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Über das Leben philosophieren

Konstanz – Der Philosoph und Bestsellerautor Wilhelm Schmid beschäftigt sich mit lebensnahen Themen wie Glück, Liebe, Sex und Lebenskunst. In seinem neusten Buch «Das Leben verstehen» berichtet er über seine Arbeit im Spital in Affoltern. Dort begleitete er über zehn Jahre lang die Patienten mit seiner Methode: dem philosophischen Gespräch. Am Donnerstag, 22. September, findet eine Lesung in der Buchhandlung Osiander in Konstanz statt. Vorab gab es mit unserer Zeitung dieses Gespräch.

Der Philosoph Wilhelm Schmid. (Bild: Suhrkamp)

Der Philosoph Wilhelm Schmid. (Bild: Suhrkamp)

Kreuzlinger Zeitung: Herr Schmid, Ihr neues Buch heisst «Das Leben verstehen». Haben Sie das Leben verstanden?
Wilhelm Schmid: Ich habe einige Einsichten gewonnen. Das Leben ist polar organisiert, das heisst, es besteht aus Gegensätzen. Menschen können Freude empfinden, dann auch wieder Ärger. Je mehr man das akzeptiert, desto besser gelingt das Leben.  Im Zweifelsfall ist es auch einfach nur ein Überleben. Viele fragen sich: «Warum kann ich nicht glücklich sein, aber alle anderen sind es?» Glück ist ein Bestandteil des Lebens, aber es gibt auch ein Leben ohne Glück. Man kann bei den Menschen nicht hinter die Vorhänge blicken. Viele scheinen glücklich, sind es aber gar nicht. Ich hatte in vielen Gesprächen im Spital die Gelegenheit zu sehen, wie es den Menschen wirklich geht.

Ist es mit der Liebe genauso wie mit dem Glück?
Wir haben sehr hohe Vorstellungen von der Liebe. Sie muss immer da sein. Aber manchmal ist sie das nicht. Manchmal geht die Liebe aus, so wie wir Menschen es auch von Zeit zu Zeit tun. Meistens kehrt sie auch wieder zurück. Das gilt es zu verstehen.

Welche Themen sind Ihnen in der Klinik besonders oft begegnet?
Das Thema Berührung ist sehr oft vorgekommen – das hat mich überrascht. Manchmal wurde meine Hand beim Gute-Nacht-Sagen von den Patienten nicht mehr losgelassen. Im Vergleich zu den Südländern leben wir hier in einer sehr berührungsarmen, kalten Kultur. Selbst in langen Beziehungen gibt es oftmals kaum mehr Körperlichkeit. Dabei ist das Berühren sehr wichtig. Es durchströmt den ganzen Körper und schafft Bindungen. Und dann gab es sehr oft die Frage nach dem Sinn. Bei Krankheiten haben sich die Menschen gefragt, wozu diese gut ist und warum diese gerade jetzt auftritt. Manchmal erschliesst sich die Antwort hierauf nicht sofort, sondern erst im Rückblick. Mit etwas Abstand kommen die Erkenntnisse. Es lässt sich verstehen, was in dieser Phase geschehen ist und man kann Beziehungen neu bewerten: Wer war in dieser schweren Zeit für mich da?

Wie stehen Sie zum Thema Sterbehilfe, wenn Sie der Krankheit einen positiven Wert zuschreiben?
Sterbehilfe ist ein grosses Thema, darauf gibt es keine eindeutige Antwort. Die Arten der Sterbehilfe lassen sich unterscheiden. Es gibt die aktive Form, in welcher ein Medikament verabreicht wird, das zum Tode führt. Hier bin ich radikaler Gegner, da ist Missbrauch Tür und Tor geöffnet. Dann gibt es die passive Variante, dass ein Arzt einem Menschen Medikamente zur Verfügung stellen kann, die dieser dann selbst einnimmt. Auch möglich ist, dass die Behandlung eingestellt wird, die das Leben verlängern würde. In diesen Fällen braucht es eine klare Willensbekundung des Patienten und der Angehörigen.

Was stellen Menschen in Zeiten schwerer Krankheit fest?
In diesen Phasen bemerkt man, dass das Leben eine seltene Gabe ist, die genützt werden muss. Ich erinnere mich an einen Mann, der sehr unglücklich war. Er hatte das Gefühl, sein ganzes Leben war umsonst. Ich habe mir seine Geschichte angehört und wir haben festgestellt, dass es zehn sehr gute Jahre gab, die aber moralisch fragwürdig waren. In dieser Zeit war er sehr glücklich. Zehn schöne Jahre haben durchaus die Kraft 60 schlechte Jahre aufzuheben. Das Leben war nicht umsonst. Und dann gab es eine Frau, die ihren Tod als sinnlos erachtete. Sie war der Ansicht, dass es danach nichts geben würde. Ich habe ihr vor Augen geführt, dass zu leben bedeutet, dass bestimmte Energien im Körper sind, die diesen antreiben. Im Moment des Todes aber weichen diese aus dem Körper. Nach dem Energieerhaltungssatz kann Energie nicht verschwinden. Daraus lässt sich schliessen, dass die Energie weiter erhalten bleibt. Manche Menschen spüren die Energie eines Verstorbenen weiterhin, sie gibt ihnen Kraft. Mit diesem Gedanken konnte die Frau in Frieden sterben. Sie hat mir zuvor noch ihren Dank ausrichten lassen.

Welche Methode wenden Sie als Philosoph an?
Das Gespräch, so wie es schon bei Sokrates üblich war. Der Fachbegriff nennt sich «Mäeutik», also die Geburtshilfe. In der Philosophie werden Gedanken geboren. Sie sind schon lange in uns  und werden im Gespräch zum Vorschein gebracht. Durch das Erzählen der eigenen
Geschichte entsteht Klarheit. Oftmals ist es auch gut Begriffe genau zu definieren. Was bedeutet Glück für mich? Dann merkt man, dass der Begriff so überladen ist, dass er dauerhaft unerreichbar bleibt und kann dann besser damit umgehen.

Was ist der Unterschied von Ihnen zu einem Priester?
Die Philosophie ist nicht an Gott gekoppelt. Es geht um vorbehaltloses, ungebundenes Denken in allen Lebensbereichen des Menschen. Die Philosophie ist für mich eine Lebenskunst, sie ist eine Hilfe, wie man Dinge verstehen kann.

Sie lehren als Professor an der Universität. Wie ist die Philosophie dort?
Wenn ich unterrichte, dann geht es um die Philosophiegeschichte und um Ethik. Dort werden Texte gelesen und besprochen. Ich fordere aber darüber hinaus eine Veränderung: Zusätzlich sollte auch eine praktische Ausrichtung gegeben sein. Immerhin wird die akademische Philosophie durch Steuergelder finanziert. Da sollte sie der Gesellschaft auch etwas zurück geben.

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