/// Rubrik: Stadtleben | Topaktuell

Nutzungsstrategie für das Stadtzentrum

Kreuzlingen – Die Stadt beteiligt Eigentümer und Ladenbetreiber an einem Strategieprozess zur Zukunft der Geschäftsstrassen im Stadtzentrum Kreuzlingens. Als Sofortmassnahme soll eine Zwischennutzungsagentur eingerichtet werden.

Der Boulevard ist die Haupteinkaufsstrasse Kreuzlingens. (Bild: archiv)

Der Boulevard ist die Haupteinkaufsstrasse Kreuzlingens. (Bild: archiv)

Mehr als andere Städte ist Kreuzlingen mit einem Kaufkraftabfluss konfrontiert, vor allem nach Konstanz. Seit der mehrfachen Aufwertung des Schweizerfrankens im Verhältnis zum Euro hat sich das Gefälle noch verstärkt. Die Stadt will deshalb zusammen mit Liegenschaftseigentümern und Ladenbesitzern eine Nutzungsstrategie für die Geschäftsstrassen im Stadtzentrum entwickeln. Als Sofortmassnahme soll eine Zwischennutzungsagentur eingerichtet werden, die leere Schaufenster und Ladenlokale temporär vermittelt.

Eine Strategieaufgabe
Der Strategieprozess wird vom «Netzwerk Altstadt» begleitet, das sich auf diese Fragestellungen spezialisiert und für Kreuzlingen 2014 bereits eine «Stadtanalyse» erstellt hat. Dazu gehört auch das «Detailhandelsgutachten», an dem sich der Gewerbeverein Kreuzlingen beteiligte. Für das weitere Vorgehen wurden nun die entscheidenden Akteure ins Boot geholt: neben den Ladenbesitzern auch die Eigentümer der Liegenschaften. Gerade die Eigentümer haben ein vitales Interesse an einem belebten Ortskern, der ihnen hilft, die Erdgeschosse zu vermieten, die teilweise seit längerer Zeit leer stehen.

Neben dem Wechselkurs schwächen auch andere Faktoren den Detailhandel in den Zentren der kleineren und mittleren Städte. Die zunehmenden Flächen auf der grünen Wiese oder an der Peripherie sowie grenznahe Einkaufsangebote ziehen immer mehr Kaufkraft ab. Dazu kommt als unumkehrbare Entwicklung der Online-Handel im Internet.

Thema Strukturwandel
«Der Strukturwandel ist ein Phänomen, das schon lange am Laufen ist, aber erst jetzt richtig spürbar wird.» Die Aussage stammt von Paul Dominik Hasler, einem der Experten des Netzwerkes Altstadt, der sich für Kreuzlingen engagiert. Zusammen mit Heini Forrer leitet er den Prozess, der das Zentrum Kreuzlingen klarer ausrichten soll. «Es geht nicht darum, das Rad zurück zu drehen, sondern Potentiale zu erkennen, die Kreuzlingen hat, trotz oder gerade durch die Nähe zu Konstanz».

Zuletzt hatte die SP eine Zwischennutzungsagentur gefordert (auf dem Bild die Gemeinderäte Andreas Hebeisen (l.) und Thomas Winterhalter sowie Architektin Elina Müller). (Bild: archiv)

Zuletzt hatte die SP eine Zwischennutzungsagentur gefordert (auf dem Bild die Gemeinderäte Andreas Hebeisen (l.) und Thomas Winterhalter sowie Architektin Elina Müller). (Bild: archiv)

Dieses Erkennen von Potentialen soll gemeinsam erfolgen. Eigentümer und Ladenbetreiber in einem definierten Perimeter im Zentrum haben Mitte August einen Fragebogen erhalten, der von diesen Potentialen handelt: Wo könnte Kreuzlingen ansetzen? Welche Erdgeschossnutzungen böten Hand für eine neue Dynamik? Wo liegen die Stärken der Konstellation mit dem nahen Konstanz?

Die Umfragebögen sind derzeit in Auswertung beim Netzwerk Altstadt. Dort werden sie unter Wahrung der Anonymität analysiert und zu möglichen Schlussfolgerungen zusammengefasst. Diese Schlussfolgerungen werden den Eigentümern und Ladenbetreibenden als Diskussionsbasis an ihren Workshops vorgelegt, die Ende September stattfinden. «Der Prozess soll eine gemeinsame Haltung zur Zukunft des Stadtzentrums bieten», wie Hasler erläutert. «Je genauer wir wissen, wohin wir uns mit dem Zentrum bewegen wollen, umso besser können wir die Kräfte aller Beteiligten bündeln. Wenn alle etwas anderes probieren, ist der Aufwand vergebens.»

Wohin geht die Reise?
Kreuzlingen ist nicht alleine mit diesen Fragen und Problemen, aber es gibt keine Patentrezepte als Lösung. Die «Einkaufsstadt» kann nicht einfach ersetzt werden durch die «Bürostadt» oder die «Wohnstadt». Die Aspekte des Publikumsverkehrs, der Aufenthaltsqualität und der Begegnungsfunktion sind wichtig. Diese können nicht durch eine x-beliebige Nutzung in den Erdgeschossen erreicht werden. Auch das Wohnen ist nur in Einzelfällen eine sinnvolle Nutzung in den ehemaligen Ladenlokalen.

Für das «Netzwerk Altstadt» ist daher klar, dass die heutige Einkaufsnutzung gehalten werden soll. Kreuzlingen will sich als Regionalzentrum behaupten, auch wenn es Verschiebungen geben wird beim Nutzungsmix. So wird es unumgänglich sein, über eine Reduktion der Detailhandelsflächen zu sprechen. Das Überangebot ist offensichtlich, und noch immer sind regionale Projekte in Bau und Planung, die Kaufkraft aus den Zentren abziehen werden. Dazu kommt der Internethandel, der stark zulegt.

«Die Nutzungsstrategie soll Eigentümer und Ladenbetreiber bei der Frage begleiten, wo in Zukunft welche Nutzungen konzentriert werden sollen und wo nicht», wie Hasler ausführt. Denn nur ein dichtes Ladenangebot ist ein attraktives Ladenangebot. Das wissen sowohl Kunden wie auch Anbieter. Es wird darum eine Diskussion brauchen, wie und wo Kreuzlingen trotz schrumpfender Detailhandelsnutzungen weiterhin ein dichtes Angebot bieten kann. «Das wird nicht ohne Diskussionen vor sich gehen», wie Hasler erläutert. «Doch diese Diskussionen sind wichtig. Wir können es uns nicht leisten, in der heutigen Situation gegeneinander zu arbeiten. Wir müssen gemeinsam erkennen, wie wir am besten ein attraktives Zentrum bilden können.»

Kreuzlingens Trümpfe
Auch wenn Kreuzlingen mit der heutigen Situation nicht zu beneiden ist, darf man die Chancen nicht unterschätzen, die sich nach wie vor bieten. «Die Stadt ist Teil einer äusserst prosperierenden Region und profitiert erheblich von dieser Situation», betont Stadtpräsident Andreas Netzle. «Die starke Nachfrage nach dem Wohnen zeigt, dass man in Kreuzlingen leben möchte, weil das Umfeld stimmt.» Damit ist die Grundvoraussetzung für weitere Schritte geschaffen. «Es geht darum, die Kaufkraft und Interessen der Bevölkerung abzuholen. Das Potential ist da, jetzt müssen Strategien zeigen, was wir damit anfangen können.»

Einbezug der Bevölkerung
Die Arbeit soll nicht nur hinter verschlossenen Türen stattfinden, denn das Thema betreffe alle Kreuzlingerinnen und Kreuzlinger, sagt Stadtpräsident Netzle: «Wir möchten die Bevölkerung über eine aktive Kommunikation am Prozess teilhaben lassen.» Auch wenn es viele fachliche Fragen zu diskutieren gebe, sei es am Schluss doch der Entscheid jedes einzelnen Einwohners, ob er das Stadtzentrum als seine Einkaufsdestination oder seinen Begegnungsraum nutze und frequentiere.

Die Gedanken und Ideen rund um diese Nutzungsstrategie werden im Frühling 2017 mit der Bevölkerung geteilt und diskutiert werden. Bis dann aber möchte man in den Arbeitsgruppen an den Themen arbeiten, um auch etwas zu bieten haben. Dazu hilft auch eine zwölfköpfige Begleitgruppe, in welcher wichtige Interessenvertreter einsitzen und dem Projekt die nötige Vernetzung bieten.

Share Button

One thought on “Nutzungsstrategie für das Stadtzentrum

  1. Bruno Neidhart

    Das ist eine lobenswerte Initiative! Und dringend notwendig. In diesem Zusammenhang fragt man sich jedoch schon, warum nun ausgerechnet das Stadthaus aus dem Stadtzentrum zu verschwinden hat! Das „Netzwerk Altstadt“ sollte die Funktion eines Stadthauses so zeitgemäss interpretieren, dass ein neu zu konzipierendes „Stadthaus im Stadtzentrum“, da man ja das Zentrum fördern möchte, viel beitragen kann, den „Publikumsverkehr, die Aufenthaltsqualität und die Begegnungsfunktion“ , wie es die Initiative selbst beschreibt, massgeblich zu befruchten. Und das in schöner Regelmässigkeit das ganze Jahr über – für Einheimische und Besucher dieses Zentrums.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.