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«Home is where the fuck you are»

Konstanz – Im Stadttheater Konstanz feierte das Stück «Onkel Wanja» von Anton Tschechow am Freitag, 7. Oktober, Premiere. Zum ersten Mal wurde der russische Klassiker in Konstanz aufgeführt und das unter der Regie des New Yorker Dramatikers Neil LaBute, der zu den Theatergrössen unserer Zeit zählt. Er versetzt das Stück in die Zeit des Sommers 1968 in Tschechien. Auf den ersten Blick ist nicht zu erkennen, warum. Doch diese Frage wird nicht offen gelassen. Mit uns sprach der berühmte Regisseur, der für seinen Sarkasmus und seine verstörenden Charaktere bekannt ist, nach der Aufführung von «Onkel Wanja» über das Stück.

Der New Yorker Starregisseur Neil LaBute am Theater Konstanz. (Bild: vf)

Der New Yorker Starregisseur Neil LaBute am Theater Konstanz. (Bild: vf)

Kreuzlinger Zeitung: Herr LaBute, Sie haben das Stück «Onkel Wanja» von Anton Tschechow aus dem Jahr 1896 am Stadttheater Konstanz in der Zeit vom Prager Frühling interpretiert.  Warum dieser Zeitsprung?
Neil LaBute: Diese Zeit interessiert mich. Ich mag die aufkommende Revolution, den Sommer 1968, bevor die sowjetischen Truppen in Prag einfallen. Die Leute waren damals sehr hoffnungsvoll und haben nicht ansatzweise das erwartet, was eingetreten ist. Das Stück von Tschechow in diese Zeit zu verlegen, funktioniert deshalb gut, weil die Mentalität gleich ist. Ich habe aber vieles im Original, also russisch, belassen: Die Namen oder dass ständig Wodka getrunken wird. So wird die Atmosphäre des Prager Frühlings nicht durch Sprache erzeugt, sondern durch Design und Musik. Fast alle Stücke sind von den Beatles. Diese hatten eine gewaltige Bedeutung für die Tschechen zu dieser Zeit. Sie repräsentierten den Westen, den Aufbruch, die Freiheit. Darum ist es auch ein wichtiger Akt, dass der Arzt bei seinem Besuch auf dem Landgut eine Schallplatte der Beatles als Geschenk mitbringt. Das ist eine grosse Metapher, die später zerschlagen wird – wortwörtlich. Für mich schien dieser Zeitraum auch geeignet, weil das Publikum näher am Stück ist. Man fragt sich: «Wo war ich, als Stg. Pepper erschienen ist?» Damit wird das Setting vertrauter und es ist mehr möglich. Zum Beispiel auch das Ende, das bei Tschechow zwei Minuten vorher erfolgt, als bei dieser Inszenierung.

Warum haben Sie das verändert? Bei Tschechow endet das Stück mit dem Monolog der jungen Sonja, die von einer besseren Welt träumt. Sie erweitern das Stück, indem Wanja seine Nichte vergewaltigt, während der Vorhang fällt.
Der Schluss ist eine politische Metapher. Wanja, der Patenonkel von Sonja, der eine sehr gute Beziehung zu ihr hatte, ist am Ende der Stückes vor Verzweiflung so tief gesunken, er sehnt sich so sehr nach Liebe, dass er zu dieser Tat im Stande ist. Der Vorhang ist aus Eisen und er schliesst sich, während die letzte Hoffnung, die letzte Zuversicht, zerstört wird. Danach ertönt laute, aggressive Musik. Es gibt keinen Schlussapplaus. Man ist auch nicht mehr dazu in der Lage zu applaudieren. Dieser Schritt entstand während der Proben. Wir haben es ausprobiert und es hat funktioniert. Dass es keinen Applaus gibt, war die Idee der Schauspieler. Sie verzichten damit auf etwas, das ihnen zusteht. Wir hatten auch Zweifel, ob das nicht zu Missverständnissen beim Publikum führt und gedacht wird, dass wir mit der Inszenierung nicht zufrieden sind. Es herrscht auf jeden Fall Verwirrung am Ende. Viele Leute haben während der Premiere am Ende unaufhörlich geklatscht. Sie konnten nicht fassen, dass da nichts mehr kommt.

Wie war für Sie die Arbeit an diesem überschaubaren Haus in Konstanz?
Ich arbeite gerne an kleinen Produktionen und finde es auch gut, wenn das Publikum nahe an dem Gezeigten ist. Damit verschwindet die Distanz zwischen Bühne und Zuschauer und somit ist auch der Sicherheitsabstand kleiner. Wenn ein Schauspieler es schafft, dem Publikum direkt in die Augen zu blicken, entsteht ein Unbehagen. Der Zuschauer wird direkt mit dem Gezeigten konfrontiert, er kann es nicht einfach nur konsumieren. Das gefällt mir.

Und gefällt es Ihnen hier in der Provinz? Sie leben ja in New York.
Ich mag das Landleben sehr gerne. Auch wenn ich derzeit in einem Apartment in New York wohne, zieht es mich sehr an den Stadtrand. Ein, zwei Stunden ausserhalb gibt es riesige Wälder, dort hätte ich gerne ein Haus. Mitten im Grünen, wo Ruhe ist und man ganz für sich sein kann.

Warum ist es für Intellektuelle so schwer auf dem Land zu leben? Haben Sie einen ähnlichen Konflikt wie die Figuren in «Onkel Wanja», die das Landleben kaum ertragen können?
Es ist härter auf dem Land, weil es dort kaum Ablenkung gibt. Es gibt keine Bar gleich um die Ecke, kein Kino, das den neusten Film zeigt, nicht jeden Abend eine andere Party. Man muss sich also selbst darum kümmern, dass etwas passiert. Man muss Stücke schreiben, anstatt sie anzusehen. Man kann nicht einfach jemand anderen dafür bezahlen. Das wäre der einfachere, faulere Weg. Das Stadtleben erscheint vielen als die anspruchsvollere Art zu leben. Dabei ist es genau anders herum. Aber das ist nur meine Meinung. Ich lebe in beiden Welten und ich mag jede für sich, die Stadt und das Landleben.

Fast alle Figuren des Stücks sind in einer tiefen Krise. Sie sagen, dass sie nichts mehr vom Leben erwarten – jeder auf seine Art. Irgendwann sagt der Arzt Michail Astrow, dass er Mitte Dreissig ist. Kann man sich in diesem Alter schon dem Ende so nahe fühlen?
Man sagt ja immer, dass man so alt ist, wie man sich fühlt. Wanja und Michail sind gefühlt am Ende ihres Lebens angekommen. Es gibt nichts mehr, das auf sie wartet, sie haben ihre Jugend verschwendet, jahrzehntelang für falsche Ziele gearbeitet, die richtige Frau zum falschen Zeitpunkt getroffen, als es zu spät war. Sie haben die Hoffnung verloren. Das kann man mit Mitte Dreissig erfahren, oder wenn man aufhört zu arbeiten, so wie der Professor  Serebrjankow. Wanja ist im Original eigentlich 47. Das haben wir bewusst nicht gesagt, weil sich Sebastian Haase nicht sicher war, ob er dieses Alter authentisch spielen kann, da er jünger ist. Ich finde aber, er stellt seine Verzweiflung sehr überzeugend dar. Er hat sein Leben lang vergeblich gearbeitet, indem er für den Professor übersetzt und geforscht hat. Nun muss er erkennen, dass der Mann, den er vergöttert hat, für den er sich aufgeopfert hat, ein Niemand ist. Da entsteht Hass. Das ist vom Alter vollkommen unabhängig. Ein anderes Problem hatten wir damit, dass die Figur von Sonja eigentlich eine unattraktive Frau ist. Die Schauspielerin Laura Lippmann ist dies allerdings nicht – im Gegenteil! Aber auch sie schafft es, durch ihr Spiel so viele Selbstzweifel aufzubauen, dass man es ihr am Ende abkauft: Sie ist für den Doktor nicht schön. Mit den Schauspielern so lange an den Feinheiten zu arbeiten, bis alles funktioniert, das ist, was in einer guten Inszenierung passiert. Die Schauspieler entwickeln zwischen den Zeilen Charaktere mit einer solchen Dynamik und Macht, dass es reale Figuren sind.

Das zentrale Thema der Spielzeit 2016/2017 am Stadttheater ist «Heimat». Was bedeutet dieser Begriff für Sie?
Heimat ist dort, wo man verdammt noch mal gerade ist.

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4 thoughts on “«Home is where the fuck you are»

    1. Veronika Fischer Beitragsautor

      Sehr geehrter Herr Anderegg,
      Danke für Ihre Anmerkung. Der Titel ist nicht sexistisch zu interpretieren, die Übersetzung finden Sie in der letzten Zeile des Interviews. Der Titel wurde bewusst gewählt, da es sich bei dem Regisseur Neil LaBute um eine umstrittene Persönlichkeit handelt, die für ihren Zynismus und die Darstellung verstörender Charaktere bekannt ist. Beschäftigt man sich mit dem Werk LaButes, so ist dieses Zitat eher noch harmlos. Umstrittener Dramatiker, umstrittenes Stück im Konstanzer Stadttheater, umstrittener Titel. Ist das wirklich Boulevard?
      Viele Grüsse,
      Veronika Fischer

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