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Jüdisches Leben im Bodenseegebiet

Konstanz – Noch bis zum 29. Oktober ist im Archäologischen Landesmuseum Baden-Württemberg die Sonderausstellung «Zu Gast bei Juden. Leben in der mittelalterlichen Stadt» zu sehen. Immer dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr.

Das jüdische Leben in der Region wird im Archäolgischen Landesmuseum Konstanz gezeigt (Bild: zvg)

Wer im späten Mittelalter die Städte im Bodenseeraum besuchte, traf wie selbstverständlich im bunten Trubel auch auf deren jüdische Bewohner. Über 250 Jahre lang, von etwa 1200 bis etwa 1450, waren jüdische Familien Teil der städtischen Kultur des Mittelalters. Die Juden pflegten Beziehungen zu Klerikern, Rittern und Kaufleuten, betrieben theologische Studien und waren kosmopolitisch vernetzt bis nach Frankreich, Italien und Böhmen. Die städtische Kultur des Mittelalters am Bodensee war – in dieser Hinsicht der Gegenwart nicht unähnlich – von einem multireligiösen und multikulturellen Alltag geprägt. Ab dem Beginn des 14. Jahrhunderts wurde das Zusammenleben durch brutale Verfolgungswellen immer wieder unterbrochen. Schliesslich beendete die Vertreibung der Juden aus den Städten im 15. Jahrhundert die gemeinsame Kultur, und das jüdische Erbe wurde weitgehend zerstört. Durch diese gezielte Vernichtung ist die gemeinsame Geschichte fast vergessen. Falsche Vorstellungen haben sich unter Juden wie Nichtjuden über diese Epoche ausgebreitet. Anders als angenommen lebten die Juden der Bodenseeregion zum Beispiel keineswegs in Ghettos, sondern oft im Zentrum der Städte und hatten christliche Nachbarn.

Ausstellung und Exponate
Die Erforschung der bedeutenden Kulturregion Bodensee fand bisher nahezu ohne Berücksichtigung ihrer jüdischen Anteile statt. Die Sonderschau hingegen präsentiert das gemeinsame kulturelle Erbe von Juden und Christen im erweiterten Bodenseegebiet im Rahmen des Programms zum «Jahr der Religionen» der Konstanzer Konzilsfeierlichkeiten 2017. Damit soll der jüdische Aspekt dieser Kulturen zum einen in der Kulturgeschichte des Bodenseeraumes und zum anderen in der Geschichte der Juden in Europa verankert werden.
Die Besucherinnen und Besucher begegnen vor allem der Bilderwelt der Juden am Bodensee als dem besonders herausragenden Zeugnis der mittelalterlichen jüdischen Kultur der Region. Neben Medieninstallationen zeigt die Ausstellung prunkvolle Exponate wie hebräische Prachthandschriften, die in Konstanz oder in benachbarten Städten hergestellt wurden. Im Zentrum der Ausstellung befindet sich die Nachbildung einer mittelalterlichen jüdischen Züricher Wohnstube. Es werden kostbare Leihgaben präsentiert, die sich heute in Oxford, Budapest, Darmstadt, Hamburg, München, Zürich und an weiteren Orten befinden. Sie wurden bisher nie zusammen gezeigt und kehren nun zum ersten Mal zum Ort ihrer Entstehung zurück.
Der Ort der Sonderschau in Konstanz bietet die einmalige Möglichkeit, Ausstellung und Erinnerungsorte jüdischer Geschichte in der Konstanzer Altstadt im Rahmen von Führungen zu verknüpfen. Zur Ausstellung erscheint im Stadler Verlag ein umfangreicher Begleitband. Begleitend zur Sonderausstellung wird eine Vortragsreihe sowie ein umfangreiches Vermittlungsprogramm auch kombiniert mit Führungen in der Stadt Konstanz angeboten. Weitere Infos:            www.konstanz.alm-bw.de

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