/// Rubrik: Leserbriefe

Fakten zur Energiewende

Leserbrief – Am 27. November stellen wir die Weichen für die zukünftige Energieversorgung. Nach 40-jähriger Tätigkeit in diesem Bereich möchte ich mich dazu zu Wort melden, da viele durch Aeusserungen , dass uns bei Verzicht auf AKWs «die Lichter ausgehen werden» und wir uns auf eine «energiepolitische Geisterfahrt begeben würden» (Michael Kohn), verunsichert sind. (Ernst Bucher, Physiker, Kreuzlingen)

(Bild: archiv)

(Bild: archiv)

Zudem stellte Axpo kürzlich noch Kosten von 4.1 Mia. Franken bei Stilllegung der AKWs in Aussicht, da man mit 60 Jahren Betriebsdauer gerechnet habe. Diese Kosten würden mindestens auch bei längerer Betriebsdauer anfallen. Zudem sind regenerative Energien zwei bis drei Mal billiger als Nuklearenergie geworden, sodass AKWs schon seit Jahren nicht mehr rentieren, und aus rein ökonomischen Gründen abgeschaltet werden müssen. Das Kostenargument der Axpo wird damit hinfällig.

Nachdem das Argument der teuren alternativen Energien unhaltbar geworden ist, wird gegen sie nun das Argument ihrer fluktuierenden Erzeugung , Netzinstabilität und mögliche Netzzusammenbrüche ins Feld geführt. Auch dieses Argument  kann man heute problemlos entkräften. Chernobyl und Fukushima haben uns  das Ausmass einer nuklearen Katastrophe vor Augen geführt, die eine völlig andere Katastrophendimension als alle anderen wie Erdbeben, Überschwemmungen, etc. aufweisen. Die Umgebung bleibt auf Jahrtausende radioaktiv verseucht und unbewohnbar. Ein ähnlicher Fall für die Schweiz wäre mit Kosten im Bereiche zwischen 500 und 10’000 Mia. Franken oder mehr zu veranschlagen, und die 100’000 Betroffenen wären nicht einmal versichert und müssten den Schaden ihrer Umsiedlung oder Erkrankung selber tragen, da AKWs wegen den hohen Risikokosten nicht versicherbar sind.

Das Attribut «sehr unwahrscheinlich» heisst eben noch lange nicht, dass eine solche Katastrophe nicht doch eintreten kann, wie wir auch aus anderen Bereichen wissen. Zudem konnte seit 50 Jahren das Entsorgungsproblem radioaktiver Abfälle nicht gelöst werden. Für mich gebietet die Ethik, künftige Generationen vor solchen Risiken und Umweltproblemen zu bewahren, und den Irrweg nuklearer Energieversorgung zu verlassen. Dies fällt umso leichter, als die Erneuerbaren längst kostengünstiger  als Kernenergie geworden sind. Ein Nein zu einem solchen Entscheid wäre wohl eine der grössten kollektiven Irrationalitäten, die ich mir denken kann. Es verbleibt zu zeigen, dass AKW’s problemlos durch Erneuerbare ersetzbar sind. Allerdings unter der Prämisse, dass wir den bisher erprobten Weg  zentraler Energieversorgung verlassen und und teilweise durch mehr dezentrale Energieversorgung ersetzen, mit dem wir noch wenig Erfahrungen sammeln konnten. Das kann ein gewisses Unbehagen auslösen,  heisst aber keineswegs, dass er nicht auch funktionieren kann.Simulationen und Erfahrungen anderer Länder (Schweden: 52 Prozent Erneuerbare) zeigen , dass es funktioniert. Die Statistik des BfE zeigt, dass wir 2015 das Doppelte der Jahresproduktion (vorab im Sommerhalbjahr(SHJ)) der fünf AKWs exportiert- und im Winterhalbjahr(WHJ) wieder importiert haben.Das  einzige Problem, das daher zu lösen ist, ist die Überproduktion von ca 11’000 GWh  im SHJ  für das WHJ zu speichern. Eine Rechnung ergibt, dass die 5 AKW’s durch 64 km2 Photovoltaikfläche  (=12 Prozent unserer Dachflächen) oder durch 1900 3 MW Windturbinen ersetzbar sind. Eine PV Anlage produziert 70 Prozent der Energie im SHJ und 30 Prozent im WHJ.

Ohne AKWs werden wir drei Typen von Energieanlagen haben:

1) Grundversorgung wie z.B. Wasserkraft oder Gasturbine

2) schnell schaltbare grosse Speicher wie Li- Akkus (10-20 ms) oder Pumpspeicherwerke (1-2 Min)

3) zahlreiche variable  dezentrale kleinere und grössere Energieanlagen Privater oder Unternehmer, die durch Energiemanagers  bei Netzunter-oder -ueberlast von Produktion auf Speicher umschaltbar sind. Das ist eine gut erprobte Technologie, die  rasch expandieren wird.

An Speichermöglichkeiten haben wir:

1) Warmwasserspeicher

2)Das tiefe Erdreich(>50m) als Wärmespeicher. Die im SHJ gespeicherte Wärme wird im WHJ durch Wärmepumpen wieder hochgepumpt, wobei z.B.mit PV das 3-4fache an Wärme hochgepumpt werden kann.

3) el.chem. Speicher wie Li Akkus. Z.Zt kostet die gespeicherte kWh noch 0.4 Sfr.Bei  einer Kostendegression  von mind 20 Prozent, wie üblich durch Produktionsverdopplung wären wir bei einer Verzehnfachung bereits bei Kosten der kWh eines AKW’s von ca 0.17 Sfr, was innert zehn Jahren zu erwarten ist.

4) Pumpspeicherkraftwerke, wie kürzlich  in Linth-Limmern für 2.1 Mia. Franken gebaut, das z. Zt wegen des niedrigen Strompreises unrentabel ist. Klar ist, dass Sicherheit und ökologische Lösungen nicht zum Nulltarif zu haben sind.

5) Eine besonders interessante Lösung befindet sich in der Entwicklung:Die chemische Speicherung von PV- und Windenergie durch  Methanol aus CO2+ H2O wie durch Dr. U. Weidmann(Silent Power)  und auch von Audi mit einem Pilotwindkraftwerk von 6.5 MW bereits erfolgreich erprobt wurde.Methanol könnte dann wie Dr. U.W. erfolgreich gezeigt hat, in einer Gasturbine je nach Bedarf im WHJ  verstromt werden. Diese Lösung halte ich für die beste, da sie CO2-neutral gemacht werden kann und ohne Aenderung der Infrastruktur einsetzbar ist. Die dezentrale und vor Ort verbrauchte Energie birgt zudem den Vorteil der grössten Effizienz, tiefstem Preis  und reduziert die Netzbeanspruchung. Eine stabile, ökologische und ökonomische Energieversorgung ist die Grundvoraussetzung für eine  stabile gesunde Wirtschaft.

Ein Ja am 27. 11 wäre ein deutliches Signal an Parlament und Bundesrat, durch eine nationale Anstrengung zusammen von Bund, Hochschulen, Wirtschaft und privaten Investoren die Energiewende zur ökonomischen Reife zu bringen, an der wir schon sehr nahe dran sind.

Share Button

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.