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Fragwürdige Operation am offenen Herzen

Leserbrief – Wehret den Anfängen – NEIN zu einer 30er Zone auf einer Hauptstrasse. (Niklaus Hürsch, Kreuzlingen)

(Bild: archiv)

Für fast 6,7 Millionen Franken will der Kanton und die Stadt die Romanshornerstrasse sanieren und «aufwerten» (die Frage ist nur: zu was?). Ich habe absolut nichts gegen die Sanierung der Romanshornerstrasse oder gegen Velofahrer und Fussgänger, aber dieses Projekt muss man einfach ablehnen. Nachdem man rund um den See immer grössere Abschnitte von 80er in 60er und 50er Zonen umwandelte (es gibt schon heute keine einzige 80er Zone mehr zwischen Romanshorn und Staad), will man nun hier in Kreuzlingen den nächsten Tabu-Bruch wagen und die erste 30er Zone auf einer Hauptstrasse errichten. Der Kanton bezeichnet dies selbst als Pilot-Projekt, d.h. es ist sehr wahrscheinlich, dass nachher auch andere Gemeinden am See und im Kanton das Gleiche verlangen werden. In Frauenfeld findet übrigens auch bereits eine solche Diskussion statt.

Die Romanshornerstrasse ist nicht nur für Kreuzlingen eine der wichtigsten Strassen, sondern auch für die Seegemeinden, Wirtschaft und somit den ganzen Kanton. Wir wollen eine leistungsfähige Strasse, auf der man auch in einer vernünftigen Zeit von A nach B fahren kann. Wenn man jetzt anfängt, 30er Zonen auf einer solchen Hauptstrasse zu installieren, dann wird sich die Fahrzeit dem See entlang noch mehr unnötig verlängern.

Gleichzeitig wie man uns ein solch fragwürdiges Projekt schmackhaft machen will, werden die Preise für den Stadtbus um bis zu 40 Prozent erhöht. Auch die SBB schlagen munter immer weiter auf (eine Fahrt von Kreuzlingen nach St. Gallen Retour kostet heute schon beinahe 40 Franken). Man würde also besser das Geld in den Stadtbus und in den ÖV investieren und hier vernünftige Preise verlangen und so für Entlastung der Strassen sorgen, statt in eine «Aufwertung», die Wenigen nutzt und viele Leute zusätzlich behindert.

Leider hat man es ja bis heute auch nicht geschafft, den Boulevard autofrei zu machen (man «bastelt» munter weiter mit neuen Verkehrsregelungen). Stattdessen möchte man nun an einem weiteren Ort in der Stadt eine «Begegnungszone» einrichten. Die Fahrbahnbreite der Strasse wird auf 6,30 Meter reduziert und dies führt dazu, dass sich zwei Lastwagen (Breite ohne Spiegel 2,5 Meter) oder Busse, die noch breiter sind, kaum vernünftig kreuzen können. Noch schlimmer wird es, wenn sich ein oder mehrere Radfahrer auf der Strasse befinden, dann wird sogar das Kreuzen von PW/PW schwierig. In der Botschaft wird erwähnt, dass der Bus als Pulkführer fährt. Es wird aber wahrscheinlich eher so sein, dass ein Velofahrer das «Paket», wie es so schön heisst, anführen wird und sich dahinter dann dauernd noch mehr Staus bilden werden. Oder die Autofahrer werden wahrscheinlich noch von E-Bikes überholt. Alles in allem ist dies sicherlich kein Gewinn an Verkehrssicherheit sondern wird zu riskanten Überholmanövern «einladen». Man kann dann aber vielleicht gleich einen Radar installieren und so noch ein paar zusätzliche Franken einnehmen. Die Frage ist auch, wer denn schon an einer Strasse mit täglich bis zu 17000 Fahrzeugen überhaupt spazieren will? Die Kinder sollen sich sicherlich auch nicht länger als nötig an einer wichtigen Durchgangsstrasse aufhalten. Für wen soll man also die Trottoirs vergrössern und dafür alle anderen Verkehrsteilnehmer mehr gefährden? Warum muss man die Geschwindigkeit der Verkehrsteilnehmer auf der Strasse überhaupt angleichen? Wahrscheinlich für die «täglich» stattfindende Bodenseerundfahrt!

Hier noch ein Vorschlag: Damit die Kreuzlinger im Westen und Süden der Stadt immer noch in nützlicher Zeit in den Osten kommen, könnte man ja die Alte St. Gallerstrasse zur Autobahn ausbauen. So könnte man den Verkehr ja dann via Bottighofen in unsere Einkaufszentren im Osten der Stadt bringen. Alternativ könnte man auch die Strasse im Tägermoos sanieren, damit man dann direkt nach Konstanz zum Einkauf fahren kann, statt sich durch die Stadt zu quälen.

Sagen Sie daher NEIN zu dieser fragwürdigen Operation am offenen Herzen (leider hat man es verpasst, eine Zweitmeinung einzuholen und nur die Sanierung als Option vorzuschlagen). Wir haben bereits genug Staus in Kreuzlingen und müssen nicht noch weitere künstlich erzeugen. Denn bis wir endlich eine valable Alternative wie die OLS erhalten, werde ich wahrscheinlich mit dem Rollator über die Romanshornerstrasse «rasen» oder direkt mit Drohnen ins Ziil geflogen werden.

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One thought on “Fragwürdige Operation am offenen Herzen

  1. Bruno Neidhart

    Für die S-Kurve in der Dorfmitte von Kurzrickenbach, einschliesslich des Schulhausbereichs, ist eine 30er Zone durchaus sinnvoll. Die Umgestaltung dieser wichtigen kantonalen Durchgangsstrasse vor und nach der Dorfmitte durch eine vorgesehene Verkehrsbeeinflussung durch langsamen Radverkehr oder einem stehenden Bus ist hingegen ein Experiment mit unsicherem Ausgang. Sicher ist nur: Auf Dauer wird der Verkehr auf allen Strassen eher langsamer, als schneller. Daran haben sich Auto-Mobile zu gewöhnen. Dieser Prozess ist übrigens schon längst im Gange, nicht zuletzt hervorgerufen durch die allgemeine Zunahme des Verkehrs, der Sicherheits- und Umweltauflagen, usw. In der weit verzweigten Stadt Kreuzlingen trägt der öffentliche Verkehr nur marginal zu einer Reduzierung des automobilen Verkehrsaufkommens bei, zumal die grossen Parkplätze der Einkaufszentren an der Peripherie der Stadt geradezu einladen, automobil einzukaufen. Wo immer Parkplätze vohanden sind, ob nun im merkantilen Bereich oder bei Freizeit- und Sporteinrichtungen (z.B. Schwimmbad), bei Behörden und Schulen, werden sie nach wie vor besonders privat angefahren. Dazu sind Parkplätze geschaffen. Eine gewisse „Neusortierung des Verkehr“ kann allenfalls durch die „Alterspyramide“ oder die heute für „Newcomer“ enormen Anschaffungs- und Betriebskosten eines Fahrzeuges eintreten. An ein radikales Umdenken in Sachen Verkehrsgewohnheiten ist in absehbarer Zeit jedoch nicht zu rechnen. Zudem ist der wirtschaftliche und private Wohlstand, besonders in thurgauisch-ländlichen Gebieten, nach wie vor gutteils mit der privaten Mobilität vergesellschaftet. In grösseren städtischen Agglomerationen mag dies bereits etwas anders lauten. Grundsätzlich sind wir wohl noch lange Gefangene des automobilen Systems.

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