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Der Kampf für die Freiheit

Kreuzlingen – Alleinerziehende machen ein Fünftel der modernen Familienformen aus. Im Alltag werden sie oftmals mit mitleidigen Blicken gewürdigt. Warum das nicht so sein muss, berichtet eine alleinerziehende Mutter im Gespräch.

Olga K. streitet seit vier Jahren vor Gericht um Alimente. (Bild: zvg)

Es ist ein schöner Sommertag, Olga K. sitzt im Café am Boulevard. Eine junge Frau, chic gekleidet, gerade Haltung, sie strahlt Stärke aus. Vor ihr liegt ein dicker Stapel Akten vom Sozialamt, Gerichtsurteile, Schreiben von Anwälten. Die Buchhaltung ihrer Trennung. Vor drei Jahren hat sich Frau K. scheiden lassen, ihre jüngere Tochter lebt seither bei ihr, der ältere Sohn blieb beim Vater. Frauenalimente erhielt sie keine, der Unterhalt für die Tochter reicht gerade für den Betreuungsplatz. K. ging vor Gericht. «Es ist ein ständiger Kampf», berichtet die junge Mutter, «manchmal weiss ich nicht, wie ich die letzten Jahre geschafft habe.»
Heute ist sie Personalberaterin, sie arbeitet zu achtzig Prozent, damit sie zwei Nachmittage mit der Kleinen verbringen kann. «Die Zeit mit den Kindern ist nicht wiederzubekommen», sagt K., «das muss man geniessen, solange es geht.» Eigentlich wollte sie sich beschweren. Öffentlich machen, wie hart er ist, der Kampf für die Freiheit. Die vielen Gespräche auf Ämtern, wo man oft von einem zum anderen geschickt wird. Die Diskussionen mit dem Expartner. Die Schulden. Die Momente, in denen man allein ist. Doch als die junge Frau anfängt, ihre Geschichte auszubreiten, die einzelnen Schritte, die sie seit der Trennung gegangen ist, erfüllt sich ihr Gesicht mit Stolz. Trotz anfänglicher Zweifel hat sie sich eine eigene Existenz aufgebaut. Ohne Mann, ohne Abhängigkeiten. Sie steht auf eigenen Beinen. «Das Geld ist zwar immer knapp, aber dafür nutze ich die Zeit mit meinen Kindern. Wir sind ständig unterwegs. Mit dem Rad, im Park, beim Schwimmen, in den Bergen – dazu braucht man nicht viel und hat eine tolle Zeit», so K.

Stolz und Vorurteile

Was sie wütend macht, sind die mitleidigen Blicke, die sie erhält, sobald sie sagt, sie sei alleinerziehend. Meistens von anderen Müttern. Der Begriff ist marginalisiert. Sogleich verbinden viele Armut, Sozialhilfefälle und Überforderung damit. Im Englischen nennt man alleinerziehende Frauen «Single Moms». Man ist Mutter und Single, das ist nicht wertend, klingt nicht nach Einsamkeit, Verzweiflung und langen Abenden allein auf der Couch. Auch der Begriff der «freien Mutterschaft», von der Philosophin Simone de Beauvoir gefordert, zeigt schon in der Theorie, dass eine Mutter ohne Partner vor allem eines hat: Freiheit. «Ich habe zwei Wochenenden im Monat nur für mich, wenn die Kinder beim Papa sind. Und auch in den Ferien teilen wir uns die Zeit», so K. Aber auch im Alltag ist der Freiheitsgrad grösser als in einer Kleinfamilienstruktur. Es gibt weniger Absprachen, mehr Spontanität. Man muss nicht darüber diskutieren, wie die Woche geplant ist oder was es zum Abendessen gibt. Und vor allem muss man sich nicht mit einem Partner arrangieren, den man vielleicht schon lange nicht mehr liebt, mit dem man kaum mehr etwas gemeinsam hat, der einem fremd geworden ist. Viele Frauen, die in Partnerschaften leben, kümmern sich nahezu alleine um die Kinder, der Mann arbeitet. Dies ist strukturell bedingt – zumeist ist es rentabler, wenn die Frau Teilzeit arbeitet oder ganz zuhause bleibt, da der Mann besser verdient und oftmals im Job unten durch wäre, würde er in Elternzeit gehen. Durch dieses Modell entsteht der sogenannte «Cinderella»-Komplex, der die Angst der Frau vor ihrer Unabhängigkeit bezeichnet. Damit einhergehend ist die eigene Geringschätzung: Da die Hausarbeit und die Erziehung der Kinder nicht finanziell vergütet ist, entsteht schnell die Ansicht, dass diese Arbeit weniger wert sei, als eine vergütete Lohnarbeit, die zumeist vom Mann verrichtet wird. Frauen, die sich aus dieser Situation lösen und ihrer Beziehung, die aus Abhängigkeiten besteht, verlassen, stehen vor grossen Problemen.

Die Sicherheit der Ehe zu verlassen, erfordert Mut

«Zu Anfang dachte ich, ich würde es nicht schaffen», so K., «aber dann ging es doch irgendwie.» Nach einer solchen Trennung steht man mitten in einer grossen Lebenskrise: keine Wohnung, kein Job, kein Geld und gleichzeitig die Verantwortung für die Kinder. Im ersten Moment stellt sich ein Gefühl der Ohnmacht ein. Doch Stück für Stück lassen sich die einzelnen Punkte lösen und irgendwann ist der Berg überwunden. «Ich wünsche mir, dass noch mehr Frauen, die unglücklich leben, sich trauen, diesen Weg zu verlassen und ihren eigenen zu gehen. Noch immer gibt es viele Fälle von häuslicher Gewalt und psychischen Abhängigkeiten in der Familie. Wir Frauen sind heute so frei wie nie zuvor in der Geschichte. Diese Chance müssen wir nutzen, um glücklich zu sein. Und damit wir unseren Kindern ein gutes Vorbild sind.» Olga K. ist diesen Weg gegangen. Und die Freiheit steht ihr gut.

Rechtsanwältin Catherine Rutishauser-Auer ist in der Kanzlei Friedrich und Hebeisen in Kreuzlingen tätig, auch im Bereich Familienrecht.

Kreuzlinger Zeitung: Gibt es viele Probleme mit Unterhaltszahlungen?
Rutishauser-Auer: Die Höhe von Unterhaltszahlungen ist häufig ein sehr grosses Diskussionsthema. Es kommt auch vor, dass Unterhaltsbeiträge trotz rechtskräftigem Urteil nicht bezahlt werden. Hier ist die Rechtslage jedoch klar: Der Unterhalt ist zu bezahlen. Nebst der Einleitung einer Betreibung kann bei Gericht eine Schuldneranweisung beantragt werden – die Zahlungen gehen dann direkt an den Unterhaltsgläubiger. Ausserdem ist die Verletzung der Unterhaltspflicht eine Straftat und kann entsprechend verfolgt werden. Es ist empfehlenswert, sich sofort um das Inkasso ausstehender Unterhaltsbeiträge zu kümmern. Wenn grosse Zahlungsausstände bestehen, besteht das Risiko, dass ein Betreibungsverfahren im Erhalt eines Verlustscheins endet.
Warum kommt es manchmal vor, dass jemand keinen Unterhalt für seine Kinder bezahlen möchte?
Meiner Erfahrung nach steht dies meist im Zusammenhang mit Problemen beim Besuchsrecht. Wenn jemand seine Kinder über einen längeren Zeitraum nicht gesehen hat, verringert das auch die Zahlungsbereitschaft. Ein guter Umgang der Eltern nach der Trennung ist sehr wichtig. Hierzu kann man sich Hilfe und Beratung einholen.

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