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«Im Theater spielte ich immer die Männerrollen»

Region – Geboren im falschen Körper: Alexander unterzieht sich zurzeit einer Hormontherapie um seinen Körper seiner Geschlechtsidentität anzugleichen. Sein Weg dahin war lang und beschwerlich, doch kann er durch die äusserliche Veränderung endlich sich selbst sein.

Schon im Kindesalter versuchte Alexander, den gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen. (Bild: vf)

Schon im Kindesalter versuchte Alexander, den gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen. (Bild: vf)

Der 19-jährige Alexander (Name geändert) bekommt alle drei Wochen Testosteron-Spritzen. Er ist ein junger Transmann. Transmenschen wurden aufgrund ihrer äusseren  Geschlechtsmerkmale bei der Geburt für das jeweils andere Geschlecht gehalten. Laut Henry Hohmann, Präsident des Transgender Network Switzerland, leben in der Schweiz schätzungsweise 40000 Transmenschen. Diese Zahl lehne sich an eine niederländische Studie an. So heisse es in der Studie, dass eine von 200 Personen sich in irgendeiner Art nicht, oder nicht vollständig, mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren könne. Wie viele Transmenschen versuchte Alexander lange der gesellschaftlichen Rolle eines Mädchens gerecht zu werden. So sehr er es auch versuchte, es gelang ihm nicht und in seiner Pubertät redete er sich dann ein, er sei komisch und unfähig, freundschaftliche Kontakte zu Mädchen aufzubauen. «Ich dachte, vielleicht bin ich einfach ein Mensch, den man nicht so gerne mag», so der Teenager. Alexander habe sich dazu gezwungen mit Puppen zu spielen, weil er dazugehören wollte und wusste, dass sich seine Eltern immer eine Tochter wünschten. Doch eigentlich fand er die Playmobilfiguren seines grossen Bruders viel interessanter. Alexander ging immer gerne zur Schule, er besuchte ein Mädcheninstitut in der Region. «Ein sehr wichtiger Bestandteil meines Stundenplans war die Theater AG. Dort konnte ich in Rollen schlüpfen und oft mehr ich selbst sein als im Alltag. Wenn ich heute darüber nachdenke, fällt mir auf, dass ich mich immer für Männerrollen entschieden habe. Auf der Mädchenschule waren viele froh darüber und ich fand die Rollen immer interessanter», erzählt Alexander. «Ich glaube, ich habe dort vor allem sehr viel Anerkennung erfahren, und das tat mir gut.»

Suche nach Gründen
Dennoch merkte er bald, dass er sich nicht wohl fühlte im Kreis der Mädchen. Das hatte schwerwiegende Folgen: Alexander suchte nach Gründen für seine Unbeliebtheit. Er gab seinem Körper die Schuld, dachte, er sei zu dick oder nicht hübsch genug. Darauf folgten im Alter von 16 Jahren die Magersucht, Depressionen und damit ein monatelanger Aufenthalt in einer Klinik. Bis zu diesem Zeitpunkt war sich Alexander noch nicht darüber bewusst, was die wahren Gründe seines Leidens waren.

Schluss mit der Mädchenrolle
«Nach dem Klinikaufenthalt hatte ich viele Probleme durch Gespräche aufgearbeitet, die sich in den Jahren zuvor angesammelt hatten. Grösstenteils ging es um familiäre Angelegenheiten und so hatte ich dann Freiraum, mir Gedanken über mich selbst zu machen», sagt Alexander drei Jahre später. Nach Ende des Klinikaufenthalts habe er zum ersten Mal daran gedacht, dass es vielleicht sein weiblicher Körper ist, in dem er sich nicht wohl fühlt. Zu dieser Zeit war Alexander in einer Beziehung mit einem Jungen und nahm dort die Mädchenrolle ein. «Das war eine ausschlaggebende Situation, in der ich gespürt habe, dass das nichts ist, was ich möchte. Ich fühlte mich nicht als das Mädchen in der Beziehung und wollte das auch nicht sein», sagt der Jugendliche selbstbewusst. «Drei Tage, nachdem ich die Beziehung beendet hatte, schnitt ich mir die Haare und begann Jungsklamotten anzuziehen», erklärt er. Später band er sich auch die Brüste ab. Zuerst fühlte sich Alexander wohl damit, doch darauf folgte eine tiefe Identitätskrise. Er fühlte sich bei den Mädchen nicht zugehörig und dennoch war er sich unsicher, ob er ein Transmann sein könnte. «Natürlich hatte ich schon von Transmenschen gehört, dennoch habe ich nicht daran gedacht, dass ich selbst dem falschen Geschlecht zugeordnet sein könnte,» berichtet Alexander. Nachdem er sich weiter damit beschäftigte, wurde er sich immer mehr seiner männlichen Geschlechtsidentität bewusst.

Schulwechsel als Neustart
Seine grosse Chance sah er im Schulwechsel. Bei der Anmeldung bat er die Schulleitung, ihn als Alexander in der Kartei zu führen und ihn auch als solchen bei den Lehrern vorzustellen. Er stiess auf Kooperation und Verständnis. Eine Erfahrung über die er immer noch sehr dankbar ist. Alexander ist sich sicher, dass es die beste Entscheidung gewesen sei, die er bisher in seinem Leben getroffen hat. Seit dem Neuanfang in der Schule hat sich einiges getan: Er hat bereits seine Familie und seinen Freundeskreis mit seiner männlichen Geschlechtsidentität vertraut gemacht und nach mehreren Gutachten, mit einer Hormontherapie begonnen. Seit dem Coming-out hat sich Alexanders psychische Gesundheit stabilisiert, seine Depressionen wurden weniger und die Magersucht scheint er überwunden zu haben. «Seit ich mich geoutet habe, stand mir mein Gewicht nicht mehr im Weg», stellt er zufrieden fest. Über weitere Schritte wie beispielsweise eine geschlechtsangleichende Operation denkt der Teenager auch nach.
Das Schweizer Krankenkassensystem ist, was die Kosten der Hormontherapie und der Operationen anbelangt, recht fortschrittlich. So gehören diese Massnahmen laut Hohmann in der Schweiz zu der Grundversicherung. Dies hiesse aber keineswegs, dass der Weg ein einfacher wäre. Man brauche erst zahlreiche Gutachten, die den Leidensdruck der Person zu bestätigen. Das Transgender Network Switzerland gibt Transmenschen und ihren Angehörigen in allen Phasen ihres Weges Hilfestellungen. Seien es erste Gespräche zum Thema, Empfehlungen von Ärzten und Psychologen, bis hin zu rechtlicher Hilfe und Eingliederung ins Arbeitsleben.

Ausgrenzender Arbeitsmarkt
Die mit 20 Prozent erschreckend hohe Arbeitslosigkeit unter Transmenschen, verglichen mit den sonst rund vier bis fünf Prozent in der Schweiz, signalisieren, dass Transmenschen mit Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft zu kämpfen haben. Auch dagegen tritt das Transgender Network Switzerland ein. «Das Thema ist bei Arbeitgebern noch nicht verankert.» Deshalb haben sie mit dem eidgenössischen Büro für Gleichstellung von Frau und Mann ein staatlich unterstütztes Projekt gestartet, welches Transfrauen und Transmännern die Chance geben soll, im Arbeitsumfeld zu bleiben oder sie in Arbeit zu vermitteln. «Wir arbeiten momentan mit grossen Unternehmen, die ein Diversity Management haben und bereit sind, Transmenschen im Unternehmen einzugliedern», so der Präsident. Obwohl es noch viele Bereiche gibt, an denen die Transgender Community und die Gesellschaft zu arbeiten hat, klingt Henry Hohmann optimistisch: «Ich würde sagen, in den vergangenen fünf Jahren hat sich viel getan. Es ist gelungen, dass das Thema in den Medien präsent ist. Natürlich sind die Medien mal beste Freunde und mal beste Feinde, dennoch ist es ein Erfolg, wenn nach einer schlechten Berichterstattung auch nur ein Transmensch den Schritt wagt, sein Leben zu ändern.» Auch Alexander blickt hoffnungsvoll in die Zukunft und möchte anderen Jugendlichen und Erwachsenen Mut machen: «Egal wie schwer der Weg bisher war, es hat sich gelohnt und ich denke, soweit es das Umfeld zulässt, ist eine offene Art der beste Weg damit umzugehen.» Auf der umfangreichen Homepage des Transgender Network Switzerland (www.transgender-network.ch) finden Interessierte zahlreiche Informationen zum Thema, zu Veranstaltungen und Transgender-Treffen in der Nähe. Ausserdem hat man die Möglichkeit Kontakt aufzunehmen und eine Vielzahl weiterer Organisationen und Vereine zu entdecken.

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