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Das einzig Liebliche ist ein Spitzendeckchen

Konstanz – Mit dem Stück «Endspiel» von Samuel Beckett wird im Stadttheater Konstanz das Ende der Existenz thematisiert. Dies geschieht fernab von Kitsch, Trost oder Menschlichkeit.

Hamm und Clove warten auf das Ende. (Bild:  Bjørn Jansen/Theater)

Hamm und Clove warten auf das Ende. (Bild: Bjørn Jansen/Theater)

Mit grösster Kraft versuchen wir ihn zu vergessen, den Geruch des nahenden Todes. Im Stück «Endspiel» von Samuel Beckett gelingt das nicht. Er steigt auf, aus den Fugen des gekachelten Bühnenbildes, zu Anfang noch mild und süsslich, am Ende so penetrant, dass man den Zeitpunkt herbeisehnt, an dem man endlich wieder im Freien steht und nach Luft schnappen kann. «Endspiel» erzählt von drei Generationen, die sich gegenseitig nicht ertragen, und damit die Stufen des Verfalls. Dieser ist schon fortgeschritten. Vergangen ist die gute Zeit, einziges Relikt im hintersten Eck des Bühnenbilds ist ein Spitzendeckchen, das von Gemütlichkeit und Wärme erzählt. Im Mittelpunkt steht, nein sitzt, der blinde und gehbehinderte Hamm in seinem Rollstuhl. Im Mittelpunkt des Stückes, im Mittelpunkt der Bühne, im Mittelpunkt seines eigenen Universums. Ein blutbeflecktes Tuch bedeckt von Zeit zu Zeit sein Gesicht, seine Augen sind durch eine Sonnenbrille verdeckt und schützen damit seine Mitmenschen vor dem Blick und Anblick des Unmenschen. Umso gewaltiger erhebt er die Stimme, immer rufend, nach seinem Diener oder seinem Vater, um sie zu quälen, mit seinen endlos erscheinenden Monologen.

Feinster Nihilismus
An der einzigen Tür zur Küche steht die Jahreszahl 6102 von den Heiligen Drei Königen angeschrieben. Kaum vorstellbar, dass diese dem morschen Familiengefüge einen Besuch abgestattet haben. Der religiöse Glaube war also zu Gast, auch das wird deutlich im Stück, als der Patriarch zum Gebet aufruft – ein sinnloses Unterfangen, man ahnt es schon zu Beginn der herrlich zynischen Szene: Gott ist doch tot! 6102 also. Spielt das Stück in der Zukunft, in einer Zeit, in der die Menschheit ausgerottet ist, übrig geblieben sind nur diese vier Kreaturen, die auf ihre Auslöschung warten? Oder ist es ein Appell, die Zeit rückwärts zu betrachten, Revue passieren zu lassen? Auch das Wort «Tod» auf der Flohpuderdose ist rückwärts geschrieben. Da das Ende sowieso eintritt, scheint es egal, in welcher Form: «Wenn ich die Ratte nicht töte, stirbt sie.» Warum also abwarten? Den Tod hinauszögern? Die Eltern versuchen es dennoch. Sie kauern in Restmülltonnen am Bühnenrand – entsorgt. Kurz kämpfen sie gegen den Verfall von Zeit und Leben. Es gelingt natürlich. Nicht. Nach einer zärtlich anmutenden Schwelgerei im vergangenen Liebesrausch verenden beide im Laufe des Stückes in der Dunkelheit ihrer sargähnlichen Behältnisse. Als der Diener Clov gegen Ende des Stückes den Tonnendeckel zur grossväterlichen Behausung anhebt, ist es, als würde der Geruch der fortschreitenden Verwesung ihm den Atem nehmen. Eine schauspielerische Höchstleistung, die André Rohde hier präsentiert, wenn er den Zuschauer teilhaben lässt an seinem Leid, aus dem er nicht entrinnen kann. Das anfangs vereinzelte Kichern der Zuschauer über das dargestellte Leid wird mit steigendem Wasserstand auf der Bühne hinweggespült. Und damit bewahrheitet sich eine Aussage der Mutter über das Unglück: «Es gibt nichts Komischeres auf der Welt. Und wir lachen darüber, wir lachen darüber, aus vollem Herzen, am Anfang. Aber es ist immer dasselbe. Ja, es ist wie der gute Witz, der einem zu oft erzählt wird, wir finden ihn immer gut, aber wir lachen nicht mehr darüber.»

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