/// Rubrik: Leserbriefe

Mäkelingen?

Leserbrief – Bereits mehr als 30 Jahre leben wir in Kreuzlingen. Wir lieben diese Stadt am See und wohnen gerne hier. (Ruth und Hanspeter Züst-Berchtold)

(Bild: archiv)

(Bild: archiv)

Die attraktive Lage ist bestimmt auch einer der Gründe, warum sich Kreuzlingen stark vergrössert hat. Eine Stadt ist ein lebendiges Gebilde und braucht immer wieder eine Anpassung der Infrastruktur. Was uns jedoch schon vor 30 Jahren aufgefallen ist: Kreuzlingen tut sich schwer, Projekte zu realisieren. Das zeigt sich wieder einmal mehr am aktuellen Beispiel des Stadthauses. Es gibt in der Stadt Kräfte, die alles, was der Stadtrat vorlegt, zum Vornherein ablehnen. Wir erleben diesen Widerstand immer mehr als unwillige Nörgelei von vielen Verärgerten. Gegen jedes Projekt gibt es zahlreiche Gegenargumente. So fürchtet zum Beispiel ein erfolgreicher Geschäftsmann um seine Kunden, weil es beim neuen Stadthausprojekt zwar insgesamt mehr, aber doch zu wenige Parkplätze gebe. Dabei ist dieses Geschäft zurecht so erfolgreich, weil es hervorragende Qualität und einen überdurchschnittlichen Service bietet. Leben wir in Kreuzlingen oder aber in Mäkeligen, Nörgelingen? Diese vergiftete Atmosphäre stört uns sehr. Wir hoffen auf ein Ja für das neue Stadthaus.

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3 thoughts on “Mäkelingen?

  1. Bruno Neidhart

    „Jeder hat eine Verantwortung für sich und das eigene Denken“, sagt der Psychologe Ernst Pöppel, und fügt hinzu: „Wer nicht den Mut hat, sich zu äusser, wird umgepflügt“. Wie Ruth und Hanspeter Züst-Berchtold richtig feststellen: „Gegen dieses Projekt gibt es zahlreiche Gegenargumente“. Sie sind längst beschrieben. „Unwillige Nörgelei“ oder „Liebe zu dieser Stadt am See“? Man sollte das nicht verwechseln.

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  2. Alexander Salzmann, Gemeinderat FDP

    Ja, das ist richtig; es wir viel geplant und wenig realisiert. Das ist natürlich ärgerlich, verursacht viele Planungskosten, verschwendet Steuergelder, die man hätte sinnvoller einsetzen, oder von den Bürgern nicht eintreiben müssen. Ich glaube, dass es zwischen Politik und Volk eine Kluft gibt, welche die Politik bisher noch nicht verstanden hat. Die Bürger sind im Grossen und Ganzen zufrieden mit unserer Städtchen – eine paar Sachen müssen immer wieder mal verbessert werden und dafür ist der Bürger ja auch offen. Wir sind aus drei Dörfern und einem Klosterbezirk zusammengewachsen und haben keine städtische Historie – das merkt man deutlich auch an der Bescheidenheit, die dem Thurgau eigen ist, und eben auch in unserem Städtchen deutlich spürbar ist. Auf der anderen Seite die Politik, die ein urbanes Zentrum will, ein städtisches Flair, eine „Unique Selling Position“ für die Stadt. Dies findet z.B. Ausdruck in dem von der Politik geprägten Begriff des „Boulevards“, also einer Prachtstrasse, und von Bauvorhaben, die in der Öffentlichkeit als eher zu gross wahrgenommen werden (Schwimmhalle, Stadthaus, Wasserkanal im Klein-Venedig). Unsere Festwiese (übrigens ein dörflicher Ausdruck) mit einem Stadthaus zu versehen, wird daher von vielen als Affront gewertet. Man kann dafür oder dagegen sein, aber das ist wohl einer der Hauptgründe, warum solch grosse Projekte immer einen schweren Stand haben werden. Die Politik sollte diese Emotionen besser verstehen und in ihre Entscheidungsprozesse besser integrieren – da nehme ich mich nicht aus.

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    1. Bruno Neidhart

      Ich stimme Herrn Salzmann in vielen Teilen zu. Was den „Klosterbezirk“ betrifft, so ist sich Kreuzlingen eher wenig bewusst, dass dieser markante Gebäudekomplex in der Folge einer langen Entwicklung über Jahrhunderte mit dem Signum „cruzelin“ zu verbinden ist. So bezeichnete sich die erste Kreuzlinger Abtei, gebaut zwischen 1084 und 1110 (bei Arno Borst: „…..wahrscheinlich nach 1105“). Diese stand an der Unteren Hauptstrasse an der Grenze zu Konstanz. Ab 1650 wurden dann die heute noch existierenden Klostergebäude erstellt, wie wir sie kennen.

      In der Folge der Säkularisation ist 1836 auch das augustinische Kreuzlinger Chorherrenstift, wie die anderen Thurgauischen Klöster, unter Staatsverwaltung gestellt worden. In die Kreuzlinger Klostergebäude platzierte der Kanton sein 1833 zuerst im Schloss Seeburg (!) installiertes Lehrerseminar. Der erste Direktor war übrigens Johann Jakob Wehrli („Wehrlischulhaus“). Aus dem ehemaligen kantonalen Lehrerseminar entwickelte sich schliesslich die heutige PMS, die Pädagogische Maturitätsschule, als auch die PHTG, Pädagogische Hochschule Thurgau mit ihren neuen Campusbauten.

      Die ursprünglichen Klosterbauten „verschwanden“ für Kreuzlingen dann so zu sagen aus dem „inneren Bewusstsein“, als der Kanton die Gebäuderegie übernahm. Einzig die Klosterkirche konnte sich als visuelles Stadt-Wahrzeichen behaupten. Bis heute. Es kann als „Versäumnis“ gedeutet werden, dass die Stadt – die „drei Dörfer“ (Alexander Salzmann) – das Bewusstsein des Klosterbezirks, was auch die angegliederten Wirtschaftsgebäude betrifft, nicht deutlicher als einen wesentlichen historischen Bezug zu kategorisieren und zu pflegen verstand. Das „kantonale Interesse“ an den Bauten überwucherte wohl ein stärkeres Engagement der sich bildenden Stadt, hier ein Quartier entstehen zu lassen, das als stadtintegrativ, und nicht faktisch abschottend zu deuten gewesen wäre. Zusatz: Der unmittelbar benachbarte Hirschenplatz hatte früher durchaus einen der wenigen Stadtbezüge zu den mächtigen Klostergebäuden, doch wurde sowohl mit dem Abriss des bekannten Gasthauses „Hirschen“, als auch mit der unsinnigen Änderung der Baulinie, welche den Platz durch einen Neubau in seiner ursprünglichen Prägung weiter zerstörte, das hier überkommene Stadtbild beeinträchtigt. Und noch viel früher (1855) liess der Kanton u.a. ausgerechnet den Bibliothekstrakt in der Nähe, der die Einheit zum Kreuzgang vervollständigte, niederreissen (heute steht dort eine trostlose Betonmauer). Damals war anscheinend noch nicht von der „Bildungsstadt Kreuzlingen“ die Rede. Sonst hätte man diese Bibliothek wohl nicht beerdigt, viele Bücher davon „kantonal verkauft“! Dies nur nebenbei.

      Ich glaube nicht, wie etwa Herr Salzmann, dass nur besonders die grossen Vorhaben einen“Affront“ der „Öffentlichkeit“ auslösen können. Hier vielleicht besonders – ja! Aber ich denke, dass die allgemeine Skepsis eher da beheimatet ist, wo erkennbar wird, dass wiedermal eine Sache – auch eine kleinere (Busterminal!) nicht unbedingt transparent genug und umfassend aufgegleist wurde. Auch innerhalb der Behörde! Ein Beispiel: Sogar mal „ohne viel Öffentlichkeit“ gescheitert war der Versuch, auf Klein Venedig ein simples Parkhaus zu erstellen. Es funktionierte nicht mal die elementare, sichere behördliche Aufbereitung eines nun wirklich ganz kleinen Geschäfts, das ja im Kern unbestritten Vorzüge gehabt, gleichzeitig für das westliche Hafenbecken eine vorzeigbare Gestaltung der Wasserkante ermöglicht hätte (Pläne dazu liegen sogar vor!).

      Das Stichwort „Transparenz“ beinhaltet jedoch besonders auch die behördliche Fähigkeit, der Öffentlichkeit früh konkret sichtbar zu machen, in welcher Art und Weise es in dieser oder jener Richtung bei einem Projekt weiter gehen könnte. Damit ist eine breite Vor-Evaluation gemeint, die allgemein Auskunft gibt über verschiedene Möglichkeiten, wie „eine Sache“ letztlich auszusehen hätte, was zum Beispiel etwa bei einer Bauvorlage sowohl die Örtlichkeit, wie auch das Ausmass betreffen kann. Wieder ein Beispiel: Nach der Verneinung einer grossen Schwimmhalle wurde rasch erkennbar, dass es nicht so sehr darum ging, keine weitere Schwimmhalle in Anlehnung an das Egelsee bauen zu wollen. Das erklärt die unmittelbare Reaktion der Schulgemeinde, nun ein vergleichsweise nur etwas kleiner gestaltetes Bad in eigener Regie zu erstellen. Da nun die Schulgemeinde anscheinen nicht mehr „auf Rosen gebettet ist“, wurde das Projekt vorsorglich schon mal auf 2019 verschoben, wie zu lesen war. Bis dahin werden die Kosten zur Erstellung des kleineren, (sport-) funktionell eingeschränkten Hallenbades kaum geringer sein, als beim abgelehnten, grösseren (teilbaren) Olympiabecken (wobei damals der Ruf nach einer „Steuerreduktion“ den guten Absichten von Sport-Kreuzlingen wohl vollends den „Gnadenstoss“ gab – das sei doch noch vollständigkeitshalber angefügt). Was machte „Uster“ anders und besser, deren Abstimmende mit grosser Mehrheit ein ziemlich identisches Bad bei ziemlich identischen Kosten erstellen? Wäre mal politisch zu hinterfragen, um vielleicht davon zu profitieren!

      Worum geht es also im Kern: Wird eine Vorlage breit von der Öffentlichkeit wahrgenommen, breit evaluiert, ist also die Stimmbürgerin/ist der Stimmbürger (nicht nur die Räte) sehr früh mit einer Sache befasst, kann zum Beispiel politisch ausgelotet werden (mal angenommen, es ist in einem bestimmten Umfang zu finanzieren): 1. Brauchen wird das überhaupt? 2. Wo soll es realisiert werden? 3. Aufzeigen von konkreten Alternativen? 4. Welcher Umfang kann sinnvoll sein? Respektive 5. : Wo liegen die Grenzen der „behördlichen Begierde“? Dazu käme, 6., eine übergeordnete Planung als politische Vorgabe, was denn in den kommenden, sagen wir mal 5-15 Jahre, alles geschehen sollte, damit die Stadt „gut funktioniert“, sich gegenüber der „Konkurrenz“ behaupten kann. Dazu braucht es vorerst keine grossen „Planungsgelder“. Es benötigt vielmehr eine „Kreativität der Behörde“, wie eine möglichst deutliche „Transparenz“ der Öffentlichkeit zu präsentieren ist, ja wie diese Öffentlichkeit (zusammen mit den Räten) weitgehend in ein Projekt einbezogen werden könnte. Das Wissen wohin die Reise geht, würde letztlich für die Planenden zu einem unmittelbarer vergesellschafteten Prozess. Es wären schon mal einige Grundfragen grob geklärt. „Schiefgehen“ kann dann eine Vorlage noch immer, weil sich ein Bearbeitungsprozess meistens über mehrere Jahre hinzieht und sich vielleicht auch die sach-, wie die geldpolitische und auch politische Lage (!) geändert haben könnten. Verfährt man nicht transparent genug, schafft man besonders keine Alternativen (es gibt immer Alternativen!), so kann bereits der „Standort“, welcher ein einzelnes Projekt auszeichnen soll, ein Scheitern bedeuten. „Emotionen“ (Alexander Salzmann), zumal wirksam in einem historischen Kontext, sollten daher nicht unterschätz werden

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