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Man sieht nicht nur mit den Augen

Kreuzlingen – Tobias Günter absolviert zurzeit das einjährige Lernvikariat in der Evangelischen Kirchgemeinde. Er möchte ein guter Pfarrer werden, auch wenn ihn seine angeborene Sehschwäche vor einige Hindernisse stellt.

Vikar Tobias Günter. (Bild: sb)

Ein Theologiestudium allein reicht heute nicht aus, um eine Kirchgemeinde zu führen. Viel Wert wird stattdessen auf die praktische Ausbildung gelegt. «Zuhören und auf die Gefühle anderer eingehen zu können, ist elementar», sagt Tobias Günter über den Bereich Seelsorge in diesem letzten, aber ganz wichtigen Abschnitt seines Vikariats. Statt Theorie zu pauken, viel zu lesen und Prüfungen zu bestehen, steht in der Praxis der Kontakt mit den Kirchbürgerinnen und Kirchbürgern im Vordergrund. «Ich lerne, einen Gottesdienst zu gestalten, auf traditionelle oder kasuale Weise. Oder den Religionsunterricht zu führen und mich Jugendlichen gegenüber verständlich auszudrücken», sagt Günter. Das theologische Wissen diene ihm als Hintergrund, aber: «Die Kunst, das Evangelium in der Gemeinde zu kommunizieren, ist eine ganz andere Welt als das Studium.»

Der Wechsel von der Universität in die Gemeinde gestaltet sich für jeden Pfarrer anspruchsvoll. Für Tobias Günter ist er besonders schwierig, denn der 28-Jährige ist von Geburt an sehbehindert. Er sieht 20 Prozent. «In der Schule habe ich immer extra grosse Arbeitsblätter bekommen», erzählt er. «An der Uni arbeitete ich mit einem Scangerät, das mir dann die Texte vorlas. Zwei Drittel des Stoffes eignete ich mir so an.» Zu planen, zu lesen, per Mail zu kommunizieren, all das stellt kein Problem für ihn dar.

Aber in der Pfarrei ist das mündliche Gespräch und der souveräne Auftritt wichtig, was in der Vergangenheit nicht immer ohne Fehler funktionierte. Bei einem Gottesdienst sprach er beim Abendmahl das Schlusswort zu früh, weil er nicht so weit sah. «Da könnte mir der Messmer Hilfestellung leisten, hat mir Pfarrer Brot geraten», so Günter. Im Religionsunterricht an der Oberstufe hätten die Schüler ihre Grenzen ausgetestet, was ganz normal sei. «Sie flüsterten oder stiegen gar auf die Tische. Sie meinen es nicht bös. Aber das muss noch straffer werden», hat er sich vorgenommen. Eine feste Sitzordnung habe sich dabei als hilfreich herausgestellt oder das Herumgehen zwischen den Tischen.

«Die praktische Ausbildung ist viel professioneller als früher», sagt Pfarrer Damian Brot. «Aber sie ist trotz Pfarrermangel sehr wichtig.» Zahlreiche Kompetenzen, Kontaktaufnahme etwa oder Teamarbeit, würden speziell trainiert. Brot besucht extra eine berufsbegleitende Weiterbildung an der Universität Bern, um seinen Vikar anzulernen.

Seit August ist Günter in Kreuzlingen. Seine Ordination soll Ende Juli sein. Zur Ausbildung gehört auch, ein Projekt mit Freiwilligen aufzugleisen, mit dem auch kirchenferne Menschen angezogen werden sollen. So hat er im Rahmen des Café-Treffs-Philosophie eine dreiteilige Veranstaltungsreihe zum Thema «Menschenwürde» initiiert. Ihn habe der Begriff schon immer interessiert. «Ist es ein Rechtsbegriff oder ein relatives humanistisches Konzept?», fragt sich Günter. Zum Thema werden unter anderem der Kreuzlinger Nationalrat Christian Lohr und der Imam Rehan Neziri referieren. Renata und Urs Egli-Gerber sowie Pfarrer Brot gehören mit Team. Am 10. Februar, 20 Uhr, ist im Bleichesaal das erste Referat.

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