/// Rubrik: Kultur

«Für kurze Zeit unser Zuhause»

Münsterlingen – Bereits zum dritten Mal besucht das Bundesjugendballett aus Hamburg die Psychiatrische Klinik Münsterlingen. Fast eine Woche verbringen die Jugendlichen am See, arbeiten mit Bewohnern und studieren neue Choreographien ein. Für die talentierten Tänzer ist es der Auftakt in die neue Spielsaison, für die Patienten ist es ein Ausloten ihrer eigenen Grenzen und Fähigkeiten. Am Donnerstag, 27. Oktober, 19.30 Uhr zeigt die Ballettkompanie auch Aussenstehenden ihr Können.

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Das Bundesjugendballett tanzt die Bach-Suite Nr. 3. (Bild: Silvano Ballone)

Schulen, Kirchen, Gefängnisse, Festivalbühnen oder Clubs – das Bundesjugendballett hat den Anspruch, ungewohnte Orte mit ihren Ballettvorführungen zu beglücken. Intendant John Neumeier hat das Projekt 2011 auf die Beine gestellt, mit dem Ziel, eine kleine und flexible Tanzkompanie zur Verfügung zu haben. Der Hintergedanke des Choreographen: Das Ballett soll die verstaubte Kunstform zu Menschen bringen, welche sonst nicht damit in Berührung kommen. Heute tourt eine achtköpfige Kompanie durch die Welt, bestehend aus Tänzerinnen und Tänzern zwischen 18 und 23 Jahren und aus aller Herren Ländern.

 

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Die achtköpfige Ballettkompanie. (Bild: Silvano Ballone)

Maximal zwei Jahre dürfen diese bei der Truppe bleiben, für die neue Spielzeit hat es gerade wieder einen Wechsel in der Besetzung gegeben. «Für einige ist der Besuch in Münsterlingen also die erste grosse Reise mit der Kompanie», berichtet die organisatorische Leiterin Antonia Sobik.

Nächste Woche wird das Gelände der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen während vier Tagen das Zuhause der talentierten Tanzenden sein. Die ersten drei Tage bieten sie zusammen mit einem Tanzpädagogen Workshops für die Bewohner an. Gleichzeitig werden die Stücke für das neue Programm eingeprobt. Am Donnerstag, 27. Oktober, um 19.30 Uhr, zeigen  die professionellen Tänzer dann im grossen Saal auch Aussenstehenden das Einstudierte.

Vier Tage sind eine relativ lange Zeit an einem Ort. Die Investition mache sich aber bezahlt für die Kompanie. «Münsterlingen ist jeweils ein toller Start in die Saison», so Sobik. Der Arbeitsort mit dem Naturgelände direkt am Bodensee sei sehr schön und heimelig. Zudem ist die Arbeit mit den Patienten eine Herausforderung für die Tänzer, welche nicht psychologisch geschult sind. Ihr Ziel sei es deshalb auch nicht, Menschen zu heilen oder zu therapieren. In den einstündigen Workshops liegt der Fokus auf Bewegung und Tanz zusammen mit den Bewohnern. Dabei entsteht alles aus dem Moment, es gibt keine vorgefertigten Muster und auch keinen Leistungsanspruch – am Ende muss niemand Ballett tanzen können.

So ist es viel mehr für die Jugendlichen eine intensive Zeit, in der viel erklärt und vermittelt werden muss. Doch sind genau diese Erfahrungen wertvoll: «Viele nehmen danach nicht mehr alles für selbstverständlich hin», berichtet Sobik. Das Interesse der Patienten wecken sie dabei jedes Mal. Wenn das Repertoire einstudiert wird, steht die Tür zum Saal immer offen. «Wir proben selten ohne Zuschauer», freut sich Sobik.

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