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Zwischen Joints und Stoffwindeln

Konstanz – Mit «I’m glad I found you» bringt das Stadttheater Konstanz eine Geschichte rund um die Rocklegende Neil Young auf die Bühne. Ein Knaller wie mit Johnny Cash gelingt damit nicht.

Neil Young spielt auf dem Dach einer Scheune. (Bild: Ilja Mess/Theater)

Neil Young spielt auf dem Dach einer Scheune. (Bild: Ilja Mess/Theater)

Wieder ein Stück mit einer Band. Was in der Vergangenheit mit der Geschichte um Johnny Cash zum Publikumsmagneten wurde, ist mit der Musik des Songwriters Neil Young schwieriger. Seine Songs laden nicht sofort dazu ein, vom rot gepolsterten Stuhl aufzuspringen und mitzutanzen. Die Poetik der Texte sollte im Vordergrund stehen, ein literarisch-musikalischer Abend war angedacht, so Regisseur Wulf Twiehaus. Daher wurde eine Rahmenerzählung gewählt, in welcher die Texte Neil Youngs interpretiert, mit Hintergrundinformationen versehen und in einen neuen Kontext versetzt werden. Grundlage hierfür war Navid Kermanis «Das Buch der von Neil Young Getöteten». Ein junger Vater erzählt von seiner Leidenschaft zur Musik des Kanadiers und wie er es damit schaffte, sein Neugeborenes in den Schlaf zu wiegen. Ein spannendes Projekt, das hier versucht wurde: Die Ebenen zwischen Musiker und Fan, zwischen Akteur und Rezipienten, zwischen Generationen werden geöffnet und verweben sich, wie es nur mit Musik möglich ist. Manche Platten sind der Soundtrack unseres Lebens – ohne sie wäre es anders. Diese Botschaft kommt an.

Ermüdende Literaturmonologe
Die Frage, die man sich allerdings stellt, ist: Warum wurde hierzu dieser Text gewählt? Der Autor Kermani, der kurzzeitig als Kandidat für den deutschen Bundestagspräsidenten gehandelt wurde, besprach kürzlich in einem Interview seinen jüngsten Roman. Der harschen Kritikerin entgegnete er, dass er es sich als sehr ermüdend vorstelle, Bücher lesen zu müssen, die man nicht mag. Und in der Tat, es ist ermüdend den Monologen zu folgen, die Axel Julius Fündeling trotz schwierigen Inhalts hervorragend in Szene setzt. Seine Figur des frischgeborenen Papas, des leidenschaftlichen Fans mit Bäuerchen am Shirt, wirkt echt. Zwischen Joints und Stoffwindeln vermittelt er das Gefühl, er müsse seine Begeisterung für die Musik nicht spielen, wenn er Teil dieser wird und singt. Die Band Crazy Horse mit Ingo Biermann als Neil Young und Stefan Gansewig als musikalischen Leiter trifft die Musik perfekt. Man hat das Gefühl eine Zeitreise zurück in die kanadische Avantgarde zu machen. Das volle Potential der Musiker wird aber erst in den letzten zehn Minuten deutlich. Da drehen die Gitarren auf, das Akkordeon droht zu zerbersten, das Schlagzeug wirbelt, der Bass dröhnt – es geht an die Grenzen des Raumes. Warum aber erst jetzt? Und warum wird Biermanns schauspielerisches Potential nicht genutzt, um die Ebene zwischen Musik und Text zu brechen? Er verkörpert den Sänger grossartig, keine Frage, die Stimmen sind nahezu identisch. Aber warum wird Biermann hierauf reduziert? So stehen einzelne Abschnitte sehr isoliert voneinander, was dem Stück den Charakter einer schier endlos erscheinenden Plattenrezension verleiht. Am Premierenabend wurde als Überraschungsgast Johnny Cash (André Rohde) auf die Bühne geholt, um mit Neil Young und Crazy Horse zu jammen. Das hielt das Publikum dann nicht mehr in den Sitzen, ein tosender Applaus mit Standing-Ovations war letztendlich also doch noch möglich.

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