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Diskussion um den Lehrplan 21

Bottighofen – Die Abstimmung über die Volksinitiative «Ja zu einer guten Thurgauer Volksschule» vom 27. November war am Dienstagabend Thema einer Podiumsdiskussion im Dorfzentrum Bottighofen. Eingeladen hatte die SVP des Bezirks Kreuzlingen. Teilweise stand die Polemik den Inhalten etwas zu sehr im Weg.

SVP-Gemeinderätin Judith Ricklin begrüsst den Lehrplan 21.(Bild: sb)

SVP-Gemeinderätin Judith Ricklin begrüsst den Lehrplan 21. (Bild: sb)

Mit dem sogenannten «Lehrplan 21» (LP21) sollen gemäss Vorgabe des Bundes die Lehrpläne der 21 deutschsprachigen Kantone harmonisiert werden. Gleichzeitig werden diese erweitert und der heutigen Zeit angepasst. Gegner dieses Planungsinstruments befürchten davon negative Auswirkungen auf Schule und Kinder. Im Thurgau lancierten sie die Initiative «Ja zu einer guten Volksschule», um den LP21 zu stoppen.

Die Initianten fordern stattdessen die Einführung von Jahreszielen in den Schulen und wollen, dass der Grosse Rat Lehrpläne und Stundentafeln im Thurgau erstellt. Diese sollen insbesondere die elementaren Ziele Lesen, Schreiben, Rechnen sichern. Die Kinder sollen eine positive Arbeitshaltung entwickeln.

Befürworter des LP21 sind zwar dagegen, ein Parlament über solche komplexe und wiederkehrende Dinge wie Lehrpläne entscheiden zu lassen. Dass Kinder gut lesen, schreiben und rechnen können, ist aber auch ihnen wichtig. Gegen eine positive Arbeitshaltung der Schülerinnen und Schüler haben sie ebenso wenig einzuwenden.

Am Podium in Bottighofen kreuzten die Kreuzlinger Lehrerin (und SVP-Gemeinderätin) Judith Ricklin und der Frauenfelder Schulpräsident Andreas Wirth (Pro LP 21) mit der Frauenfelder SVP-Nationalrätin Verena Herzog und der Sirnacher Lehrerin Hedwig Schär die Klingen.

Starke Worte der Nationalrätin
Nationalrätin Herzog sieht die Schule heutzutage erkrankt an «Reformitis», will, dass Lehrpersonen sich «auf alte Stärken rückbesinnen» und fragte: «Muss denn das Klassenzimmer zum IT-Labor werden?». Als Schreckgespenst malte sie den auf sich allein gestellten, überforderten, zurückgelassenen Schüler an die Wand. Kinder sollten nicht zum «Versuchskaninchen» des LP21 werden. Dem «Reformwahn» in den Schulen will sie Grenzen setzen und sagte: «Wir müssen die Schule kindgerecht gestalten und verhindern, immer mehr auf Fremdpersonen angewiesen zu sein.»

«Das stimmt alles hinten und vorne nicht», liess Andreas Wirth die Anwesenden wissen. Er belegte nüchtern den Wandel der Zeit und zeigte auf, wie heute in den Schulen auf den Entwicklungsunterschied, der bei Gleichaltrigen feststellbar ist, eingegangen wird. Statt Wissen werde Kompetenz in den Vordergrund gestellt. Diese setzt sich zusammen aus Wissen, Können und Wollen. Entgegen der Behauptungen der Gegner bleibe der Lehrer zentrale Figur im Klassenzimmer. «Der LP 21 hält an Bewährtem fest und nimmt Neues auf», erklärte er. Und biete Vorteile: Wie die Herstellung gemeinsamer Lehrmittel. Wirth warnte: «Ein Thurgauer Alleingang kann kostspielig werden.»

«Früher haben wir das Einmaleins auf und ab gebügelt», erinnerte sich die Lehrerin Hedwig Schär. Im Lehrplan 21 sei davon nichts mehr zu finden. Lehrmeister würden sich heute oft über mangelnde Deutschkenntnisse beklagen, «genaues Schaffen» wie früher im Handarbeitsunterricht, sei in der Schule nicht mehr gefragt. Das Schönste am Unterricht sei das gemeinsame Erarbeiten, «und das soll weg?», fragte sie.

Judith Ricklin hingegen schaut dem Lehrplan 21 mit Freude entgegen. Dessen Vorgaben werden in der Praxis schon lange angewendet, sagte die Kindergärtnerin und heutige Lehrerin. Der «Paradigmenwechsel» habe schon lange stattgefunden. «Kinder müssen mehr als nur lesen, schreiben und rechnen können», findet sie. Der LP21 sei ein über 400 Seiten starkes Werk «für Fachpersonen», das schwer von Laien beurteilt werden könne. Sie ist dagegen, den Grossen Rat über Lehrpläne entscheiden zu lassen.

Auch Regierungsrätin Monika Knill, die dem Departement Erziehung vorsteht, richtete ihre Worte an die Anwesenden. Sie erklärte, wie der LP21 in einem lange Jahre dauernden demokratischen Prozess entstanden ist. Er sei eine notwendige Harmonisierung der Eckwerte der verschiedenen Lehrpläne.

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2 thoughts on “Diskussion um den Lehrplan 21

  1. Peter Aebersold

    Mit den „Grundlagen für den Lehrplan 21“ will die Erziehungsdirektorenkonferenz (D-EDK) den radikalsten Systemwechsel in der Geschichte der Volksschule mit dem „selbstgesteuerten Lernen“ als alleinige „Lern“methode am Volk vorbei durchzwängen, der Klassenunterricht kommt nicht mehr vor. Zitat D-EDK: «Mit der Kompetenzorientierung ergibt sich eine veränderte Sichtweise auf den Unterricht. Lernen wird verstärkt als aktiver, selbstgesteuerter, reflexiver, situativer und konstruktiver Prozess verstanden.» https://www.lehrplan.ch/sites/default/files/Grundlagenbericht.pdf Das „selbstgesteuerte Lernen“ bedeutet in der Praxis, dass qualifizierte Lehrer und Unterricht abgeschafft werden, weil jedes Kind ab dem 1. Schultag alleine bestimmen soll, wann, wie, was und ob es lernen will. Weil jedes Kind das „Rad neu erfinden“ muss, dauert das Lernen viel länger. Deshalb wurden die Lernziele nach hinten geschoben. Das kleine Einmaleins müssen die Schüler beim LP21 erst Ende der sechsten Klasse können, nicht wie heute bereits in der 2. Klasse. Das erfolgreiche Schweizer Bildungssystem darf nicht am Volk vorbei klammheimlich beerdigt werden!

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    1. schiesser

      Wenn etwas „verstärkt“ getan wird, dann heisst das a) es wurde bereits getan, nur nicht im gleichen Ausmass und b) es wird zwar öfter oder mehr getan, aber es ist nicht das Einzige, was gemacht wird. Sonst hiesse es nicht „vermehrt“ sondern „ausschliesslich“ oder „nur noch“. Und so haben Sie es locker geschafft, Ihre eigene Behauptung ad absurdum zu führen, wonach es mit dem Lehrplan 21 nur noch selbstbestimmtes Lernen in den Schulen geben wird. Und das erst noch mit einem Zitat der bösen. bösen EDK, das eigentlich dazu dienen sollte, zu zeigen, welche unsinnigen Konzepte angeblich eingeführt werden sollen.

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