. Auch Museumsleiterin Ursula Steinhauser freut sich über die Ausstellungsstücke von Bord des Schiffes: «Die Bevölkerung soll teilhaben an der Geschichte. So wird eine Sensiblisierung für Vergangenes aufgebaut. Und daraus wiederum entsteht, was es heute gibt. Zum Beispiel die Anbringung von Positionsleuchten an Bord. Das gab es damals noch nicht.» In der Ausstellung sieht man einiges vom Inventar der «Jura». Die Gegenstände wurden teilweise auf Fotografien wiedererkannt oder durch Rückstände vom Morast des Seeufers verifiziert. «Zum Teil muss man aber auch einfach den Menschen Vertrauen schenken, die uns Gegenstände bringen. Das sind Männer, die in den 1970er Jahren zum Wrack getaucht sind, ein gefährliches Unterfangen. Für sie gehört das zu ihrer Lebensgeschichte», so Steinhauser. Was aktuell noch nicht aufgetaucht ist, sind das Steuerrad und die Ankerkette des Dampfschiffes. Vielleicht finden sich die Stücke ja irgendwo. Vielleicht weiss auch noch jemand Geschichten über die Besatzung. Die dedektivische Suche der Archäologen ist noch nicht abgeschlossen. Die Ausstellung rund um die «Jura» eröffnet am 31. August um 19 Uhr mit einer Rede der Historikerin Nina Schäfli mit anschliessendem  Apéro und ist bis zum Frühjahr 2017 zu sehen.

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One thought on “Geschichten vom Grund des Sees

  1. Peter Grunder

    Liebe JURA Freunde
    Leider werden im Zusammenhang mit den geborgenen Teilen Personen erwähnt, die schlicht und einfach keine Ahnung- oder Bezug zu diesem
    Gegenständen haben! Der wirkliche Kenner, Taucher und Spender heisst: Hans Gerber = Juarahans
    Die Ausstellungsstücke sind sein Verdienst für 40 Jahre und hunderten von Hobbytauchgängen- und Bergungen!
    An der Vernissage keine Aufmerksamkeit, Ehrung nichts…
    Finde ich und viele Besucher beschämend!
    Peter Grunder ex Tauchclub Kreuzlingen, 8127 Forch

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