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Die irrsinnigen Verwobenheiten von Theater und Politik

Konstanz – Prof. Dr. jur. Dr. phil. Christoph Nix ist Juraprofessor und Intendant am Stadttheater Konstanz. Zusätzlich zu seinem juristischen Titel hat er nun an der Universität in Bern geisteswissenschaftlich promoviert. Mit seiner Dissertation «Theater_Macht_Politik» legt er eine wissenschaftliche Studie und zugleich eine Abrechnung mit dem Kulturbetrieb vor.

Das Stadttheater ist ein politischer Betrieb mit politischer Botschaft. (Bild: ek)

Was für ein Titel! Theater_Macht_Politik – wie mit Hammerschlägen auf das Cover geknallt, so klingt die Dissertationsschrift von Christoph Nix, die ihm zusätzlich zu seinem Prof. Dr. jur. nun auch noch ein Dr. phil. vor dem Namen beschert. Manchen Promovierenden wurde schon vorgeworfen, dass es ihnen um die Buchstabenkürzel vor dem Namen gehe und nicht um den die wissenschaftliche Forschung. Diesen Vorwurf kann man dem Intendanten des Stadttheaters nicht machen. Es ist klar ersichtlich, dass es um den Inhalt geht. Nix will über Politik sprechen. Das tut er nicht zum ersten Mal, nun aber so, dass er wissenschaftlich korrekt zitiert werden kann. Für eine Dissertation eher knapp ist der Umfang des Buches mit 230 Seiten. Enthalten ist neben kritischer Theorie auch eine empirische Forschung, die Nix betrieben hat. An 146 deutsche Theater sowie zwölf Institutionen in der Schweiz und 15 in Österreich wurde ein Fragebogen mit neun Punkten verschickt. Diese beinhalten die Einschätzungen der Intendanten zu ihrem persönlichen politischen Aktionismus und ihre Meinung zur allgemeinen Situation der Institution «Theater». In der theoretischen Vorarbeit, die Nix leistet, um seine Empirik einzubetten, wird die Dialektik des Titels aufgearbeitet: Theater macht Politik, Politik macht Theater und dann ist da noch die Macht als Substantiv. Wer hat denn nun Macht? Das Theater als Institution? Politische Entscheide über Kulturgelder? Der Intendant als politischer Akteur? Diese Fragen klärt Nix Schritt für Schritt. Politisches Theater der Neuzeit hat sich aus der Avantgarde entwickelt, einen Tiefpunkt im Nationalsozialismus erlebt, sich anschliessend in neuer Schärfe offenbart – man denke an Berthold Brecht – um ebendiese nun wieder zu verlieren, so der Vorwurf der Allgemeinheit und auch ein persönlicher von Intendant Nix, der zwischen jeder Zeile mitschwingt und ganz offen zum Ausdruck kommt, wenn es darum geht, dass das Theater eine politisierte Institution ist. Von aussen betrachtet erscheint ein Kulturbetrieb als eine Hochburg von Kreativität und geistiger Leistung. In einem Theater wird Literatur lebendig. Bilder werden kreiert, Dialoge geschrieben, Musik komponiert. Hier arbeiten künstlerisch ausgebildete Menschen: Schauspieler, Bühnenbildner, Regiesseure, Dramaturgen, Requisiteure, Kostümbildner, Musiker, Maskenbildner, Lichttechniker und viele mehr.

Kunst trifft auf Bürokratie
Nix fügt dem noch eine zentrale Figur hinzu: der Angestellte im Kulturbetrieb. An ihm kritisiert der Intendant, dass es sich nicht um einen kreativen Freigeist handle, sondern um einen studierten Buchhalter, der sich im Rahmen von Vorschriften und Aktenablagen wohlfühlt. Das ist das Theater nämlich auch: ein städtischer Betrieb mit strengen Regelkatalogen, Lohnsystemen wie im öffentlichen Dienst und Bezuschussungen von öffentlichen Geldern. Es kollidieren also zwei Welten. Die des Beamtentums und die der Kunst. Die Schnittstelle liegt bei den Intendanten. Und einer von ihnen, Christoph Nix, kritisiert sie alle: Der gedankliche Horizont sei eingeschränkt auf die Bereiche der lokalen Kulturpolitik. Und daraus folgt die Schlussfolgerung: Keine politische Positionierung des Intendanten, keine politischen Inhalte im Theater.

Zweifach promoviert: Prof Dr. jur. Dr. phil. Christoph Nix. (Bild: Ilja Mess)

Wer ist Christoph Nix?
Wer ist nun aber dieser Nix, dass er einen solchen Vorwurf erheben kann? Beginnen wir mit seiner Karriere als Jurist. Er selbst sagt, dass er diesen Berufsweg eingeschlagen hat, weil er kriminell war. Im jugendlichen Leichtsinn hat er sich dem Vandalismus hingegeben und stand daraufhin vor Gericht. Um sich zu schützen, hat er daraufhin Jura studiert. Zeitgleich war er aber immer in Theatern tätig, auch eine Ausbildung zum Clown kann er vorweisen. Seit elf Jahren ist er nun Intendant im Stadttheater Konstanz. Dort engagiert er sich lokalpolitisch, stets mit dem fundierten Fachwissen eines Juraprofessors und der scharfen Zunge eines Freigeistes, der keine Angst hat. So kann es schon einmal passieren, dass er den Oberbürgermeister derart provoziert, dass ihm Einhalt geboten wird in Form eines Schreibverbotes. Auch bei kulturpolitischen Themen der Stadt ist Nix der Reissnagel im Schuh. Ein gemütlicher Spaziergang durch Gemeinderatsbeschlüsse und Stadtratssitzungen? Nicht, wenn Nix dabei ist. Intern hat der Intendant eine Leistung hervorgebracht, für die das Theater Konstanz überregionales Lob kassiert. Die Besucherzahlen sind hoch. Hollywood kommt zu Besuch und macht ein Stück, dass es unter die Top 10 der Deutschen Inszenierungen 2016 geschafft hat: Neil LaButes «Onkel Wanja» (wir berichteten). Nix wird als «eine der schillernsten Theaterpersönlichkeiten» bezeichnet und für seinen unermüdlichen Drang des Unruhestiftens gelobt. Er gibt jungen Kunstschaffenden an seinem Haus die Möglichkeit sich auszuprobieren und zu beweisen. Hier weht so manches Mal ein rauer Wind und die jährlichen Gespräche ob einer Verlängerung des Arbeitsvertrages hängen über der Belegschaft, die nicht Teil des öffentlichen Dienstes sind, wie ein Damoklesschwert. Er liefert sich dem Konflikt aus, der Politik und Theater inne wohnt, und kämpft auf all seinen Ebenen. Was ihn aufhalten könnte? Nix.

Christoph Nix: Theater_Macht_Politik – Zur Situation des deutschsprachigen Theaters im 21. Jahrhundert
230 Seiten, 2016, Theater der Zeit, 18 Euro.

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