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Liebe, Tod und ein Kaffee

Konstanz – «Schwarz ohne Zucker» ist ein Stück, das extra für die beiden Schauspieler geschrieben wurde. Die Vertrautheit dieser beiden Theatergrössen ist spürbar und macht das Stück wunderbar warmherzig. Zu sehen ist die Inszenierung am 31. Dezember jeweils um 18 und um 22 Uhr in der Werkstattbühne am Stadttheater.

Hermann Beyer und Irma Münch spielen phantastisch. (Bild: Bjørn Jansen)

Man darf das Alter einer Dame ja nicht verraten. Im Fall von Irma Münch müsste man eigentlich eine Ausnahme machen – umso beeindruckender wird die schauspielerische Leistung der Grande Dame des Theaters. Seit über 65 Jahren steht sie auf den grossen deutschen Bühnen. Mit «Schwarz ohne Zucker» spielt sie eine Passage aus ihrem eigenen Leben: eine Frau, die soeben ihren Mann verloren hat. «Vor sechs Jahren ging mein Mann spazieren und kam nicht mehr zurück», so die Schauspielerin, «für mich ist es aufgrund des Erlebten leichter die Rolle zu spielen, als für Hermann Beyer.»

Auch er ist im Stück mit dem Tod seiner Ehefrau konfrontiert, diese starb vor 15 Tagen. Beide Figuren begegnen sich auf dem Flur im Krankenhaus, vor einem Kaffeeautomaten. Er hat soeben die Hinterlassenschaften seiner Frau überreicht bekommen, sie die Botschaft über den Tod ihres Mannes. Beide wissen nicht wohin damit, wohin mit sich – sie verweilen im Moment, unterhalten sich, halten sich fest am jeweils anderen.

Im Dialog stellen sie fest, dass sie es in ihren Ehen verpasst haben ein letztes Gespräch zu führen, das alle Unebenheiten und Schürfwunden der letzten Jahrzehnte bereinigt hätte. In einem Gespräch über die Biographien ihrer Lebenslieben gehen die Protagonisten manchmal so tief, dass es den Anschein hat, sie würden mit ihren verstorbenen Partnern sprechen. Sie offenbart, dass sie von der jahrelangen Affäre ihres Mannes wusste. Dass sie Hotelrechnungen, Briefe und trockene Blüten in den Hosentaschen fand – eine Dokumentation des Betruges.
Er schnaubt wütend auf. Betrug? Aber es ist doch kein Betrug, wenn man sich eine Geliebte gönnt. Er habe das zeitlebens strikt von seiner Ehe getrennt. Auch den Begriff des Fremdgehens will er sich nicht gefallen lassen. Man sei sich ja nicht fremd, die Sekretärin habe man schliesslich sehr gut gekannt.

Komisch wirken diese Dialoge. Komisch, traurig und tröstend. Sehr nahe am Leben sind sie. Das wird ganz subtil am Rande untermalt mit kleinen Szenen. Wenn er versucht den Kaffeeautomaten zu bedienen. Vergebens. Sie rettet ihn mit einer überlegenen Lässigkeit. Oder wenn sie ihre Handtasche auspackt und in unendlichen Sedimenten, zwischen Taschentüchern und einem Bund Frühlingszwiebeln, ihr Mobiltelefon findet.

Bleiben oder gehen?
Zwischen alltägliche Kleinigkeiten fallen die grossen Fragen des Lebens und der Liebe. Allen voran: Ist es leichter zu bleiben oder zu gehen? In der heutigen Zeit wird jede dritte Ehe geschieden. Eine Diamanthochzeit wird zur Rarität. Ist das Modell der seriellen Monogamie besser als das der langen Beziehungen? Das Stück zeigt die Antwort hierauf. Man hat einen Menschen, den man so gut kennt, dass er zu einem Teil der eigenen Geschichte, der eigenen Persönlichkeit wird, ein Zuhause. Dafür muss man durch ein paar Tiefen hindurch. Beispielsweise, dass man sich in der Dunkelheit der Wohnung, auf den Mann wartend, fühlt wie ein Möbelstück. Oder dass man das gemeinsame Leben verlässt, einen Abschiedsbrief schreibt, den die Frau nicht liest, und dann wieder zurück kehrt, ohne dass jemand die Kapitulation bemerkt.

Was ist leichter: Zu bleiben oder zu gehen? Hier sind sich die Schauspieler unsicher. Hermann Beyer sieht das Gehen als schwieriger an, vor allem wenn eine Familie im Spiel ist: «Oft wird mehr geblieben, obwohl gegangen werden müsste.» Münch entgegnet darauf: «Ich wäre oft gerne gegangen!» Sie sieht die Schwierigkeit im Bleiben, im Ausharren von Situationen, in denen es leichter wäre zu gehen, um irgendwo anders neu zu beginnen.
Münch war selbst 55 Jahre verheiratet und ist sich sicher, dass es keinen besseren Mann gegeben hätte. «Ich hatte klare Kriterien, die ein Mann erfüllen musste: Die gleiche Weltanschauung und das Verhältnis zum Menschen. Arroganz, Gleichgültigkeit und fehlendes Mitleid hätte ich nicht ertragen.»

Der Traum vom anderen
Eine andere Frage, die sich auftut, ist warum man einem Kind eine eigene Welt zugestehen kann, ja dies sogar bewundert und liebevoll betrachtet, einem Partner aber bringt man diese Eigenschaft nicht entgegen. Warum ist es so schwer dem eigenen Mann eine Geliebte zu gönnen, der eigenen Frau eine «intime Freundschaft»? Warum kann man diese Freiheit des anderen so schwer aushalten und warum tut es so weh, wenn der andere von einer Welt träumt, die abseits liegt vom Alltäglichen, vom eigenen Zuhause, von der Gewohnheit?
Weil man es verstehen möchte und gleichzeitig nicht darüber sprechen kann, so die Antwort, die im Stück gegeben wird. Ein Gespräch ist es also, was ans Herz gelegt wird. Setzt euch zusammen, ihr Paare dort draussen, geht in das Stück «Schwarz ohne Zucker» und danach in ein Café. Unterhaltet euch, bei einer Tasse Kaffee über eure Träume, Wünsche und die Welten in denen ihr von Zeit zu Zeit wandelt. Bleibt zusammen, für einen Augenblick und für das ganze Leben.

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