/// Rubrik: Stadtleben | Topaktuell

Erster Preis mit bewegender Prosa

Kreuzlingen – Die 16-Jährige Kanti-Schülerin Amara Cespedes hat am Literaturfestival «Junge Texte» in Frauenfeld den Festivalpreis gewonnen. Bei uns können Sie den Gewinner-Text «Wenn die Rotkehlchen verstummen» lesen.

Amara Cespedes in Frauenfeld. (Bild: www.jungetexte.ch)

Auszug aus «Wenn die Rotkehlchen verstummen»:

Die Erinnerungen, nur noch schummrige Fetzen der Ereignisse, die mir einst Albträume beschwerten. Einige klar und deutlich, andere drohten mir aus meinem Geiste zu entgleiten. Es waren meistens die guten Erinnerungen, die davonflogen, wie Vögel, Rotkehlchen, als mussten sie sich in anderen Köpfen einnisten und Gutes verbreiten. Aber bei mir wollten sie nicht bleiben, die Rotkehlchen, ich gab ihnen zu wenig Nahrung für ihre Nachkömmlinge. Einzig die Raben nisteten sich ein, dunkel und gefährlich, pickten an meinem Körper, meiner Seele. Sie erschreckten die Rotkehlchen mit ihrem Gekrächze, auch mich schreckten sie damit Tag für Tag auf. Doch ich konnte sie nicht vertreiben. Denn wo sollten die Raben sonst leben, wenn nicht bei mir?

Und so kamen sie auch heute wieder.

Gelächter. Tränen. Es ist das erste Mal seit Jahren, an dem meine ganze Familie an einem Tisch sitzt. Die Baklawas meiner Tante sind schon lange aufgegessen, die Geschenke an die Kinder schon lange ausgepackt. Die sengende Hitze macht mir zu schaffen, ich klebe am Stuhl. Ich sehe, wie es meinem kleinen Bruder genauso ergeht. «Können ich und Bassam draussen spielen gehen?», frage ich meine Eltern, da ich es nicht mehr länger aushalte. Mein Vater schaut mich tadelnd an, doch meine Mutter sagt zu ihm: «Es ist Bayram. Lass sie raus spielen gehen.» Mein Vater nickt mir zu und meine und Bassams Miene hellt sich auf. Wir springen förmlich von unserem Stuhl und gehen nach draussen. Mein Bruder schnappt sich den Fussball, den wir wie unseren Augapfel unter der Verandabank hüten. Allmählich beschweren sich auch unsere Cousins bei ihren Eltern und folgen uns hinaus. Wir wollen zum gewöhnlichen Platz laufen, wo wir sonst immer Fussball spielen, doch mein Blick fällt auf die Weide unseres Nachbarn, welche sonst immer besetzt ist, aber heute leer zu sein scheint. Der Besitzer ist alt, und scheucht uns immer sofort weg, wenn wir dem Feld zu nahe kommen. Es ist grösser als unser Platz, also schlage ich vor, dort spielen zu gehen. Meine Verwandten folgen mir und wir fangen sofort an zu spielen.

Ich renne. Der Geruch des Grases steigt mir in die Nase, ich spüre den ledernen Ball an meinem Fuss. Dann, plötzlich, ein Schienbein, das sich zwischen mich und den Ball schiebt. Es zieht mir den Boden unter den Füssen weg. Ich bleibe einen Moment liegen, versuche meine Tränen zurückzuhalten, dann richte ich mich auf. Wütend sehe ich mich um. «Wer war das?», schreie ich wutentbrannt und blicke in die Runde. Mit schuldbewusster Miene sieht mich Bassam an und flüstert: «Tut mir Leid». Ich reisse ihm den Ball aus der Hand, schreite in Richtung Tor und rufe «Freistoss!» Alle gehen auf Position. Immer noch gefüllt mit Wut schiesse ich mit voller Wucht auf das abgesteckte Tor und verfehle. «Verdammt!», rufe ich aus, »Bassam, geh den Ball holen!» «Aber du hast ihn doch ins Abseits geschossen», protestiert mein kleiner Bruder. «Es ist aber deine Schuld, dass es überhaupt einen Freistoss gegeben hat», erwidere ich. Er trottet los, dem Wald entgegen, der an das Feldstück grenzt. Die Sonne prallt auf uns nieder, und ich werde langsam ungeduldig.

Dann höre ich Bassams zarte Stimme: «Ich hab ihn gefu-» …

Ein ohrenbetäubender Knall ertönt.

Das stechende Summen in meinen Ohren zwingt mich auf die Knie, ich halte mir die Ohren zu und sinke zu Boden. Das Summen lässt mich keinen klaren Gedanken fassen, es scheint mein Gehirn aufzuweichen, es langsam unbrauchbar zu machen. Ich spüre dumpfe, schnelle Schritte auf dem Boden. Als ich aufblicke, sehe ich meine Eltern den Wald entgegenrennen, aus dem nun eine Rauchwolke herausquillt. Mein Kopf bringt nur mühsam einen Gedanken hervor.

Bassam.

Die riesige Staubwolke verdeckte fürs erste den kleinen Körper, oder was davon noch übrigblieb. Man konnte nur noch wenige Überreste von Bassam finden. Der Dorfälteste entschied, dass meine Eltern ihren Sohn nicht bergen durften, da das Detonationsrisiko immer noch zu hoch war.

Meine Eltern konnten ihren eigenen Sohn nicht begraben.

Sie hielten trotzdem eine Zeremonie ab. Was sie an dieser Zeremonie über ihn sagten, habe ich nie erfahren. Ich verliess das Dorf in der Nacht davor. Wovor ich wegrannte war ich mir nicht sicher. Jede Nacht suchten mich die Albträume heim. Jede Nacht kamen sie, schickten mich an den gleichen Tag zurück, wieder und wieder. Jede Nacht hörte ich das ohrenbetäubende Summen. Jede Nacht versuchte ich ihn zu retten, versuchte ihm nachzurufen. Doch es war jede Nacht zu spät.

Seit jenem Tag schleppte ich mich vorwärts. Versuchte, einen Fuss vor den anderen zu setzen. Scheiterte. Es war jeden Tag das Gleiche, die Gewissheit, ihn in der nächsten Nacht nicht retten zu können. Manchmal schrie ich «Warum?», wenn er im Wald verschwand, «Warum verlässt du mich?», doch er schüttelte dann immer nur den Kopf. Er sah mich dann mit einem Blick an, den ich bis heute nicht deuten konnte.

Nur die Gewissheit blieb, dass sich am Ende jeder Nacht der Himmel rot färbt und den Morgen ankündigt.

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