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«Die Natur langweilt mich zu Tode»

Gottlieben – Der Schriftsteller Paul Nizon ist 1929 in Bern geboren und aufgewachsen. Vor 40 Jahren zog es ihn nach Paris, wo er bis heute lebt. Im Rahmen der Lesung im Bodmanhaus heute Abend rezitiert Nizon aus seinen Passagen «Parisiana». Vorab traf sich der Schriftsteller mit unserer Redaktorin Veronika Fischer auf einen morgendlichen Weisswein am Gottlieber Ufer und sprach über das Leben in der Grossstadt, die Arbeit eines Schreibenden und warum seine Werke auch auf Ablehnung stiessen.

Der Schriftsteller Paul Nizon in Gottlieben. (Bild: vf)

Kreuzlinger Zeitung: Herr Nizon, Sie sind in Bern aufgewachsen. Ist die Schweiz für Sie nach 40 Jahren in Paris noch Heimat?
Paul Nizon: Nein, die Schweiz ist für mich überhaupt nicht Heimat. Es ist meine Kindheit. Ich bin ab und an für kürzere Besuche dort. Aber als ich 1977 entschied nach Paris zu ziehen, wusste ich, dass es definitiv ist und kein kurzer Aufenthalt ist. Meine Heimat ist die Grossstadt Paris.

In «Parisiana» schreiben Sie an einer Stelle: «Natur ist göttlich, Stadt ist Menschenwerk». Warum bezieht sich Ihre Faszination nicht auf das Göttliche?
Das entspricht nicht unserem Wesen. Wir laufen ja heutzutage nicht mehr mit Pfeil und Bogen herum. Die Natur langweilt mich zu Tode. Mir fehlt der Rummel, die Menschenvielfalt, der Lärm, das Geschehen. (Drei Schwäne fliegen am Ufer vorbei.) Wussten Sie, dass Schwäne fliegen können? Nicht gerade elegant!

Sie fliegen keine weite Strecken… Hat sich in Paris für Sie erfüllt, was Sie gesucht haben? Kunst, das Leben der Avantgarde, Freiheit?
Ja, es hat sich alles erfüllt. Ich habe niemals mit dem Gedanken gespielt wieder wegzugehen. Ich bin lebensgierig. Die Grossstadt befriedigt mich im Gegensatz zur Natur mit ihrer Andacht und Stille. Obwohl: Im Hintergrund läuft ja dort auch eine entsetzliche Mörderei, aber davon bekommt man nichts mit. Ich neige im Grünen schnell dazu mich zu langweilen. In der Adoleszenz hatte ich eine Phase, da verstand ich die Natur als Folie meiner Gefühle und war voll von einer grossen Naturtrunkenheit. Aber das ging schnell vorüber und es zog mich in die grossen Städte: München, Venedig, Florenz und Paris.

Wie lebt es sich heute in Frankreich, in Zeiten von Terroranschlägen und den vergangenen Wahlen?
Die Stadt hat sich sehr verändert, aber die Substanz ist gleich geblieben. Die Frequenz der Attentate ist hoch, viele Menschen haben Angst. Man sitzt im Cafè und stellt sich vor,    dass Männer mit Kalaschnikows hereinstürmen und zu schiessen beginnen, wie im Gangsterfilm. Oder in der Metro, ein Bombenanschlag …

Begleitet Sie diese Angst auch in Ihrem Alltag?
Bei mir ist das nicht der Fall. Ich lebe sehr abgezirkelt. Aber manchmal fällt es mir ein und ich denke mir, dass ich jetzt eigentlich Angst empfinden sollte. Ich habe auch schon Situationen verlassen, in denen ich mich nicht wohlgefühlt habe. In einer grossen Stadt ist man immer irgendwie in Gefahr.

Schreiben Sie im Caféhaus?
Nein. Um zu arbeiten muss ich mich abkapseln. Ich gehe in einem regelmässigen Rhythmus in mein Atelier und arbeite dort von mittags bis acht Uhr abends. Auch wenn nicht viel passiert, tut sich doch immer etwas. Wenn man nicht weiter kommt, belagert man die Schwierigkeit, in der man steckt so lange, bis sie sich auflöst. (Eine Ente schwimmt vorüber und quakt lauthals.) Die Stimmen dieser Tiere sind wirklich nicht betörend. Aber man kann ja nicht alles haben!

Arbeiten Sie noch als Kunstkritiker oder schreiben Sie nur noch literarisch?
Ich bin schon immer Schriftsteller und habe nie mit einem anderen Beruf geliebäugelt. Die Sprachmaschine funktioniert bei mir am besten. Die Kunstkritik hat mich zu Anfang brennend interessiert, denn die damalige Kunst der Moderne hatte die gleichen Themen wie ich. Das Abstrakte, Expressive, die Nachkriegskunst. Dann wurde ich zum leitenden Kunstkritiker der NZZ berufen. Die Zeitung wurde damals «Adenauers Morgenblatt» genannt und erschien drei Mal täglich: morgens, mittags und abends. Das habe ich aber nicht lange gemacht. Ich habe es schnell als lächerlich empfunden, in meiner Position gleichzeitig literarisch meine Bordellbesuche auszubreiten. Das war unmöglich.

Also haben Sie sich dann ganz der Literatur gewidmet. Wie wird man Schriftsteller?
Man fängt einfach damit an. Ich hatte viele Aufzeichnungen, die nichts taugten. Und auch ein paar Gedichte, wie jedermann. Es dauert eine Weile, dann lernt man durch Lektüre und Schreiben den eigenen Ton zu finden und das Zeug abzuführen, das in einem wütet. Man muss es irgendwie loswerden. Mich haben die Werke von Hermann Broch inspiriert. Damit wurde mir klar, dass man Erzählerisches mit Reflektivem kombinieren kann.

Und wie haben Sie einen Verlag gefunden?
Das war ganz einfach. Ich habe eine Dissertation über Van Gogh verfasst und in diesem Rahmen die Anfrage eines Verlegers bekommen, ob ich nicht eine Auswahl seiner Briefe zusammenstellen könnte. Ihm habe ich meine Buchidee «Die gleitenden Plätze» vorgelegt und sofort einen Vertrag unterzeichnet. Daraufhin sind andere Verlage auf mich zugekommen. Der Anfang war sehr leicht.

Wurde es schwerer?
Die Schwierigkeiten kamen später mit meinem Ruhm. Ich bin auf viel Ablehnung gestossen und hatte scharfe Kritiker. Ich gelte als ein umstrittener Autor.

Was war der Inhalt der Kritiken?
Zum einen war es das Fehlen von sozialem und politischen Engagement. Das war damals eine unbedingte Forderung an die Literatur. Sobald jemand eine Zeile mit «Vietnam» geschrieben hat, war es gleich Lyrik. Da habe ich nicht mitgemacht. Dann war es meine unverhüllte Erotomanie und Sexualisierung, das war speziell bei den Feministinnen nicht beliebt. Und zum dritten wurde ich oft kritisiert wegen der fiktiven Auslotung meiner eigenen Biographie. Ich habe stofflich viel aus meiner Vita geschrieben, es aber stets verfremdet. Für mich zählt nichts als die Sprache, ich bin kein Inhaltsverteiler oder Verpackungsathlet. Haben Sie meine Bücher gelesen?

«Parisiana» habe ich gelesen, Ihre anderen Bücher bislang noch nicht.
Dann sage ich Ihnen das in Ihren Unverstand hinein, weil Sie ja ausser Ihrer Pflichtlektüre nichts von mir kennen: In der Sprache liegt die ganze Wahrheit und die Wahrhaftigkeit. Es gibt nichts ausserhalb davon, das zählt.

Paul Nizon:
«Parisiana»,
149 Seiten,
Matthes & Seitz Verlag,
14,90 Euro

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