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Ein Trauerspiel

Konstanz – Heute sollte letzter Tag im Scala-Kino Konstanz sein – ein Termin, den sich Cineasten aus der Region schon seit längerem vorgemerkt haben. Der Geschäftsführer des Lichtspielhauses macht den Fans nun aber einen Strich durch die Rechnung.

So kann man auch abtreten: Zettel an der Türe. (Bild: zvg)

So kann man auch abtreten: Zettel an die Türe und fertig. (Bild: zvg)

Ein letztes Mal in ihr geliebtes Scala-Kino gehen, das hatten sich etliche Film-Fans aus der Region für heute Abend vorgenommen. Die gemeinsame finale Filmsichtung sollte zugleich Trauerfeier werden. Mit einer Facebookveranstaltung wurde um Teilnahme geworben. «Dem Anlass angemessen werden wir alle dunkle Trauerkleidung tragen und – einer Beerdigung gleich – mit Blumen, Kränzen etc. unserer Stimmung Nachdruck verleihen. Lasst es uns pietätvoll zu Ende bringen und teilt Eure Erinnerungen an 78 Jahre Scala Konstanz mit uns. Bitte beachtet, dass man im Kino keine Kerzen anzünden darf!», so stand zu lesen.

Statt Ken Loachs Cannes-Gewinner und weiteren Filmen gibt es nun wohl nur den Trauermarsch. Mit zwei an die Türen des Kinos geklebten Zetteln lässt Geschäftsführer Detlef Rabe lapidar wissen, dass das Kino nun einen Tag früher als angekündigt schliesst. Der Grund: Sicherheitsbedenken.

«Wir haben erfahren, dass für die letzten Vorstellungen zu einer Art Beerdigungsaktion mit Fackeln, Kerzen, Särgen, Pickeln, Schaufeln & Co aufgerufen wurde», steht geschrieben. Ein solches Vorgehen könne er, auch wegen der Sicherheit des Personals, nicht erlauben. Das Kino bleibt geschlossen. Wer eine Karte im Vorverkauf erworben hat, bekomme das Geld zurückerstattet.

Dass Scala-Geschäftsführer Rabe sich nun aufführt wie eine beleidigte Leberwurst, dafür haben viele kein Verständnis. Auf dem Facebook-Profil der Initiative «Rettet das Scala» nennen Kritiker sein Verhalten «schäbig».

Der angekündigte Trauermarsch soll indes auch ohne Kinoabend stattfinden – und dies gleich zweimal. Der Seemoz-Blog ruft zur Besammlung vor dem Münster um 16 Uhr und zum anschliessenden Gang über den Weihnachtsmarkt auf. Vor dem Scala treffen sich die Kinofreunde um 20 Uhr und laufen dann zum Münsterplatz.

Dem Geschäftsführer wird es mit diesem Schnellschuss also nicht gelingen, schlechte Schlagzeilen zu vermeiden. Dafür hat er allen –  den Protestlern und solchen, die einfach noch einmal ins Scala wollten – einen schönen, letzten Kinoabend versaut.

Bekannt war, dass das Scala-Kino aus Gründen des Profits seine Pforten schliessen muss, wogegen es Proteste gab. Als Termin wurde zunächst Ende 2016 angekündigt. Dieser wurde dann um einen Monat vorverlegt und nun ganz abgesagt. Das Scala soll im Cine-Star einen Raum erhalten und dort das bekannte Programm weiterführen. Detlef Rabe ist am Cine-Star beteiligt.

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2 thoughts on “Ein Trauerspiel

  1. Bruno Neidhart

    Das war von Herrn Rabe eine vernünftige Entscheidung. Besonders wenn der linke Seemoz-Blog aufruft, wird es in der Regel zu einem politischen Allotria. Der Kinobetreiber hätte das nicht verdient! Herr Rabe hat Jahrzehnte ein schönes Independent-Programm auf die Beine gestellt. Andere in der Stadt hätten dies auch machen können. Ich erinnere mich gerne – nur um ein Beispiel zu nennen – , als Herr Rabe Filme von Andrej Tarkowskij zeigte, bei denen manchmal auch nur wenige „Cineasten“ zugegen waren, die sich für eine solch aussergewöhnliche, rätselhafte Bildsprache zwischen Ästhetik und Poesie interessierten. Herr Rabe hielt durch. Dafür ist ihm wirklich fest zu danken! Dank auch an seine stets freundlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

    Dass er nun das Kino an der Markstätte aufgibt – oder sich wohl aus Rentabilitätsgründen konzentrieren muss, ist ohne Zweifel sehr zu bedauern. Natürlich fehlt dann in der Stadtmitte ein Stück Kinokultur (Kreuzlingen „verlor“ gleich drei Kinos – ein besonderer Kulturverlust!). Herr Rabe versucht, wie zu lesen ist, nun als kleinen Ersatz wenigsten im Cinestar, an dem er beteiligt ist, einen Saal „independent“ einzurichten. Das ist schon mal gut und sollte von den vielen Enttäuschten auch honoriert werden.

    „Kulturpolitisch“ ging es bei der Kampagne, wie es mir scheint, wesentlich um den Wechsel: Kino raus – Drogerie rein. Besser: Kultur raus – Kommerz rein. Aber das ist heute in jeder Stadt zu beobachten, gegen das es noch keine Lösung gibt – es sei denn, Private haben soviel Mut (den Herr Rabe langezeit hatte), „Kultur in der Innenstadt“ als Investition zu sehen. Oder eine Stadt subventioniert die Idee einer Gruppe „enthusiastischer Cineasten“. Dann ran! Und möglichst viel Eigeninitiative. Und jeden Abend ehrenhalber dabei sein. Sonst geht sowas in der heutigen, überkommerzialisierten Zeit tatsächlich ganz schnell schief.

    Bei der aufgeregten Konstanzer Angelegenheit: Kino gegen Drogerie wurde immer wieder mal auf Arthouse verwiesen. Solche Kinos sind heute in großen Städten eher auch mal Luxuskinos – inklusive Abendessen! In kleineren, wie Dislaken z.B., wird dann aber bei Arthouse eben auch „Ostfriesisch für Anfänger“ gezeigt! Das heisst: Ein nicht subventioniertes Kino soll sich rentieren! Das ist auch richtig so. Daher habe ich überhaupt nichts dagegen, wenn „in meinem Quartier-Kino“ (zum Glück gibt es noch so was!) auch öfter mal Kinderfilme gezeigt werden. Da steht dann eine muntere Kinderschlange mit Müttern und Vätern vorm Eingang (vielleicht sogar zukünftige Cineasten!). Gestern um 18 Uhr, bei „Jeder stirbt für sich allein“ (nach Hans Fallada), waren es dann eben gerade mal 20-25 Cineasten gewesen. Nur ein Mix macht heute noch ein – mehr oder weniger – unabhängiges Kino möglich. Das ist immer zu bedenken, sollte in der „Konstanzer City“ tatsächlich wiedermal Kinokultur gezeigt werden können. Mir scheint, dass es allein die Abstinenz der Filmkultur inmitten der Stadt ist, was besonders erregt – repektive der Austausch mit einer Drogerie. Also mehr ein Politikum. Independentfilme könnte man sonst ja auch im Lago besichtigen. Das „Zebra“-Kino liegt viel weiter von der City entfernt! Lago ist dagegen geradezu Innenstadt – wenn auch nicht Marktstätte. Das ist richtig. „Scala“ ist wirklich ein Verlust. Das weiss auch Herr Rabe.

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  2. Stefan Böker

    Es geht hier nicht darum, die Geschichte der Scala-Schliessung nochmal aufzuarbeiten, werter Herr Neidhart, oder Theorien aufzustellen, wie man ein Programmkino führen soll. Der Plan war, ein letztes Mal ins Scala zu gehen und einen würdigen Abschied zu feiern. Eventuell tatsächlich mit einem Buffet, wie auf Seemoz scherzhaft angekündigt? Manche kommen halt theatralisch schwarz gekleidet, andere einfach, um dort einen guten Film zu sehen. Das zerstört Detlef Rabe mit seiner beleidigten Aktion, und ich gehe mit der Meinung der Scala-Initiative d’accord, dass so etwas schäbig ist. Das vorgeschobene Argument, man fürchte um die Sicherheit von Laden und Personal, ist lächerlich. Wer an der ersten Demonstration gegen die Schliessung zugegen war, hat gesehen, wie das ablief. Fast schon peinlich war es den Anwesenden, auf der Strasse zu stehen, und das Maximum an Agressivität war es, verhalten Slogans zu rufen (und nicht mal das wollte so richtig funktionieren). Jetzt so zu tun, als seien hier Krawallmacher am Werk oder Randale-Profis, ist einfach nur bescheuert und kindisches Foul-Play. Herr Rabe weiss also um den Verlust? Dann wäre es schön gewesen, wenn er einen letzten Abend nicht nur zugelassen, sondern sogar aktiv mitgestaltet hätte.

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