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Spuren im Unterholz

Region - Der sogenannte Pilgerweg gehört heute zu den bekannten Wanderrouten im Thurgau und darüber hinaus. Er führt als «Schwabenweg» von Konstanz in den Raum Fischingen und verläuft ungefähr auf den Strecken, die bereits im Mittelalter die Wegverbindung vom Boden- zum Zürichsee darstellten. Solche historischen Verkehrswege wie zum Beispiel im Kaabrüggli im Hinterthurgau sollen falls möglich als Geländemonumente erhalten bleiben.

Kantonsarchäologe Hansjörg Brem und Simone Benguerel vom Amt für Archäologie informierten im Hinterthurgau über historische Verkehrswege. (Bild: zvg)

Kantonsarchäologe Hansjörg Brem und Simone Benguerel vom Amt für Archäologie informierten im Hinterthurgau über historische Verkehrswege. (Bild: zvg)

«Wege wie der Pilgerweg gehören zu den sogenannten historischen Wegen, die heute in touristischen Angeboten eine bedeutende Rolle spielen – als sogenannte Themenwege oder Erlebnisrouten», sagten Kantonsarchäologe Hansjörg Brem und Simone Benguerel vom Amt für Archäologie an einer Medienorientierung. Schon früh wurden solche Strecken in der Schweiz auch erforscht und haben den Status von eigentlichen Denkmälern erhalten, so etwa die Teufelsbrücke in den Schöllenen, die berühmte Tremola am Gotthard, der Landsgemeindeweg im Kanton Glarus oder auch die römische Strasse über den Septimer. Gleichzeitig stellen viele dieser Wege die ideale, natürliche Verbindung zwischen zwei Punkten dar, somit unterstanden und unterstehen Wegverläufe natürlich auch einer stetigen Veränderung und Anpassung.

In den 1980er Jahren begannen Geografen an der Universität Bern eine Inventarisierung des alten Strassen- und Wegnetzes der Schweiz, die unter dem Namen Inventar der historischen Verkehrswege der Schweiz (IVS) unterdessen den Status eine Bundesinventares erhalten hat. Meist haben die Kantone die effektive Arbeit des Beschriebes bzw. der Geländeaufnahme der Wegverläufe und Wegspuren übernommen, so auch im Thurgau, wo das Amt für Archäologie durch den Frauenfelder Historiker Thomas Specker eine umfassende Aufnahme durchgeführt hat, die etwa 1990 abgeschlossen worden ist.

Specker sprach mit Anwohnerinnen und Anwohnern und ging alten Plänen und Karten nach, er dokumentierte im Gelände Wege und Wegstrecken und erfasste dabei eine Vielzahl von weiteren Geländeinformationen vom Wegkreuz bis zum Grenzstein. Teilweise flossen die Informationen weiter, so ins Wanderwegnetz im Thurgau und den besagten Schwabenweg oder in die Ausscheidung von Zonen mit archäologischen Funden. Erst zu Beginn der 2000er Jahre wurde das IVS aber offiziell Bundesangelegenheit und wird seither – wie die Autobahnen – vom ASTRA betreut und in elektronischer Form auf dessen Homepage der Öffentlichkeit zu Verfügung gestellt.

Eher überraschend stellte der Bundesrat am 14. April 2010 in einer Verordnung Richtlinien zum Umgang mit den bedeutenderen Denkmälern dieser Art auf. Grund waren auch Wünsche einzelner Kantone oder Regionen nach einer Unterstützung zum Unterhalt bestimmter Weg- und Strassenabschnitte von historischer Bedeutung, dabei ging es natürlich besonders um Kunstbauten. In der Verordnung ist von «nationaler Bedeutung und historischem Verlauf mit viel Substanz» die Rede und es wird von integraler Erhaltung gesprochen. Faktisch ist somit der Kanton in Zugzwang, die entsprechend vom Bund eingestuften Wegabschnitte zu schützen.

Im Thurgau gab es zwar schon länger Verkehrsbauten, die als Bau- oder Bodendenkmäler Eingang in die Orts- und Schutzplanungen gefunden haben, so einzelne Brücken, einige Bereiche der römischen Strasse Winterthur-Pfyn oder vereinzelte Hohlwege im Bereich von Burgen. Tatsächlich ist der Thurgau aus topografischen Gründen nicht reich an aufwändigen Verkehrsbauten – wenn man mal von Hafenanlagen absieht. Die «Substanz» ist also eher unspektakulär. Und es gibt zwar auch Wegverläufe, die seit Jahrhunderten genau gleich verlaufen sind – meist im Bereich von schwierigen Wegpassagen – meist aber wurden durchaus parallel laufende Verläufe zu unterschiedlichen Zeiten genutzt oder aber dann liegt heute die Kantonsstrasse auf dem historischen Weg.

Das Amt für Archäologie als zuständige Fachstelle hat bis zur Revision des Richtplanes im allgemeinen keine planerischen Massnahmen für die Erhaltung von historischen Wegen eingeleitet sondern versucht, die Informationen des IVS vor allem für die Gestaltung des Wander- und Fusswegnetzes zu nutzen und in Einzelfällen auf historische und bauliche Besonderheiten hinzuweisen.

Durch die genannte Inkraftsetzung eines Teiles des Inventar, nämlich der Wege nationaler Bedeutung mit viel Substanz, stellt sich nun die Frage, ob und wie Handlungsbedarf besteht. «Im Kaabrüggli gab es in den 1980er Jahren schon Diskussionen über Wegverläufe und deren Erhaltung, gleichzeitig ist die Furt im Kaabach ein Ort, wo verschiedene Spuren zu beobachten sind, die teilweise auch in die Gestaltung der Wanderwege eingeflossen sind», erklärten Hansjörg Brem und Simone Benguerel. Damit ist auch die Absicht des Amtes für Archäologie klar: Historische Verkehrswege sollten als Geländemonumente erhalten werden, sofern sie heute im Wald oder ungenutzten Gebiet liegen, in allen anderen Fällen ergibt es Sinn, wenn Fussgänger, Radfahrer oder allenfalls landwirtschaftlichen Verkehr diese Abschnitte nutzen. «Somit sind wir wieder am Anfang der Geschichte: Das Interesse an historischen Wegen und interessanten Wanderrouten ist heute gross und es macht Sinn, die bekannten historischen Fakten mit dem heutigen Interesse optimal zu verbinden», sagten Brem und Benguerel.

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