/// Rubrik: Leserbriefe | Topaktuell

5 ½ Jahre nach Fukushima

Kreuzlingen – 150 Miliarden US Dollar kostet nach aktuellen Schätzungen die Atom-Katastrophe von Fukushima. 100'000 Menschen können noch immer nicht in ihre Wohnungen zurück. Dabei liegt Fukushima am Pazifik und die meiste entwichene Strahlung ist dorthin abgelaufen. Einige Stunden ohne Strom und ein sehr altes Reaktorkonzept mit zu wenig eingebauter Sicherheit sorgten für die Katastrophe. (Text: Georg Klevenz)

Beznau liegt mitten in der Schweiz. Die Reaktoren sind noch älter als die von Fukushima. Beznau ist das älteste AKW der Welt, das noch in Betrieb ist. Die revidierte Kernenergiehaftpflicht sieht für Beznau eine Deckungspflicht via Versicherungen in der Höhe von 1,5 Milliarden Franken vor. Das reicht für wenig mehr 2’000 Wohnungen, die wo anders neu gebaut werden müssen. Und alle anderen gehen leer aus. Der Staat haftet, also wir, oder niemand.

Ist es das wert? Das ist die Frage, über die wir am 27. November abstimmen werden. Via «Elektrizitätswerk des Kantons Thurgau» und AXPO gehört Beznau auch uns. Wir sollten uns die Frage stellen, ob wir als Miteigentümer des EKT, im AXPO Verwaltungsrat vertreten durch den Atom- und Beznau-Fan Roland Eberle (SVP), eine Notwendigkeit sehen, ein altes, unsicheres und verschlissenes AKW mitten in der Schweiz zu betreiben. Wo doch auch die AXPO selbst unter dem Überangebot an Strom in Mitteleuropa leidet und Beznau rote Zahlen schreibt. Muss dieses Abenteuer sein? Ist die Notwendigkeit, Beznau weiter laufen zu lassen, das Risiko Wert.

Was gewinnen, was verlieren wir?
Liefert Beznau überhaupt sicheren und günstigen Strom? Funktioniert die Überwachung durch das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat ENSI? Was macht eigentlich Frankreich, das immerhin 57 AKW am Laufen hat? Mit allgemein verfügbaren Quellen sind diese Fragen zu beantworten. In einer Folge von Leserbriefen werde ich sie hier erläutern.

Zuerst das Thema Sicherheit
Das ENSI wacht über die Atomkraftwerke. Wie notwendig das ist sah man 2015. Nach einer Warnung der europäischen Atomaufsicht verfügte das ENSI eine genaue Ultraschall-Untersuchung der Reaktorkessel von Beznau. Von selbst kam die AXPO nicht auf diese Idee. Ergebnis: Gegen 1000 Risse mit einem durchschnittlichen Durchmesser von einem halben Zentimeter, zum Teil in Gruppen, finden sich im Reaktorkessel. Kein Wunder, es ist das älteste AKW der Welt das noch in Betrieb ist. Verbraucht, kaputt, unsicher. Seit März 2015 ist Beznau 1 deshalb stillgelegt.

Die AXPO versucht verzweifelt und bisher vergeblich, zu beweisen, dass die Risse unkritisch sind. Leider fehlt der AXPO das Sicherheitsbewusstsein, sonst wäre die Abschaltung längst erfolgt. Dumm für die AXPO, dass sie gerade über 700 Mio CHF für neue Reaktordeckel auf die altersschwachen Reaktorkessel ausgegeben hat, ohne diese gründlich zu prüfen. Es zeigt, der AXPO fehlt die Fähigkeit, die Laufzeit der eigenen AKW selbst zu regeln. Das muss von aussen kommen.

Und es zeigt die Gefahr, die ohne eine vorgegebene Laufzeit von Atomkraftwerken ausgeht. Die AXPO hat gerade in die altersschwachen Beznaus 700 Mio CHF investiert. Darf das ENSI jetzt auf Sicherheit bestehen oder muss man der AXPO trotz aller Mängel jetzt noch viele Jahre Laufzeit schenken, um auf Kosten der Sicherheit das Geld wieder zu verdienen? Mit den ältesten AKW der Welt? Nur eine feste Laufzeit verhindern solche Fehlinvestitionen.

Das ENSI hätte gerne wie Frankreich Zehnjahresinspektionen, hier Langzeitbetriebskonzept genannt, um die Sicherheit von AKW gesamthaft zu überprüfen und so einen Wahnsinn wie den der AXPO bei Beznau zu beenden. Ein Auto muss ja auch regelmässig zur Zulassung. Das Langzeitbetriebskonzept erlaubt den Weiterbetrieb für 10 Jahre, wenn alle Auflagen erfüllt sind. Das wurde aber letztes Jahr unter dem Druck der Atomlobby im Parlament abgelehnt. Das ENSI hat die von ihm selbst geforderten Werkzeuge, um alternde AKW zu überprüfen, nicht bekommen.

Ohne Langzeitbetriebskonzept gibt es keine wirksame Kontrolle alter AKW und ohne wirksame Kontrolle kein sicherer Betrieb für!! Deshalb ist es nur konsequent, alte AKW nach 45 Jahren abzuschalten.

National- und Ständerat haben gerade beschlossen, dass in der Schweiz nie mehr neue AKW gebaut werden. Damit ist die Hälfte der Atomausstiegsinitiative bereits umgesetzt. Das Ende der Atomkraft kommt also. Für eine sichere Stromversorgung der Schweiz fehlt nur noch der geplante AKW-Ausstieg nach 45 Jahren Betriebsdauer. Das Gezerre zwischen Profit und Sicherheit bei Beznau 1 zeigt exemplarisch, dass eine AXPO selbst mit der Entscheidung über ein Ende von Beznau überfordert ist. Ja «Für den geordneten Ausstieg aus der Atomenergie» am 27. November.

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