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Und wo schläfst du heute Nacht?

Region – Bei den aktuellen Temperaturen ist eine Übernachtung im Freien lebensgefährlich. Dennoch gibt es Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben. Das sei deren freie Entscheidung, teilen uns die Behörden auf Anfrage mit. Es werde niemand auf der Strasse gelassen, der dies nicht ausdrücklich möchte. Karitative Institutionen haben eine andere Sicht.

Auch bei Schnee und Kälte schlafen manche Menschen draussen. (Bild: vf)

Davit V. sitzt vor dem Konstanzer Münster und spielt Gitarre. Es herrschen Minusgrade im zweistelligen Bereich, ein kalter Wind weht durch die Gassen. Die wenigen Passanten klappen ihren Mantelkragen hoch und fluchen, wenn sie ihre Handschuhe vergessen haben. Schnell eilen sie wieder in die warme Stube oder in die Badewanne. Nicht so Davit V. Er sitzt in der Eiseskälte und macht Musik. Wieviel er heute schon eingenommen hat? «Nichts», sagt er, «den Menschen ist es zu kalt, um stehen zu bleiben». Wo er heute Nacht schlafen wird? «Draussen», sagt er. Unglaublich, möchte man meinen, dass ein Mensch bei diesen Temperaturen dazu gezwungen ist, die Nacht im Freien zu verbringen. Auf Anfrage bei den Behörden erfahren wir, dass dem nicht so ist. Niemand müsse auf der Strasse schlafen. Es gibt ein breites Hilfsangebot in der Region. In Kreuzlingen sieht man selten Menschen ohne Obdach. Das hat auch einen Grund, sagt Barbara Kern, Stadträtin Departement Soziales: «Bei uns müssen Menschen, die bei der Sozialhilfe gemeldet sind, nicht auf der Strasse leben, da alle ein Obdach haben. Für diese Menschen bezahlen wir die Miete. Um Sozialhilfe in Kreuzlingen zu erhalten, gibt es klare gesetzliche Vorgaben. Für durchreisende Personen können  wir uns nicht verantwortlich zeigen, hierfür gibt es kein Budget. Es bekommt niemand, nur weil er in Kreuzlingen gemeldet ist, die Miete bezahlt.» In Kreuzlingen gibt es keine Einrichtung  für obdachlose Menschen. Wenn sich jemand meldet, wird lediglich auf die günstigen Unterkünfte in der Stadt hingewiesen.

Zur Not ins Hotel
Pfarrer Brot von der evangelischen Kirche berichtet, dass er einen Hilfsbedürftigen nicht vor verschlossener Tür stehen lassen würde. Zu ihm kommen Menschen in Not. Das Café «Open Place» und das Projekt «VerwertBar» sind Stellen, an denen man Nahrunsmittel erhält, sich aufwärmen und austauschen kann. «Hier finden die meisten Menschen privat Kontakte, bei denen sie unterkommen können. Es gibt Menschen, die kein Obdach haben, aber niemanden, der draussen schlafen muss», so Pfarrer Brot. «Zur Not würden wir ein Hotelzimmer zahlen.» Der Leiter des Pastoralraums Region Altnau, Diakon Matthias Loretan, hatte eine Notschlafstelle gefordert, als er noch in Kreuzlingen tätig war. Damals und auch heute braucht es einen Platz für Passanten, niemandem vor Ort, der durchs soziale Raster fällt. Tobias Kuhnert, Sozialarbeiter der Caritas in Weinfelden berichtet ebenfalls von Umherreisenden. Diese kämen zu ihnen, auf der Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit. In seltenen Fällen kämen auch Leute, die durch Beziehungskonflikte plötzlich auf der Strasse stehen. «Ich arbeite intensiv daran, im Kanton Thurgau Möglichkeiten für Notschlafplätze, die gratis sind, zu finden. Hierfür stehe ich in Kontakt mit Pfarreien und Sozialdiensten. Es gibt bislang keine Stelle, an der man flexibel Leute unterbringen könnte», so Kuhnert. Die Heilsarmee in Amriswil biete zwar einige wenige Plätze an, diese sind aber nicht kostenlos. Damit sieht Kuhnert das Angebot als erschöpft an. Ennet der Grenze, in Konstanz, besteht ein Angebot an Notunterkünften. Hier gibt es 15 Schlafplätze für Menschen ohne Obdach, bei Mehrbedarf werden Zimmer in einem Hostel angemietet. «Es muss niemand in der Kälte schlafen», so Klaus Holzer von der Stadt Konstanz. «Wir haben eine Tageseinrichtung für Menschen ohne Obdach am Lutherplatz. Dort gibt es Essen sowie die Möglichkeit Wäsche zu waschen oder fernzusehen. Und wer abends nicht weiss wohin, der kann in unserer Notunterkunft schlafen. Momentan sind dort elf Betten belegt, vier sind frei.» Auf die Nachfrage, warum es dann Menschen gäbe, die draussen nächtigen, an der Hafenhalle zum Beispiel, so antwortet Holzer, dass dies eine freiwillige Entscheidung sei. «Wir sprechen mit den Menschen und informieren sie über unser Angebot. Aber wenn jemand lieber unter freiem Himmel schläft, dann müssen wir das akzeptieren.» Bislang hat das gut funktioniert, es gab niemanden, der die Winternächte nicht überlebt hat. Einen Tee oder Kaffee kann man aber spendieren, wenn man jemandem in der Kälte begegnet. Das hilft immer. Und wenn es nur für ein paar Minuten ist.

GEDICHT
Für was brauche ich den Staat?
Wenn ich kein Haus habe.
Für was brauche ich die Erde?
Wenn ich keinen Garten habe.
Für was brauche ich Minister?
Wenn ich keinen Pass habe.
Für was brauche ich die Bank?
Ich habe keine goldene Karte.
Für was brauche ich eure Kirche?
Wenn von euch keiner Gott kennt.
Für was braucht es die Zeitung?
Das ist nicht meine Meinung.
Für was brauche ich eine Show?
Wenn ich kein Fernsehn habe.
Für was brauche ich Internet?
Wenn ich keinen Laptop habe.
Für was brauchst du Aerobik?
Wenn ich keine Erotik habe.
Es ist fast elf Uhr,
ich habe kein Bett.
Wo ist das Ende?
Warum muss ich warten?
Davit V.

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