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Zeit, sich an ihre Geschichte zu erinnern

Kreuzlingen – Das Rosenegg widmet die neue Sonderausstellung dem Alltag der Italienerinnen und Italiener in der Schweiz und Kreuzlingen im Speziellen. Sie heisst «Ricordi e stima», Erinnerung und Wertschätzung, und behandelt die Zeit von nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 1980er Jahre.

Museumsleiterin Heidi Hofstetter (l.) stellt die Ausstellung und das umfangreiche Begleitprogramm mit mehreren Helfern auf die Beine. (Bild: sb)

Museumsleiterin Heidi Hofstetter (l.) stellt die Ausstellung und das umfangreiche Begleitprogramm mit mehreren Helfern auf die Beine. (Bild: sb)

«Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen», kommentierte der Schriftsteller Max Frisch in den 60er Jahren die Debatte um Überfremdung und mangelnde Integration. Damals stellten Italienerinnen und Italiener die grösste Einwanderungsgruppe der Schweiz. Viele arbeiteten als Saisonniers, wohnten in Baracken, alles war zweckmässig, sehr karg, die Arbeit war hart. Anstrengungen, um die Gastarbeiter in die Gesellschaft aufzunehmen, wurden viel weniger gemacht als heute. Am wirtschaftlichen Aufschwung der Schweiz waren die Italiener indes massgeblich beteiligt. Unter dem heute oft gebrauchten und gehörten Wort «Italianità» konnten sich damals nur wenige etwas vorstellen.

Im St. Galler Völkerkundemuseum war «Ricordi e stima» ein voller Erfolg. 7000 Besucher kamen, um die von einem eigens dafür gegründeten Verein organisierte Ausstellung zu sehen. Für das Museum Rosenegg wurde diese angepasst, gekürzt, dafür mit einem Kreuzlinger Teil versehen. Bilder, Texte und Hörbeiträge sowie ausgesuchte Gegenstände und Biographien geben einen bewegenden Eindruck dieser Migrationsgeschichte. «Der allgemeine Teil der Ausstellung ist in Themen untergliedert, die alle betrafen», erklärte Museumsleiterin Heidi Hofstetter beim Presserundgang. «Arbeit», «Sport», «Vereine», «Bildung/Kultur» oder «Eleganz» sind nur einige der Oberbegriffe, unter denen die Ausstellungsmacher Artefakte und Informationen aus dem italienischen Alltag von damals gesammelt haben.

Italienischer Arbeiter. (Bild: zvg)

Italienischer Arbeiter. (Bild: zvg)

Das Italiener-Quartier
Egelshofen sei ein Quartier gewesen, in dem zahlreiche Italiener lebten. «Viele der Kinder gingen in der Rosenegg zur Schule», berichtet Hofstetter. «Gleich nebenan war der erste Kreuzlinger Kinderhort, wo Kinder aus der ganzen Stadt vor und nach der Schulzeit betreut wurden.»

Das Museum Rosenegg sei deswegen prädestiniert, diese Ausstellung zu zeigen, findet die ehemalige Lehrerin. Über die Presse rief sie in Zusammenarbeit mit der städtischen Fachstelle Integration die Kreuzlinger dazu auf, Exponate zu sammeln: Fotografien, Alltagsgegenstände und Erinnerungsstücke an das zurückliegende Arbeits- und Vereinsleben. Vor allem Fotoalben wurden abgegeben. «Beim Sichten der Bilder kamen einige Erinnerungen hoch», so Hofstetter. Die Sammlung kann ständig erweitert werden. Wer also noch Brauchbares vorzuweisen hat, darf gerne mit dem Museum in Kontakt treten.

An der Ausstellung sind mehrere Helfer beteiligt. Dino Lioi erinnert sich noch an die prosperierende Wirtschaft damals. «Es gab Betriebe, da arbeiteten hauptsächlich Italiener, etwa bei der Firma Strohmeyer, die Produkte für die Freizeitindustrie herstellte», weiss der Gemeinderatspräsident. Einige der Firmen existieren heute nicht mehr, beispielsweise die Raichle AG.

Die Einwanderer hatten ein reges Vereinsleben und waren politisch aktiv, sagt Alfredo Scarvaglieri von der Colonia Libera Italia. Darüber erfahren die Ausstellungsbesucher einiges. Bewegend sind die vielen Biographien. Damiano Pisconti vom Ausländerbeirat Kreuzlingen hat geholfen, diese zu übersetzen. «Ich habe meine Kindheit hier verbracht und vieles wiedererkannt», sagt er.

Zeljka Blank-Antakli, Integrationsbeauftragte der Stadt, freut sich besonders auf das umfangreiche Rahmenprogramm (siehe Kasten) und auf die Vernissage am Samstag, 10. September, 17 Uhr. «Wir haben eine Band mit Kreuzlinger Italienern organisiert«, berichtet sie. Die «Supersonic Band» habe bereits vor 30 Jahren auf Tanzveranstaltungen gespielt. «Weil ein Bandmitglied in die Heimat zurückging, lösten sie sich auf. Im Museum Rosenegg findet nun die Wiedervereinigung statt.»

Vernissage ist heute um 17 Uhr. Das Begleitprogramm umfasst einen Theaterabend (22. September), ein Erzählcafé mit Oriana und Giuseppe Scarascia (27. September, 14.40 Uhr), einen Vortrag zu «Migrationsspuren auf dem Speisezettel» (4. Oktober) und einen «Penne Plausch» mit Liveband (8. Oktober). Ausstellungsende: 9. Oktober.

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