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Lebensmittelabgabe läuft sehr gut

Kreuzlingen – Das Projekt «Open Place» der Evangelischen Kirchgemeinde und die «VerwertBar» ergänzen sich wunderbar. Über den Essensverteiler und das Café entstehen vielfältige Begegnungen für jedermann. Auch das kulturelle Programm kann sich sehen lassen.

Ruckzuck sind die Kisten leer: Beni Merk (r.) und das Team der «VerwertBar» verteilen in Kurzrickenbach (nicht nur) an Bedürftige Essen. (Bilder: sb)

Es ist kalt und neblig. Doch die Wartenden vor der Kirche Kurzrickenbach sind gut eingepackt. Die meisten der rund 35 Erwachsenen haben auch schon einen wärmenden Tee, einen Kaffee oder ein Gipfeli im Haus Weisser bekommen. Die Atmosphäre ist herzlich und sie haben Rucksäcke dabei oder Tragetaschen. Denn von 10 bis 10.30 Uhr findet in der Sakristei jeden Dienstag und Freitag die Essensausgabe des Vereins «VerwertBar» statt. Zeitgleich ist das Café des Projekts «Open Place» für jedermann geöffnet.

«Anfangs hatten wir einfach offene Kühlschränke, aber das hat nicht funktioniert», erklärt Vereinspräsident Beni Merk. Um Gerangel vorzubeugen, führte das Team ein Kartensystem ein, über das die Anwesenden in Gruppen zwischen den vollen Kisten hindurch geschleust werden. Alle erhalten auf diese Weise gleich viel.

Sonst wird es weggeschmissen
An diesem Dienstag gibt es viele Backwaren, vom grossen Brot über Brezeln bis zur Zwiebelwähe. Getränke wie süsser Sprudel stehen bereit sowie Obst und Gemüse. Die Lebensmittel werden von Läden gespendet, die sie sonst in die Tonne schmeissen müssten. Die Vereinsmitglieder holen diese eigenhändig ab.

«Wir bekommen viele Sachen vom Lidl», freut sich Merk. Auch die Bäckereien Bürgin, Mohn und Blaue Eule sind mit an Bord, Gemüsehändler wie «salat.ch», die Getränkehändler Blaser und Schützengarten. «Daneben hat es auch kleinere Geschäfte», lobt er. «Leider keine weiteren Discounter. Mit ihnen könnten wir das Angebot noch weiter ausbauen.»

Drinnen in der Sakristei instruieren die Helfer ihre «Kunden». «Hier nur eine Ware nehmen», sagt eine Dame, wenn durch die Schilder allein nicht verständlich ist, wie viel man nehmen darf. Mit zufriedenen Gesichtern und vollen Taschen gehen die Männer und Frauen wieder nach draussen. Viele wollen nicht sofort nach Hause, sondern setzen sich noch auf einen Kaffee zusammen.

«Es kommen zwar viele Bedürftige, aber unser Projekt richtet sich nicht nur an sie», erklärt Merk. «Es geht darum, etwas gegen Lebensmittelverschwendung zu tun.» Deswegen sind auch Leute willkommen, die sich ihre Tomaten eigentlich im Laden kaufen könnten. Merk: «Unser Ziel ist es, Menschen zusammenzubringen. Menschen, die sonst vielleicht nicht miteinander reden würden.»

Eine Helferin verteilt Karten mit Symbolen. Diese werden später ausgerufen. Drinnen weisen Schilder darauf hin, wie viel die Nutzer nehmen dürfen.

Das deckt sich mit dem Anspruch des «Open Place». Weil die «VerwertBar» so oft stattfindet und so viele Menschen anzieht, bezeichnet Pfarrer Damian Brot sie mittlerweile gar als «Herzstück» des Projekts. Mit einem Team aus Kirchenangestellten und Freiwilligen machte er sich im Herbst 2014 daran, aus dem Haus Weisser ein offenes Haus für jedermann zu machen, einen Treffpunkt für alle, aber gerade auch für Menschen in einer schweren Situation. Seitdem hat sich das Vorhaben prächtig entwickelt. Vom Suppen-Zmittag über Gesprächskreise und «Märchen für Erwachsene» bis hin zur Kreativgruppe oder der Reihe «Café-Treff Philosophie» hat sich im Haus Weisser ein regelmässiges Angebot etabliert.

Heiligabend geöffnet
Die «VerwertBar» und das Café im Haus Weisser an der Bleichestrasse 11 haben an Weihnachten ab 18.30 Uhr geöffnet. Es ist der letzte von drei Samstagen, an denen die Verantwortlichen einen neuen Termin versuchsweise ausprobierten. Es hat sich herausgestellt, dass der Samstag als Abgabetermin sehr gut funktioniert. Bis zu 50 Menschen kamen jeweils.

«Wir wollen Begegnungen ermöglichen und den Menschen helfen», erklärt Pfarrer Brot. «Dazu gehört, dass sie Annahme und Wertschätzung erfahren, aber auch mit Problemen zu uns kommen können.» Damit meint er nicht allein finanzielle Unterstützung, welche arme Menschen in Notsituationen ja gewohnt sind, bei einem Pfarrer zu holen. Viel wichtiger ist Pfarrer Brot die ganzheitliche Hilfe. Zuhören, beraten, notfalls weiter begleiten, wenn eine Fachstelle hinzugezogen werden muss. «Viele Leute, die hier her kommen, sind allein, psychisch angeschlagen oder haben kein Geld», fasst er zusammen.

Das Team des «Open Place» muss dazu immer professioneller arbeiten und kann Weiterbildungen besuchen. Pfarrer Brot selbst denkt sogar über eine Ausbildung in Psychosozialer Beratung nach. Neben der Weiterbildung will er die Vernetzung mit anderen Organisationen wie dem Sozialamt, der Perspektive Thurgau oder dem Atelier des Vereins für Sozialpsychiatrie in Münsterlingen weiter vorantreiben. Die Teammitglieder sollen vom Wissen der Experten profitieren. Gemeinsame Projekte wie eine Ausstellung sind angedacht.

Von der Kirchenbehörde erfährt er dabei volle Unterstützung. «Für mich ist Pfarrer Brot ein Pionier», lobt Kirchenpräsident Thomas Leuch. «Wie ein Kurzrickenbacher Pfarrer Sieber.»

Wer Ideen hat und im «Open Place» selbst etwas auf die Beine stellen will, ist willkommen: Damianbrot@evang-kreuzlingen.ch.

Verein «verwertBAR», c/o Beni Merk, Hauptstrasse 87, Postfach 188, 8280 Kreuzlingen

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