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Ganz schön ungehobelt: «Fredis Schwarte Bar» in Alterswilen

Alterswilen – Heute Abend öffnet Fredi Koller seine «Schwarte Bar». Das Probelokal am Bach 8a wird dann zum Treffpunkt für Rock 'n' Roller aus der Region und Freunde, Nachbarn und Bekannte. Bald feiert die Band «Maul Wurf» ihr 20-Jähriges dort.

Bandleader Fredi Koller und «Maul Wurf»-Sängerin Jeannine Lenherr anlässlich eines Auftritts in der Bodensee-Arena. (Bilder: sb/zvg)

«Früher hiess es Sex, Drugs und Rock ’n‘ Roll. Heute ist nur noch der Rock ’n‘ Roll übrig geblieben», sagt Fredi Koller mit einem Augenzwinkern während der Führung durch sein ehemaliges Magazin. Es liegt direkt neben dem Haus, in dem er aufwuchs, die Treppe rauf zur Terrasse. Dort sind die Sitzgelegenheiten aus Paletten, innen leuchtet eine Lampe aus einer zum Tisch umfunktionierten Schlagzeugtrommel. Es wirkt improvisiert und farbenfroh. Eigenhändig hat der Dachdecker den grossen Raum mit den schrägen Wänden ausgebaut. Hier proben «Maul Wurf», eine fünfköpfige A-Capella Band, deren Leader er ist und die schon im Schweizer Fernsehen zu sehen war, Radio-Airplay hatte und an der Eröffnung des Gotthard-Tunnels singen durfte. 30 Konzerte gibt die Gruppe pro Jahr. Sie haben mehrere Alben veröffentlicht und proben einmal die Woche.

 

 

 

Als Dekoration hängen im «Maul Wurf»-Proberaum die namensgebenden Schwarten, Holzbretter, deren äussere Seite noch Rinde aufweisen. Deswegen werden sie normalerweise aussortiert. So wie vielerorts Musikliebhaber ihre alten Schallplatten aussortieren.
Nicht so die Kollers. Hier wandern die geliebten Scheiben direkt in den Plattenkoffer, um sie auf der nächsten Party aufzulegen. Oder sie werden stolz an die Wand gehängt, Zeugen eine Leidenschaft für Musik, die bis heute nicht versiegte. «Wir sind die alten Rock ’n‘ Roller», sagt der 57-Jährige über sich und seine Gäste. Und in Anspielung auf einen Song von Rudolf Rock und den Schockern (der wiederum auf dem 60s-Hit «High School Confidential» von Jerry Lee Lewis basiert): «Unser Motto ist immer noch: Rocken bis die Schwarte kracht.»  Denn der Ursprung des Namens seiner Mini-Bar geht weit zurück. Anfang der 80er, zur Zeit des ersten grossen Rock ’n‘ Roll-Revivals, gab es in Altnau eine Bar mit demselben Namen. Hier trafen sich junge Erwachsen und liessen die Subkulturen des Rock ’n‘ Roll wieder aufleben. Teddy Boys in schicken Anzügen, Rockabillys in Collegejacken und Rocker mit Röhrenjeans und Lederjacke trafen dort ihre Mädchen mit Betty-Page-Schnitt und Petticoat, um wilde Parties zu feiern. Nicht selten kamen die jungen Leute stilecht in aufgemotzen US-Cars vorgefahren. Damals war Koller ein begeisterter Tänzer, der auch an Turnieren eine flotte Sohle aufs Parkett legte. An der Schweizermeisterschaft im Jahre 1984 wurde er Vierter. Und auch heute noch wirbelt er gern über die Tanzfläche. «Aber als Rock ’n‘ Roller hat man’s schwer im Ausgang», klagt er.

Im Gedenken an die Kultbar aus dem Öpfeldorf
Vor 36 Jahren war das anders. Nachdem die Schwarte Bar öffnete, mauserte sie sich schnell zur Kult-Location. Original Hits aus den 50er und 60er Jahren dröhnten hier aus den Lautsprechern, Songs von Bill Halley, Elvis Presley, Ricky Valens oder Brenda Lee, bis die Äpfel an den Bäumen wackelten. Der Laden entwickelte sich zum Szenetreff. Aus Zürich und von weiter her kam das Publikum angereist. Bei einigen enthusiastischen Jugendlichen zündete der Funken stärker, sie gründeten Bands oder zumindest eine Gang und schrieben sich einen Schriftzug hinten auf die Jacke, wie es die Charaktere aus Filmen wie «American Graffiti» oder «The Wanderers» machten. Selbst in Tägerwilen gab es mit den «Ducks» eine Rock ’n‘ Roll-Gang.

Doch alles hat ein Ende und so schloss auch die Bar irgendwann ihre Pforten. Wie bei jeder Szene wuchsen die einen irgendwann heraus. Andere blieben ihrer Leidenschaft treu, verloren sich nie vollständig aus den Augen. Auch heute noch gibt es Szenelokale, wo man sich trifft, etwa die Roxy Bar an der Konstanzerstrasse in Kreuzlingen. Selbstverständlich ist Koller ebenfalls da, wenn es live Musik gibt. Ansonsten sind die Angebote leider spärlich.

Revival Day kam sehr gut an
Aus Mangel an Alternativen und um einfach eine grosse Party zu feiern, entschlossen sich einige also dazu, die Schwarte Bar zum 35-jährigen Jubiläum wiederauferstehen zu lassen. Das Fest wurde ein voller Erfolg, und in Koller reifte die Idee, da ein mehr oder weniger regelmässiges Ding draus zu machen. Gesagt, getan. Im November öffnete «Fredis Schwarte Bar» das erste Mal. Heute Abend ist bereits der vierte Anlass. Eine gute Gelegenheit für alle Rock ’n‘ Roller, sich die Haare zur Tolle zu kämmen und auf den alten Sound abzufahren. Dresscode: Petticoats, Entenschwanz, Röhrenjeans und US-Cars. Ab 17 Uhr gibt es Feierabendbier und Wurst vom Grill. Und selbstgemachten Eierlikör statt Shots von der Stange. Für die passende Musik ist gesorgt.

Die Schwarte Bar funktioniert wie ein Club. Wer feiern will, muss eine Mitgliedskarte besitzen. So gibt es keinen Ärger mit dem Gesetz. «Eine Lizenz als Gelegenheitswirtschaft lohnt sich nicht wegen der Auflagen. Und ausserdem ist zu wenig oft geöffnet», ist sich Koller sicher.
In Planung ist derweil schon der bisher grösste Anlass: das 20-Jahr-Jubiläum seiner Band. Wer es also heute Abend nicht schafft, bekommt mindestens noch eine Gelegenheit, und zwar am 26. August. Menschenscheu sollte man an diesem Abend allerdings nicht sein. «Ich rechne mit mehreren hundert Gästen», sagt der Kemmentaler.

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